Elfmeter-Diskussion in der Bundesliga Die Hand im Spiel

Lucien Favre wittert einen Skandal. Die Strafstoß-Entscheidung in der Partie gegen Mainz 05 lässt den Gladbach-Trainer an den Regeln verzweifeln. Es geht um die alte Frage: Wann ist ein Handelfmeter ein Handelfmeter?

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Von und Ronny Zimmermann


SPIEGEL ONLINE Fußball
Die 30. Minute der Partie gegen Mainz 05 hat Lucien Favre - ein ausgewiesener Liebhaber der Fußballbundesliga- bestätigt. Ein Übel gibt es in der höchsten deutschen Spielklasse: "Das ist für mich ein Skandal, diese Regel hilft dem Fußball nicht. Das ist kein Fußball."

Borussia Mönchengladbachs Trainer spricht von jener Frage, die immer wieder die Liga bewegt: Wann ist ein Handelfmeter ein Handelfmeter?

Diskussionen über die Rechtmäßigkeit von (Hand-)Elfmetern gehören zwingend zum Fußball. Doch seit dem vergangenen Jahr kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass mit den Pfiffen und Nicht-Pfiffen bei Handspielen im Strafraum etwas nicht stimmt. "Die Leute, die diese Regel gemacht haben, die haben nie in ihrem Leben Fußball gespielt", sagt Favre.

"Ich verstehe diese Logik nicht"

Am Sonntag in Mönchengladbach entschied Schiedsrichter Manuel Gräfe in der 30. Minute auf Strafstoß. Borussias Verteidiger Julian Korb hatte zuvor eine Flanke des Mainzers Junior Diaz im Strafraum an die Hand bekommen, Jonas Hofmann traf zum 1:1. "Ich habe den vierten Offiziellen in der Pause gefragt, was da los war", sagte Korb nach dem Spiel. "Er sagte zu mir: Wenn der Arm nach hinten wegspringt, ist es kein Elfmeter. So aber schon. Ich verstehe diese Logik nicht."

Die Regel hinter der vermeintlichen Logik ist so alt wie schwammig. Es geht um die Hand des Fußballers und ihre Haltung. Im Regelwerk der weltweit für alle Schiedsrichter verbindlichen Vorschriften heißt es dazu: "Ein Handspiel liegt vor, wenn ein Spieler den Ball mit seiner Hand oder seinem Arm absichtlich berührt." Und weiter: "Befindet sie (die Hand - d. Red.) sich nämlich in einer unnatürlichen Haltung, muss auch von Absicht ausgegangen werden." Also auch dann, wenn sich die Körperfläche durch Abspreizen der Arme unerlaubt vergrößert.

Absicht, unnatürliche Haltung, Körperfläche vergrößern - schon im vergangenen Jahr haben die Begriffe ob ihrer Auslegungssache für Diskussionen gesorgt. Favre ist dabei ausgewiesener Kritiker der Regel. Nach dem 2:4 bei Bayer Leverkusen im August 2013 sagte der Schweizer: "Die Bundesliga ist fantastisch, alles ist perfekt, aber diese Regel ist katastrophal." Zuvor war dem Mönchengladbacher Juan Arango im Luftduell der Ball an die Hand geköpft worden - von hinten.

"Würde mir schon wünschen, dass hier Klarheit einkehrt"

Es war der Höhepunkt einer wochenlangen Diskussion um Handelfmeter in der Bundesliga, bei der sich neben Favres-Trainerkollegen und dem damaligen Bayern-Präsidenten Uli Hoeneß auch Wolfgang Niersbach zu Wort gemeldet hatte. Auch der DFB-Präsident sah Handlungsbedarf: "Ich würde mir schon wünschen, dass hier Klarheit einkehrt. Und ich weiß von den Schiedsrichtern, dass sie sich das auch wünschen", so Niersbach.

Einen Schritt weiter ist rund ein Jahr später niemand, das Thema bleibt der Liga erhalten. BVB-Profi Mats Hummels plädiert in der aktuellen Ausgabe des "Kicker" ob der Schwierigkeit der Handelfmeter-Entscheidungen für den Videobeweis. Sein Trainer Jürgen Klopp sagt in einem Interview mit Sky Sport News HD: "Das Problem ist nicht die Regel, sondern die Auslegung. Die Schiedsrichter müssen mit zu viel Spielraum agieren. Dass sich Lucien Favre aufregt, kann ich absolut nachvollziehen. An die Regel muss drangegangen werden, sie ist noch nicht hundertprozentig."

Denn auch wenn die Schiedsrichter anderes behaupten, die Klarheit fehlt immer noch. Es sind ja nicht nur Lucien Favre und Borussia Mönchengladbach, die Frust schieben: Schon fünfmal wurde in der Saison 2014/2015 ein Handelfmeter gepfiffen, mindestens zwei davon waren hochgradig diskutabel.

Handelfmeter Saison 2014/2015
  • AP/dpa

    Elfmeter Saison 2014/2015: 14
    davon wegen Handspiels: 5

    Mönchengladbach - Schalke 04

    3. Spieltag, 52. Minute, Endstand 4:1
    Nach Handspiel von Stranzl (Gladbach) trifft Schalkes Choupo-Moting zum zwischenzeitlichen 2:1.


    Hertha BSC - Mainz

    3. Spieltag, 86. Minute, Endstand 1:3
    Bungert von Mainz kriegt den Ball an die Hand, Ronny (Hertha) verwandelt zum zwischenzeitlichen 1:2.


    Schalke 04 - Frankfurt

    4. Spieltag, 40. Minute, Endstand 2:2
    Frankfurts Medojevic spielt den Ball per Hand, Choupo-Moting (Schalke) erzielt das 1:2-Anschlusstor.


    Mainz - Dortmund

    4. Spieltag, 70. Minute, Endstand 2:0
    Nach Handspiel von Okazaki (Mainz) scheitert Dortmunds Immobile an Mainz-Keeper Karius.


    Mönchengladbach - Mainz

    7. Spieltag, 31. Minute, Endstand 1:1
    Ein Handspiel von Korb (Gladbach) nutzt Mainz-Profi Hofmann zum 1:1.


Dass es für Mönchengladbach gegen Mainz nicht zum Sieg gereicht hat, lag übrigens nicht am Handelfmeter für die Gäste. Die Borussia vergab kurz vor dem Abpfiff durch Thorgan Hazard und Raffael zwei Großchancen. Auch das fand Lucien Favre zum Haareraufen.

Der treffendste Kommentar zur Regel-Rage kam ausgerechnet von Mönchengladbachs Gegner vom Sonntag, Mainz-Manager Christian Heidel: "Das mit der Körperfläche kann ich nicht mehr hören. Als Kind habe ich gelernt: Wenn die Hand zum Ball geht, ist es Hand, ansonsten angeschossen. Da diskutieren wir wahrscheinlich in zehn Jahren noch drüber."



insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
Immanuel_Goldstein 06.10.2014
1.
Die Regel ist absoluter Unsinn, denn faktisch gibt es kein absichtliches Handspiel im Strafraum. Welcher Spieler würde denn absichtlich Hand spielen und damit einen Elfmeter verursachen? Entweder ist alles Handspiel, oder nichts.
noalk 06.10.2014
2. Vorschlag
Handspiel ist dann gegeben, wenn der getroffene Arm nicht am Körper anliegt oder sich nicht in typischer Laufhaltung befindet. Ob er der Arm von hinten getroffen wird, darf keine Rolle spielen. Das böte nur Gelegenheit zum tricksen.
Zorin 06.10.2014
3. Elfmeter
ist, wenn der Schiedsrichter pfeifft. Vielleicht sollte man das Herrn Favre noch einmal genau erklären.
milhouse_van_h. 06.10.2014
4. nicht gegebene Elfmeter
schön wäre auch, wenn Sie nicht nur die 5 Handelfmeter dieser Saison benennen, sondern auch die Handspiele, die nicht geahndet wurden, wie z.B. das des Schalker Spielers im Spiel gegen EIntracht Frankfurt.
politik-nein-danke 06.10.2014
5.
Zitat von Immanuel_GoldsteinDie Regel ist absoluter Unsinn, denn faktisch gibt es kein absichtliches Handspiel im Strafraum. Welcher Spieler würde denn absichtlich Hand spielen und damit einen Elfmeter verursachen? Entweder ist alles Handspiel, oder nichts.
zu diesem Thema sollten Sie einmal Luiz Suarez befragen....Stichwort WM-Viertelfinale 2010 in Südafrika Uruguay gegen Ghana.... https://www.youtube.com/watch?v=KcQkwxEGRYc
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