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12. Juli 2007, 16:17 Uhr

Gladbach-Hassliebe

Kein Bock mehr auf Märchenstunde

Die Vergangenheit war glorreich, die Gegenwart ist trist, die Zukunft ... hat Borussia Mönchengladbach eine? Immer war Peter Ahrens Fan des legendären Clubs vom Niederrhein, aber derzeit wird seine Liebe auf eine harte Probe gestellt.

Ich muss ein kompletter Idiot sein. Mein Herz an diesen Verein zu hängen. Borussia Mönchengladbach. Ich fange mal an aufzuzählen: Lothar Matthäus, Stefan Effenberg, Udo Lattek, Frank Schulz, Uli Borowka, Wolfram Wuttke, Holger Fach, Gert vom Bruch, Martin Dahlin, Peter Pander. Und Berti. Die Schreckenskammer der Fußball-Bundesliga. Warum hat eigentlich Mario Basler nie für die Borussia gespielt, warum hat Klaus Schlappner hier nie trainiert? Da muss beim Transfer in letzter Minute irgendwas schief gelaufen sein. Ja, ja, ich weiß, es ist so elend bequem, zu begründen, Gladbach-Fan zu sein, wenn man in den Siebzigern sozialisiert wurde. Man muss nur den alten Grammophonspieler anwerfen, und schon dreht sie sich wieder, die hunderttausend Mal gedrehte Platte: "Netzer, 68er, Fohlen, Offensive, lange Haare, Tiefe des Raumes, sich selbst eingewechselt, sozialliberale Koalition, Büchsenwurf". Rührseliges Sentiment, Wärmestube. Nicht umsonst ist Wolfgang Thierse auch so ein treuer Gladbach-Anhänger.

Schöne Zeiten waren das, wie wir gegen Dortmund 12:0, und der Rehhagel hieß danach nur noch Torhagel, und der Pfostenbruch, und als damals der holländische Schiedsrichter van der Kroft … Schluss. Aus. Ich kann es nicht mehr hören. Ich will es nicht mehr hören.

Was danach kam, konnte großteils der reststofffreien Entsorgung zugeführt werden. Was kann man alles falsch machen? Ins Pokalfinale einziehen und dort gegen einen Zweitligisten den Kürzeren ziehen (1992, gegen Hannover 96). Dick Advocaat verpflichten. Rainer Bonhof einen Cheftrainer-Job geben. Hans Meyer entlassen. Noch einmal langsam zum Mitschreiben: HANS MEYER ENTLASSEN. Mein Gott.

Über einen Verein Verzweiflung und Häme auszugießen, der zuletzt mit einer der miesesten Bilanzen der Bundesligageschichte saft- und wehrlos in die zweite Liga abgestiegen ist, das wirkt ein bisschen billig. Das klingt nach Nachtreten, wenn einer bereits am Boden liegt. Also ändern wir mal ein wenig die Tonart. Werden wir persönlich.

Mein erstes Gladbach-Trikot bekam ich an Weihnachten 1973 von meinen Eltern geschenkt. Da war ich sechs Jahre alt. Das Trikot mit dem grün-schwarzen Längsstreifen, ich habe es ungefähr nach sechs Tagen das erste Mal wieder ausgezogen. Ich habe einen gelben Gummiball gehabt, auf dem Christian Kulik mir sein Autogramm gekrickelt hat.

Ich habe meine erste Busreise zu einem Fußballspiel ins Düsseldorfer Rheinstadion unternommen, im März 1976 an der Hand meines Vaters unter der Anzeigetafel in der Kurve gestanden, Gladbach gegen Real Madrid 2:2. Ich habe 40 Grad Fieber bekommen, als Gladbach viele Jahre später in Madrid nach einem 5:1-Hinspielsieg mit 0:4 aus dem Europacup geschossen wurde. Ich habe – ach, egal. Ich will nicht mehr nostalgisch sein. Das bringt doch alles nichts mehr. Scheiß-Verein.

An dieser Stelle folgt in solchen Bekenntnissen normalerweise bekanntlich der Hinweis, dass man einen Verein nicht wie eine Freundin oder einen Job wechseln könne, das man ihm ein Leben lang verhaftet sei, dass der Club sich den Fan aussucht und nicht umgekehrt. All das eben, was Journalisten seit mehr als zehn Jahren bei Nick Hornby abschreiben und sich dabei als Avantgarde der Popkultur gerieren. Ich schenke mir das. Recht haben sie natürlich trotzdem.

Jetzt also Montagabend im DSF. Ich habe das schon mal überlebt, es war nicht die schlechteste Zeit in der zweiten Liga. Es gab damals mehr Siege als Niederlagen, es gab sogar – aufgemerkt! - Auswärtserfolge. Borussen-Auswärtssieg – ein Wort, das in die Reihe der vom Aussterben bedrohten Wörter aufgenommen gehört. Ein beinahe so schönes Wort wie Kleinod.

Endlich ist der Samstagnachmittag wieder frei. Es gibt angenehme Dinge, die man an einem solchen Samstagnachmittag tun kann. Das Auto waschen. Seine Steuer erledigen. Ich könnte mal wieder einen Kuchen backen. Spazieren gehen. Vielleicht komme ich dabei ja zufällig an einer Arena-Kneipe vorbei. Dann schau ich mal kurz rein. Aber nur um zu sehen, ob die Bayern verloren haben. Wir müssen nicht mehr gegen Cottbus spielen. Das überlassen wir doch gerne mit Kusshand Rostock oder Bielefeld. Die sollen sich auch mal ein bisschen in der Bundesliga austoben, warum denn auch nicht? Dies ist ein freies Land.

Wir dürfen in der Zwischenzeit gegen Köln ran, gegen St. Pauli, gegen die "Löwen" und - gleich am ersten Spieltag - gegen Kaiserslautern, mit denen haben wir ohnehin noch eine Rechnung offen. Damals, es war der 24. April 1998, traf Olaf Marschall kurz vor dem Schlusspfiff zum 3:2 auf dem Betzenberg (schon in der 45. und 61. Minute hatte er hingelangt).

Betzenberg? Was für ein hässliches Wort. Betzenberg! Der wird gestürmt, Oliver Neuville macht das Siegtor, ich bin sicher. Neuville – der einzige unserer WM-Helden in der zweiten Liga. Ach, was für ein wunderschönes Jahr wird das. Das Aachener Tivoli wird geschleift, selbst in Paderborn haben wir eine echte Siegchance. Es ist doch herrlich, ein Borussen-Fan zu sein. Und irgendwann steigen Bielefeld und Rostock auch mal wieder ab.

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