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Bundesligist Mönchengladbach: Bröckelndes Kollektiv

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Gladbach in der Sinnkrise Trümmer eines Traums

Der Abschied von Marco Reus hat in Mönchengladbach eine verhängnisvolle Kettenreaktion ausgelöst. Weitere Schlüsselspieler und auch Coach Lucien Favre scheinen am Club zu zweifeln. Das Management denkt offenbar über einen Neustart nach - ohne den Erfolgstrainer.

Mönchengladbachs Sportdirektor Max Eberl hat derzeit den wohl miesesten Job in der Bundesliga. Am Saisonende wird der 38-Jährige mit Marco Reus und Roman Neustädter zwei seiner wichtigsten Spieler verlieren. Schon jetzt wirkt es, als sei die Borussia, das Überraschungsteam der Hinrunde, auf Normalmaß zurechtgestutzt. Eberl hat Arbeit ohne Ende: Schlüsselspieler und Trainer lassen echte Bekenntnisse zum Verein vermissen, Medien berichten vom Ausverkauf, die Fans fürchten den Absturz ins Mittelmaß. Was ist mit diesem Club passiert?

Bis vor wenigen Tagen sorgte der Tabellenvierte aus Gladbach nahezu ausschließlich für positive Schlagzeilen. Der Dauer-Abstiegskampf der vergangenen Jahre schien vorbei, plötzlich konnte man ernsthafte Ansprüche auf einen Europacup-Platz anmelden. Torwart Marc-André ter Stegen, Verteidiger Tony Jantschke, Mittelfeldmann Juan Arango und eben Neustädter und Reus schienen die Garanten für eine verheißungsvolle Zukunft.

Jetzt stehen mit Reus und Neustädter zwei Abgänge fest, die Borussia wirkt mächtig angeschlagen, obwohl sich in der Rückrunde personell eigentlich nichts zum Schlechten ändert. Kurz nach der Bekanntgabe der beiden Wechsel berichtete die "Bild"-Zeitung von einer Ausstiegsklausel im Vertrag von Abwehrchef Dante. Er hat Vertrag bis 30. Juni 2013, soll aber aufgrund einer Ausstiegsklausel für fünf Millionen Euro schon im Sommer gehen können. Der bis 30. Juni dieses Jahres laufende Vertrag von Arango (drei Tore, sechs Vorlagen) ist noch immer nicht verlängert. Allerdings läuft der Kontrakt automatisch ein Jahr weiter bis 2013, wenn der Venezuelaner auf eine bestimmte Anzahl von Spielen kommt.

Zwei neue Mittelfeldspieler, ein neuer Stürmer

Trainer Lucien Favre, der Erfolgsgarant der Borussia, konnte seine Enttäuschung über den Reus-Abgang zuletzt nicht verbergen. Schon vor Weihnachten sagte er der "Bild"-Zeitung: "Wenn man ein Team aufbauen will und hat den ersten und zweiten Stock schon gebaut - und dann kommt ein Sturm und fegt einen entscheidenden Teil weg, steht man hinterher meist schlechter da als vorher." Abwanderungsgerüchte zu seiner Person zerstreute er nicht.

Das Tempo, in dem die Borussia zu zerfallen scheint, ist bemerkenswert. Es wirkt, als habe der heiß umworbene Jungstar Reus mit seiner Entscheidung, schon im Sommer zu Borussia Dortmund zu wechseln, alle überrascht.

Jetzt arbeitet Sportdirektor Eberl hektisch daran, den Negativtrend zu stoppen. Bisher hat er es verpasst, Aufbruchstimmung zu verbreiten. Nun soll der Ex-Profi eine Liste mit Spielern erarbeitet haben, die spätestens im Sommer zur Borussia stoßen sollen. Dabei soll es sich nach Informationen von SPIEGEL ONLINE um drei Hochkaräter handeln: Aus Basel sollen die Mittelfeldspieler Xherdan Shaqiri (Marktwert 15 Millionen Euro) und Granit Xhaka, für den der Hamburger SV derzeit ebenfalls ein millionenschweres Angebot abgegeben hat, kommen. Vom VfL Wolfsburg will er Stürmer Srdjan Lakic holen, auch VfL-Angreifer Patrick Helmes soll ein möglicher Kandidat sein.

Favre wartet nun ab, mit welchen neuen Spielern es einen Neuaufbau geben könnte. Schon vor der Saison setzte der extrem ehrgeizige Coach den Verein unter Druck und forderte öffentlich weitere Verstärkungen. Intern soll er die Kommunikation zwischenzeitlich beinahe völlig eingestellt haben. Im Trainingslager in Belek diskutiert er nun beinahe jeden Abend mit Eberl Profile von möglichen Neuverpflichtungen.

Eberl kann mächtig investieren

Eberl hat schon vor längerer Zeit gesagt, dass er in Zukunft verstärkt junge, deutsche Spieler verpflichten möchte. Zudem steht er nach Informationen von SPIEGEL ONLINE seit geraumer Zeit mit Cacau vom VfB Stuttgart in Kontakt, von dem Favre allerdings nicht überzeugt ist.

Für Manager Eberl ist es ein äußerst problematischer Spagat. Favre gilt als Erfolgstrainer, der von Fans und Spielern sehr geschätzt wird. Der Schweizer bleibt aber wohl nur dann, wenn ein Großteil seiner Wünsche erfüllt wird. "Eine Mannschaft muss richtig zusammengestellt sein", sagte Favre dem SPIEGEL.

Andererseits hat Eberl erstmals genug Geld zur Verfügung, um unabhängig von einem Trainer eine Mannschaft zusammenzustellen, die tauglich für den Europacup ist. Zu den 17,5 Millionen Euro aus dem Reus-Transfer kommen auch noch die Einsparungen des Gehalts des Neu-Dortmunders.

Es gibt Zusatzeinnahmen aus dem ungeplanten Einzug ins DFB-Pokal-Viertelfinale, dem Eintrittsgeld (Zuschauerschnitt bisher: 50.000) und den erhöhten TV-Einnahmen durch die gute Tabellenplatzierung. Ein Gladbach-Insider beziffert die Investitionssumme auf 27 bis 30 Millionen Euro. Diese könnte bei Erreichen der Europa League oder gar der Champions League noch weiter ansteigen.

Viel Zeit hat Eberl nicht. Spieler wie Dante, ter Stegen oder Patrick Herrmann werden genau darauf achten, wie es mit dem Club weitergeht und wie viel Qualität die Zugänge mitbringen. Vielleicht entscheidet sich Eberl aber auch für einen kompletten Neuanfang. Wie ein ehemaliger Gladbacher Funktionär SPIEGEL ONLINE bestätigte, soll sich der Manager zuletzt immer wieder sehr positiv über die Arbeit von Markus Babbel geäußert haben. Dieser ist seit seiner Demission bei Hertha BSC Berlin wieder auf dem Markt.

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