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Gladbach vs. HSV Duell der Verzweifelten

Treffen der Krisenclubs in Mönchengladbach: Die Borussia empfängt den Hamburger SV. Beide Teams haben große Probleme, aber kaum noch Spieler. Und in Gladbach bleiben nun auch noch die Fans weg. Sie rufen zum Boykott der Partie auf - und unterstützen lieber die Handballer.

Hamburg - Früher war alles besser. Da feierten sie in Mönchengladbach und Hamburg in schöner Regelmäßigkeit Meisterschaften, Pokalsiege und Europacup-Triumphe. Insgesamt 21 große Titel haben die Borussia und der HSV zusammen geholt. Heute ist das Duell der beiden Clubs aber nur noch ein traurige Veranstaltung. Abstiegs- statt Meisterschaftskampf.

Am Freitag (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) wird mit der Partie der letzte Bundesliga-Spieltag vor der Winterpause eröffnet. Im Falle einer Niederlage darf sich der Verlierer auf ungemütliche Feiertage einstellen. Und der Trainer des unterlegenen Teams könnte noch vor Heiligabend arbeitslos sein.

In Mönchengladbach wollen sie von derlei Diskussionen nichts wissen. Glaubt man den Worten von Sportdirektor Max Eberl, wird Michael Frontzeck selbst bei einer Niederlage gegen den HSV weiter Trainer bleiben: "Wir haben gemeinsam etwas angefangen und diesen Weg werden wir weitergehen", so Eberl. Auch das Team stehe absolut hinter dem Coach. "Da kann man jeden Einzelnen fragen. Ich habe schon gesagt, dass es nicht am Trainer liegt", sagte Kapitän Filip Daems.

Doch trotz aller Beliebtheit, die sie dem gebürtigen Mönchengladbacher Frontzeck in seiner Heimatstadt entgegenbringen: Viel spricht nicht für den 46-Jährigen und einen Erfolg gegen Hamburg. Die Borussia ist Tabellenletzter, hat mit 45 Gegentoren die schlechteste Abwehr der Liga und in dieser Saison zu Hause noch kein Spiel gewonnen. Der Club steuert auf direktem Wege in die Zweitklassigkeit. Schlechter als in dieser Saison, mit zehn Punkten nach 16 Partien, war die Borussia nur in der Spielzeit 1998/1999, als sie nach 16 Spielen neun Zähler hatte. Am Ende stieg Gladbach ab - mit den Spielern Michael Frontzeck und Max Eberl.

Bei Mönchengladbach fehlen zehn Spieler verletzt oder gesperrt

Eberls Parolen zum Trotz bezeichnen Kritiker das Duell gegen den HSV seit Tagen als Endspiel für den Trainer und womöglich auch für Eberl. Frontzeck entgegnet: "Ich kenne Endspiele nur aus Berlin, wo es dann um den DFB-Pokal geht. Nicht vom 17. Spieltag." Er mimt vor der Partie den Kämpferischen: "Ich gehe fest davon aus, dass uns die Trendwende gelingt."

Die Vorzeichen dafür stehen denkbar schlecht. Gegen Hamburg fällt bei Gladbach fast ein komplettes Team aus. Zehn verletzte oder gesperrte Spieler hat die Borussia zu beklagen, darunter in Dante (Innenbandteilriss im Knie), Roel Brouwers (Außenband- und Kapselriss im Sprunggelenk) und Tobias Levels (Gelbsperre) gleich drei Stammkräfte der Viererabwehrkette.

Zudem muss der Club um die Unterstützung seiner Anhänger bangen. Aus Protest gegen die bislang schwachen Saisonleistungen hat die Fangruppe der Ultras zum Boykott des Spiels aufgerufen. "Der Block1900 wird leer bleiben. Alle Borussen sind herzlich dazu aufgerufen, unserer Entscheidung zu folgen und ein Zeichen zu setzen", heißt es in einer Erklärung auf der Internetseite blog1900.de. Statt der Fußballer wollen die Anhänger zeitgleich die Gladbacher Handballer unterstützen - die spielen in der Oberliga.

Beim HSV gehen sie schon abseits des Platzes aufeinander los

Mit Fans, aber nicht mit weniger Sorgen reist Gegner Hamburg an. Trainer Armin Veh fehlen insgesamt neun Profis, darunter so wichtige Spieler wie Innenverteidiger Joris Mathijsen (Bänderriss im Sprunggelenk), Mittelfeldspieler Zé Roberto (Grippe) und Stürmer Mladen Petric (Muskelfaserriss).

"Ich wünsche mir nur gesunde Spieler, nichts anderes möchte ich zu Weihnachten haben", sagt Veh, der nach zuletzt zwei Niederlagen von einer schweren Krise sprach. Daher sagt Veh mit Blick auf die Partie in Mönchengladbach: "Gewinnen wir da nicht, sind wir nicht mehr Mittelmaß, dann hängen wir unten drin."

Mindestens Platz fünf, eher einen Champions-League-Rang hatten die Hamburger vor dieser Spielzeit im Visier und dafür das teuerste Team der Vereinsgeschichte in die Saison geschickt. Die Realität kurz vor Ende der Hinrunde: Platz neun, zehn Punkte hinter Rang drei, aber nur sechs vor Relegationsplatz 16.

In dieser sportlich verheerenden Situation gehen nun auch noch die HSV-Protagonisten abseits des Platzes aufeinander los. Aufsichtsrat Peter Becker attackierte Sportchef Bastian Reinhardt heftig ("In den Vorstand gehört Kompetenz in exzellenter Form und kein Berufsstarter") und nannte dessen Berufung einen Fehler. Aufsichtsratschef Horst Becker wies daraufhin seinen Kontrolleurskollegen in die Schranken. Und für Club-Chef Bernd Hoffmann hagelt es seit Wochen massive Kritik. Die Fans sehen in ihm aufgrund schlechter Personalplanung den Hauptverantwortlichen für die sportliche Misere.

Veh versucht, diese Unruhe auszublenden: "Sportlich haben wir genug Probleme." Fraglich, ob er derjenige ist, der sie im Falle einer Niederlage in Gladbach noch lösen darf. Für Samstag ist ein Treffen des Vorstands mit dem Aufsichtsrat geplant, um Bilanz der bisherigen Saison zu ziehen und Konsequenzen zu erörtern. Das "Hamburger Abendblatt" berichtet, mit Blick auf dieses Treffen habe schon der Begriff "unpopuläre Maßnahmen" die Runde gemacht.

Sollte Veh gehen müssen, wäre der HSV seine letzte Trainerstation in der Bundesliga. Das jedenfalls hatte der 49-Jährige jüngst angekündigt. Begonnen hatte er seine Erstliga-Karriere als Aktiver vor mehr als 30 Jahren - bei Borussia Mönchengladbach.