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16. September 2015, 09:31 Uhr

Gladbacher Pleite in Sevilla

Chancenlos, hilflos, ratlos

Aus Sevilla berichtet

Der Champions-League-Auftakt in Sevilla sollte zum Befreiungsschlag für Borussia Mönchengladbach werden. Stattdessen hat sich die Krise noch verschärft. Das 0:3 war Ausdruck totaler Unterlegenheit. Besserung ist nicht in Sicht.

Eine Stunde nach Spielschluss fingen die ersten Gladbacher Anhänger wieder an zu singen.

Mit Bier in der Hand standen sie um die Cerveceria am Stadion Ramón Sánchez Pizjuán herum und stimmten das Borussia-Lied an. Die Fans von Borussia Mönchengladbach sind extrem leiderprobt, die Teilnahme ihres Klubs an der Champions League nach so vielen Jahren der sportlichen Dürre haben sie als ein ganz besonderes Geschenk empfunden. Aber diesen Abend mussten sie sich schön trinken.

Das 0:3 (0:0) beim FC Sevilla, selbst zurzeit nur 18. der spanischen Liga, war beispielhaft für die ganze Misere, in der der Verein aktuell steckt. 90 Minuten Anschauungsunterricht in Sachen Verunsicherung im Fußball. Ballannahmen, die nicht funktionieren, kein Kombinationsspiel, keine Automatismen, keine Torgefahr. Die einfachsten Dinge gingen daneben. Wenn man nicht wüsste, dass sich die Borussia die Teilnahme an der Champions League durch eine überragende Vorsaison redlich verdient hat, würde man denken: Hier hat sich eine Mannschaft in die Königsklasse verirrt.

Im Video: Tony Jantschke über fehlendes Selbstvertrauen

"Wir kontrollieren das Spiel nicht wie vor ein paar Monaten", sagte Trainer Lucien Favre, dem die tiefe Niedergeschlagenheit nach dem Spiel anzusehen war. Sie stand ihm im Gesicht, sein kurzes Statement trug er mit noch leiserer Stimme vor als sonst von ihm gewohnt. Der Blick klebte am Boden fest, ein Trainer, der den Eindruck macht, dass er zumindest derzeit nicht weiter weiß.

Drei spanische Elfmeter in nur 20 Minuten

Zweifellos war die Borussia direkt nach der Pause unglücklich in Rückstand geraten, weil Sevillas Stürmer Vitolo über Torwart Yann Sommer gefallen war und der Schiedsrichter dies als elfmeterwürdig erachtete. "Das war absolut kein Penalty", befand Favre. Damit dürfte er sogar recht haben. Vor ein paar Monaten allerdings, als es noch so gut bei der Borussia lief, als sie auf dem Platz stand mit dem Bewusstsein, so gut wie unschlagbar zu sein, hätte Favre solche Elfmeterdiskussionen als pure Zeitverschwendung tituliert. Was sie im Nachhinein ja auch sind.

Im Video: André Hahns wirft Sevilla Schauspielerei vor

Bei der drückenden Überlegenheit, die Sevilla von der ersten Minute an ausstrahlte, hatte ohnehin jeder im Stadion das Gefühl, die Tore wären früher oder später sowieso gefallen. Ob mit oder ohne Elfmeter. Dass die Borussia es in der zweiten Halbzeit fertigbrachte, innerhalb von 20 Minuten gleich drei Strafstöße zu verursachen, war letztlich nur das Ergebnis der defensiven Überforderung der Mannschaft. Sevilla fuhr einen Angriff nach dem anderen aufs Gladbacher Tor, die Borussia rettete sich schon in der ersten Hälfte nur mit unkontrollierten panischen Befreiungsschlägen irgendwohin in die andalusische Weite. Nur weg damit.

Mittelfeldspieler André Hahn sagte dennoch: "Wir müssen an diese erste Halbzeit anknüpfen." Deutlicher kann man nicht machen, wie gering die Ansprüche derzeit in Mönchengladbach geworden sind. Eine solche erste Halbzeit der vollständigen Unterlegenheit hätte die Mannschaft vor Wochen als katastrophal angesehen. Jetzt muss man sich an den zwei, drei Offensivaktionen, die es vor der Pause noch gab, hochziehen. Mehr ist im Moment nicht drin.

"Was ist seitdem mit der Borussia passiert?"

Im Februar hatte die Favre-Elf in der Europa League schon einmal beim FC Sevilla vorgespielt. Sie hatte zwar am Ende 0:1 verloren, sie war aber gleichwertig gewesen, sie hatte Chancen, sie hätte gewinnen können. Ein spanischer Journalist, der beide Partien gesehen hat, fragte Favre nach dem Spiel mit einer gewissen Fassungslosigkeit in der Stimme: "Was ist denn seit diesem Februar mit der Borussia passiert?" Favre sagte nur: "Es ist viel passiert. Man kann diese Mannschaft nicht mehr mit der von damals vergleichen." Was jedoch genau passiert ist, das wüsste er wohl selbst am liebsten. Mit den sicherlich schwer wiegenden Abgängen der Nationalspieler Max Kruse und Christoph Kramer allein ist solch ein Klassenunterschied zur Vorsaison jedenfalls nicht mehr zu erklären.

Derzeit fehlt es an allem. Es gibt nicht die eine Stellschraube, von der man sagen könnte: Wenn es dort besser läuft, dann kann das die Wende bedeuten. Abwehr, Mittelfeld, Offensive und das Zusammenwirken von allen drei Teilen - es scheint komplett aus den Fugen geraten zu sein. Und dass gerade in dieser Phase so wichtige und erfahrene Leute wie Patrick Herrmann und Martin Stranzl verletzungsbedingt fehlen, macht die Aufgabe für den Trainer nur schwerer.

Um die Spätsommertristesse der Borussia perfekt zu machen, fehlt jetzt eigentlich nur noch eine Derby-Niederlage gegen den 1. FC Köln. Das Spiel steht in vier Tagen an. In Köln läuten sie jetzt schon die Glocken.

FC Sevilla - Borussia Mönchengladbach 3:0 (0:0)
1:0 Gameiro (47. Foulelfmeter)
2:0 Banega (66. Foulelfmeter)
3:0 Konopljanka (84.)
Sevilla: Rico - Coke, Andreolli, Kolodziejczak, Tremoulinas - Krychowiak, N'Zonzi - Vitolo, Banega (76. Krohn-Dehli), Reyes (83. Konopljanka) - Gameiro (71. Immobile)
Mönchengladbach: Sommer - Korb, Brouwers, Jantschke, Wendt - Stindl (67. Dahoud), Nordtveit - Hahn (73. Nico Schulz), Traore - Raffael (83. Drmic), Hazard
Schiedsrichter: Peter Kralovic (Tschechien)
Zuschauer: 36.959
Gelbe Karten: Reyes, N'Zonzi - Brouwers, Sommer, Stindl
Besonderes Vorkommnis: Gameiro schießt einen Foulelfmeter an die Latte (50.)

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