Gladbacher Pleite in Sevilla Chancenlos, hilflos, ratlos

Der Champions-League-Auftakt in Sevilla sollte zum Befreiungsschlag für Borussia Mönchengladbach werden. Stattdessen hat sich die Krise noch verschärft. Das 0:3 war Ausdruck totaler Unterlegenheit. Besserung ist nicht in Sicht.

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Aus Sevilla berichtet


Eine Stunde nach Spielschluss fingen die ersten Gladbacher Anhänger wieder an zu singen.

Mit Bier in der Hand standen sie um die Cerveceria am Stadion Ramón Sánchez Pizjuán herum und stimmten das Borussia-Lied an. Die Fans von Borussia Mönchengladbach sind extrem leiderprobt, die Teilnahme ihres Klubs an der Champions League nach so vielen Jahren der sportlichen Dürre haben sie als ein ganz besonderes Geschenk empfunden. Aber diesen Abend mussten sie sich schön trinken.

Das 0:3 (0:0) beim FC Sevilla, selbst zurzeit nur 18. der spanischen Liga, war beispielhaft für die ganze Misere, in der der Verein aktuell steckt. 90 Minuten Anschauungsunterricht in Sachen Verunsicherung im Fußball. Ballannahmen, die nicht funktionieren, kein Kombinationsspiel, keine Automatismen, keine Torgefahr. Die einfachsten Dinge gingen daneben. Wenn man nicht wüsste, dass sich die Borussia die Teilnahme an der Champions League durch eine überragende Vorsaison redlich verdient hat, würde man denken: Hier hat sich eine Mannschaft in die Königsklasse verirrt.

Im Video: Tony Jantschke über fehlendes Selbstvertrauen

"Wir kontrollieren das Spiel nicht wie vor ein paar Monaten", sagte Trainer Lucien Favre, dem die tiefe Niedergeschlagenheit nach dem Spiel anzusehen war. Sie stand ihm im Gesicht, sein kurzes Statement trug er mit noch leiserer Stimme vor als sonst von ihm gewohnt. Der Blick klebte am Boden fest, ein Trainer, der den Eindruck macht, dass er zumindest derzeit nicht weiter weiß.

Drei spanische Elfmeter in nur 20 Minuten

Zweifellos war die Borussia direkt nach der Pause unglücklich in Rückstand geraten, weil Sevillas Stürmer Vitolo über Torwart Yann Sommer gefallen war und der Schiedsrichter dies als elfmeterwürdig erachtete. "Das war absolut kein Penalty", befand Favre. Damit dürfte er sogar recht haben. Vor ein paar Monaten allerdings, als es noch so gut bei der Borussia lief, als sie auf dem Platz stand mit dem Bewusstsein, so gut wie unschlagbar zu sein, hätte Favre solche Elfmeterdiskussionen als pure Zeitverschwendung tituliert. Was sie im Nachhinein ja auch sind.

Im Video: André Hahns wirft Sevilla Schauspielerei vor

Bei der drückenden Überlegenheit, die Sevilla von der ersten Minute an ausstrahlte, hatte ohnehin jeder im Stadion das Gefühl, die Tore wären früher oder später sowieso gefallen. Ob mit oder ohne Elfmeter. Dass die Borussia es in der zweiten Halbzeit fertigbrachte, innerhalb von 20 Minuten gleich drei Strafstöße zu verursachen, war letztlich nur das Ergebnis der defensiven Überforderung der Mannschaft. Sevilla fuhr einen Angriff nach dem anderen aufs Gladbacher Tor, die Borussia rettete sich schon in der ersten Hälfte nur mit unkontrollierten panischen Befreiungsschlägen irgendwohin in die andalusische Weite. Nur weg damit.

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Gladbach in der Einzelkritik: Viel zu scheu
Mittelfeldspieler André Hahn sagte dennoch: "Wir müssen an diese erste Halbzeit anknüpfen." Deutlicher kann man nicht machen, wie gering die Ansprüche derzeit in Mönchengladbach geworden sind. Eine solche erste Halbzeit der vollständigen Unterlegenheit hätte die Mannschaft vor Wochen als katastrophal angesehen. Jetzt muss man sich an den zwei, drei Offensivaktionen, die es vor der Pause noch gab, hochziehen. Mehr ist im Moment nicht drin.

"Was ist seitdem mit der Borussia passiert?"

Im Februar hatte die Favre-Elf in der Europa League schon einmal beim FC Sevilla vorgespielt. Sie hatte zwar am Ende 0:1 verloren, sie war aber gleichwertig gewesen, sie hatte Chancen, sie hätte gewinnen können. Ein spanischer Journalist, der beide Partien gesehen hat, fragte Favre nach dem Spiel mit einer gewissen Fassungslosigkeit in der Stimme: "Was ist denn seit diesem Februar mit der Borussia passiert?" Favre sagte nur: "Es ist viel passiert. Man kann diese Mannschaft nicht mehr mit der von damals vergleichen." Was jedoch genau passiert ist, das wüsste er wohl selbst am liebsten. Mit den sicherlich schwer wiegenden Abgängen der Nationalspieler Max Kruse und Christoph Kramer allein ist solch ein Klassenunterschied zur Vorsaison jedenfalls nicht mehr zu erklären.

Derzeit fehlt es an allem. Es gibt nicht die eine Stellschraube, von der man sagen könnte: Wenn es dort besser läuft, dann kann das die Wende bedeuten. Abwehr, Mittelfeld, Offensive und das Zusammenwirken von allen drei Teilen - es scheint komplett aus den Fugen geraten zu sein. Und dass gerade in dieser Phase so wichtige und erfahrene Leute wie Patrick Herrmann und Martin Stranzl verletzungsbedingt fehlen, macht die Aufgabe für den Trainer nur schwerer.

Um die Spätsommertristesse der Borussia perfekt zu machen, fehlt jetzt eigentlich nur noch eine Derby-Niederlage gegen den 1. FC Köln. Das Spiel steht in vier Tagen an. In Köln läuten sie jetzt schon die Glocken.

FC Sevilla - Borussia Mönchengladbach 3:0 (0:0)
1:0 Gameiro (47. Foulelfmeter)
2:0 Banega (66. Foulelfmeter)
3:0 Konopljanka (84.)
Sevilla: Rico - Coke, Andreolli, Kolodziejczak, Tremoulinas - Krychowiak, N'Zonzi - Vitolo, Banega (76. Krohn-Dehli), Reyes (83. Konopljanka) - Gameiro (71. Immobile)
Mönchengladbach: Sommer - Korb, Brouwers, Jantschke, Wendt - Stindl (67. Dahoud), Nordtveit - Hahn (73. Nico Schulz), Traore - Raffael (83. Drmic), Hazard
Schiedsrichter: Peter Kralovic (Tschechien)
Zuschauer: 36.959
Gelbe Karten: Reyes, N'Zonzi - Brouwers, Sommer, Stindl
Besonderes Vorkommnis: Gameiro schießt einen Foulelfmeter an die Latte (50.)



insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
tüttel 16.09.2015
1. Viel zu scheu
Ich hab mich schon desöfteren gewundert, wie dieser so bedachtsam wirkende Trainer so häufig (schon mit Hertha) so weit oben in der Tabelle steht. Die Bestätigung wird jetzt mit der Überschrift in der Einzelkritik geliefert: Viel zu scheu. Offenbar hat er hohen Fußballsachverstand, ist aber persönlich zu scheu, um Erfolge dauerhaft halten und durchsetzen zu können, sich quasi oben festzubeißen und festzusetzen.
leuscheljunior 16.09.2015
2. Das Borussen Dilemma
Manager und Trainer werden nicht müde, gebetsmühlenhaft immer zuwiederholen, dass dieses Saison sehr sehr schwierig wird! Aber warum? Nur weil Kruse und Kramer den Verein verlassen haben? Weil einige Leistungsträger verletzt sind? Nein, da machen es sich die Verantwortlichen viel zu leicht. Die Niederlagen in der Bundesliga gegen vermeintlich schwächere Mannschaften (mit Ausnahme von Dortmund) und der desolate Auftritt in der Championsleague hat tiefere Gründe. Eine verfehlte Einkaufspolitik für diese Saison, wo Spieler gekauft wurden, wie Drmic, der bei der Konkurrenz meistens (zu Recht) auf der Bank saß und auch nicht in das Spielkonzept von Gladbach passt. Eine Vorbereitung, die scheinbar auch nicht funktionierte, sonst würden nicht so katastrophale Abstimm- und Abspielfehler auftreten. Und ein Trainer, der scheinbar die Mannschaft nicht mehr erreicht, um sie aufzurichten. Das erinnert mich an das unrühmliche Ende von Favre bei der Hertha, als auch nach einem unterirdischen Saisonauftakt der Trainer gehen mußte.
axelmueller1976 16.09.2015
3. Nr. 1 Wir haben uns alle getäuscht
Verfolgt man den Weg von Gladbach als man auf den Abstiegs-Plätzen stand und dann von Favre systematisch nach oben geführt wurde ,fragten sich viele wie geht das ? Mit Augsburg war das ähnlich ein kometenhafter Aufstieg unter Weinzierl.Auch hier könnte es am Donnerstag so wie bei Gladbach ausgehen.
LapOfGods 16.09.2015
4.
Zitat von leuscheljuniorManager und Trainer werden nicht müde, gebetsmühlenhaft immer zuwiederholen, dass dieses Saison sehr sehr schwierig wird! Aber warum? Nur weil Kruse und Kramer den Verein verlassen haben? Weil einige Leistungsträger verletzt sind? Nein, da machen es sich die Verantwortlichen viel zu leicht. Die Niederlagen in der Bundesliga gegen vermeintlich schwächere Mannschaften (mit Ausnahme von Dortmund) und der desolate Auftritt in der Championsleague hat tiefere Gründe. Eine verfehlte Einkaufspolitik für diese Saison, wo Spieler gekauft wurden, wie Drmic, der bei der Konkurrenz meistens (zu Recht) auf der Bank saß und auch nicht in das Spielkonzept von Gladbach passt. Eine Vorbereitung, die scheinbar auch nicht funktionierte, sonst würden nicht so katastrophale Abstimm- und Abspielfehler auftreten. Und ein Trainer, der scheinbar die Mannschaft nicht mehr erreicht, um sie aufzurichten. Das erinnert mich an das unrühmliche Ende von Favre bei der Hertha, als auch nach einem unterirdischen Saisonauftakt der Trainer gehen mußte.
Jau, erstmal alle raus! Von Hertha lernen heißt siegen lernen!!!! Hertha stieg danach zwar sang und klanglos ab und der Rauswurf hat also - wie fast immer - nix genutzt, aber dem Trainer hat man es wenigstens mächtig gegeben.
marcomeerbusch 16.09.2015
5. Ich mag die Borussen zwar nicht...
... sonderlich, aber ich glaube das wird so eine Geschichte wie beim BVB (mag ich mich weniger) letzte Saison. Ein miserabler Start und dann irgendwann fangen sie sich wieder.
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