Gladbacher Siegesserie Fire and Ice

Überfallartig hat das Team den VfB Stuttgart überrollt, spätestens jetzt gehört Borussia Mönchengladbach endgültig zur Liga-Spitze. Heiß auf Offensivfußball zeigen sich Reus und Co. auf dem grünen Rasen - kühl und analytisch agieren die Verantwortlichen im Hintergrund. Ein Rezept, das aufgeht.

AFP

Von , Stuttgart


Gut eine Stunde nach dem berauschenden 3:0-Triumph bei erschreckend schwachen Stuttgartern wurde Marco Reus dann noch eingefangen. Natürlich nicht von einem schwäbischen Verteidiger, sondern von seinem Trainer Lucien Favre. Ein kurzes "Marco, komm mal her", und schon spurtete der Himmelsstürmer, der in den 90 Minuten zuvor wieder einmal eine überragende Leistung dargeboten hatte. Beinahe väterlich nahm Favre seinen Schützling in den Arm und flüsterte ihm ein paar einfühlsame und doch konkrete Anweisungen ins Ohr. Um was es da genau ging, blieb unklar. Klar war nur, dass Marcos Arbeitstag nun endgültig beendet war. Und es war wieder ein Feiertag.

Zu überzeugend agierten die Borussen vom Niederrhein in der Stuttgarter Arena, teilweise so brillant, dass man von einem Klassenunterschied sprechen musste. Da wunderte es auch nicht, dass sich Spieler und Verantwortliche in den Katakomben des Stadions schwertaten, ihrer Marschroute der permanenten Untertreibung und Entschleunigung noch gerecht zu werden. "Wir müssen weiter von Spiel zu Spiel denken", blieb Reus, der in Stuttgart bereits seinen zwölften Saisontreffer markierte, artig bei der verordneten Marschroute. "Es kann auch schnell wieder abwärts gehen."

So feurig wie sich die Gladbacher momentan auf dem Spielfeld präsentieren, so unterkühlt kommen sie zwischen den Partien daher. Sportdirektor Max Eberl, einer der Väter des "Wunders vom Niederrhein", ging wenigstens so weit zuzugeben, eine "mannschaftlich geschlossene Leistung" und einen "großen Zusammenhalt auf dem Platz" erkannt zu haben. Mal wieder mächtig untertrieben, Herr Eberl, möchte man da sagen. Denn was der Tabellenvierte tatsächlich bot, war Fußball vom Allerfeinsten.

Es passt derzeit alles bei der Borussia

Eine von Dante perfekt organisierte Defensive, dahinter ein Marc-André ter Stegen im Tor, der den Vergleich mit einem Manuel Neuer schon lange nicht mehr zu scheuen braucht. Davor mit Roman Neustädter und Havard Nordveidt ein bärenstarkes Abfang-Doppel im Mittelfeld. Und dann, jung, wild und stets im Highspeed-Gang , ein offensives Quartett mit dem technisch ausgereiften Juan Arango, mit Patrick Hermann, Mike Hanke und natürlich Reus. Ein Quartett, das sich blind versteht. Kurzum: Es passt nahezu alles in der Favre-Truppe.

"Wenn der VfB den Ausgleich erzielt hätte, hätte das Spiel noch kippen können. So war es aber ein klar verdienter Sieg für uns", versuchte Favre auf der Pressekonferenz wieder einmal die Euphorie zu dämpfen. So richtig abgenommen hat es ihm aber keiner. Seine Mannschaft funktioniert, dem Schweizer ist es auf formidable Weise gelungen, die perfekte Mixtur aus Systemfußball und kreativem Individualismus zu kreieren. Da erinnert derzeit vieles an die glorreichen Zeiten der siebziger Jahre, als die Gladbacher "Fohlen" Fußball-Deutschland verzauberten. Damals verantwortlich: Hennes Weisweiler, dem es gelang, Ausbildung und Entwicklung junger Talente so zu fördern, dass sie zu absoluten Spitzenleuten heranwuchsen.

Gladbach ist 40 Jahre später auf demselben Weg. Und auch die Rahmenbedingungen sind ähnlich wie damals, als die Borussen ihre Schätze nicht auf Dauer horten konnten. Reus wechselt nach der Saison bekanntlich zu Borussia Dortmund, Neustädter zu Schalke 04, und auch der Verbleib des Abwehrchefs Dante scheint fraglich. So kämpft Manager Eberl mit der Geißel des Erfolgs und mit den Rahmenbedingungen eines Geschäfts, das an Durchlässigkeit verloren hat. Die reichen Großen verpflichten die Talente der Mittleren, die Mittleren bedienen sich bei den armen Kleinen - und Eberl wird nach der Spielzeit eventuell wieder von vorne anfangen müssen.

Das aber wird ihn derzeit nicht aus der Fassung bringen. Der 38-Jährige ist mittlerweile clever genug, schon jetzt an den notwendigen Stellschrauben zu drehen. Sein Plan: Mit Erfolgscoach Favre verlängern, Abwehrchef Dante halten und die 17 Reus-Millionen in junge, hungrige Spieler investieren. So könnte das Erfolgsmodell Borussia Mönchengladbach durchaus weiterleben. Feurig auf dem Platz, eiskalt in der Planung. Fire and Ice eben.

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Seite 1
!!!Fovea!!! 30.01.2012
1.
Zitat von sysopÜberfallartig hat das Team den VfB Stuttgart überrollt, spätestens jetzt gehört Borussia Mönchengladbach endgültig zur Liga-Spitze. Heiß auf Offensivfußball zeigen sich Reus und Co auf dem grünen Rasen - kühl und analytisch agieren die Verantwortlichen im Hintergrund. Ein Rezept, das aufgeht. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,812116,00.html
Es ist Gladbach und Schalke zu wünschen, dass sie es schaffen. Wenn es nicht klappt, dann halt Dortmund. Hauptsache keine Bayern. Es wäre schön, wenn die Medien endlich aufhören würden, die Bayern immer so stark zu reden bzw. immer von dem "Angstgegner" o. a. zu sprechen. Die Bayern sind mittlerweile nicht anderes als ein "Papiertiger". Ohne Ribery taugen die nichts. Und das ist gut so.
trompetenmann 30.01.2012
2. Offensivfussball...
Zitat von sysopÜberfallartig hat das Team den VfB Stuttgart überrollt, spätestens jetzt gehört Borussia Mönchengladbach endgültig zur Liga-Spitze. Heiß auf Offensivfußball zeigen sich Reus und Co auf dem grünen Rasen - kühl und analytisch agieren die Verantwortlichen im Hintergrund. Ein Rezept, das aufgeht. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,812116,00.html
na, ich weiss nicht. Trifft es "Konterfussbal" nicht besser? (ich habe das Spiel gegen Bayern im Kopf.) Aber egal. Ich freue mich für Gladbach und darüber, dass es spannend bleibt.
Dosengabel 30.01.2012
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Es wird Gladbach in der nächsten Saison so gehen wie Hannover in dieser Saison, Hertha in der Saison 09/10 oder Bochum in der Saison 04/05: Sie verschwinden nach einer guten Spielzeit wieder im Mittelfeld oder unteren Drittel der Liga. Da kräht in ein paar Jahren doch kein Hahn mehr nach. Wolfsburg war auch mal Meister - traurig aber wahr.
ChiefGonzo 30.01.2012
4. .
Zitat von sysopÜberfallartig hat das Team den VfB Stuttgart überrollt, spätestens jetzt gehört Borussia Mönchengladbach endgültig zur Liga-Spitze. Heiß auf Offensivfußball zeigen sich Reus und Co auf dem grünen Rasen - kühl und analytisch agieren die Verantwortlichen im Hintergrund. Ein Rezept, das aufgeht. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,812116,00.html
Der Kommentar zeugt insgesamt von sehr wenig Fußballsachverstand und hat mit dem Spiel gestern Abend leider nichts zu tun. "Überfallartig" wurde hier niemand "überrollt" und es war auch über die meiste Zeit kein "Klassenunterschied" zusehen. Vielmehr war es so dass Gladbach ihre erste gute Chance gleich zur Führung nutzten und der VFB über weite Strecken dagegenhielt. Der Ausgleich wäre verient gewesen. Gegen Ende der zweiten Halbzeit hatte Gladbach dann durch sehr gute Konter den Sack zu gemacht und der VFB sich aufgegeben. Erschrecken wie wenig der Autor vom Fußball versteht. Vielmehr hat es den Anschein als hätte der Artikel schon vorgeschrieben in der Schuhblade gelegen. Mit dem gestrigen Spiel hat er jedenfalls nicht viel zu tun.
bauagent 30.01.2012
5. Der Zwang zum Sparen
Zitat von !!!Fovea!!!Es ist Gladbach und Schalke zu wünschen, dass sie es schaffen. Wenn es nicht klappt, dann halt Dortmund. Hauptsache keine Bayern. Es wäre schön, wenn die Medien endlich aufhören würden, die Bayern immer so stark zu reden bzw. immer von dem "Angstgegner" o. a. zu sprechen. Die Bayern sind mittlerweile nicht anderes als ein "Papiertiger". Ohne Ribery taugen die nichts. Und das ist gut so.
In Gladbach hat der Zwang zum Sparen immer zu kreativen Ideen geführt und meist war es eine neue Trainerverpflichtung, die zur Rettung beitrug. Nicht alle Verpflichtungen waren glücklich oder gar erfolgreich, aber keine führte in den Abgrund, was man von Vereinen wie Bochum, Frankfurt oder Bielefeld kaum behaupten kann. In Düsseldorf findet im Moment eine ähnliche Erfolgsgerschichte statt die zeigt, dass Geld im Fußball Gott sei Dank nicht alles ist. Auch ier wird mit kleinstem Budget über Kontinuität und Intelligenz eine Strategie verfolgt, die sicher in der ersten Liga enden wird. Ist das Geld an 2ter Stelle macht Fußball wieder Spaß. So beweisen die Bayern, dass sie möglicherweise auf dem Medienparkett geschickt agieren, auf dem Fußballfeld sieht man, dass sie auch nur 11 Spieler stellen können, die z.Zeit selten über den Durchschnitt hinaus wachsen.
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