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Köln vs. Mönchengladbach: Hanke trifft doppelt

Foto: Federico Gambarini/ dpa

Gladbachs Sieg in Köln Ein perfektes Spiel

Wo soll dieser Gladbacher Höhenflug enden? Beim klaren Derby-Sieg in Köln verblüffte die Elf von Trainer Lucien Favre Fans und Gegner. Die Borussia ist derzeit so stark, dass die Spieler plötzlich Fragen nach der Meisterschaft beantworten müssen.

Lucien Favre stampfte auch in der 89. Minute noch wütend mit dem Fuß auf den Boden, der Trainer von Borussia Mönchengladbach brüllte Kommandos in die Partie und fuchtelte mit den Armen. Zwar führte seine Mannschaft souverän 3:0, die Kölner hatten längst jede Hoffnung verloren, aber Favre war immer noch versessen auf strategische Details. Er wollte, dass seine Spieler weiter am großen Ziel arbeiten: dem perfekten Spiel. Die Gladbacher kamen der Vorgabe ihres Trainers an diesem Abend ziemlich nah.

Eine mickrige Kölner Torchance hatte die Mannschaft des Schweizers zugelassen und auf der Basis dieser imposanten Defensivleistung knapp ein Dutzend eigene Möglichkeiten erspielt. Kölns Trainer Stale Solbakken war derart beeindruckt, dass er die Borussia später als "die im Moment beste Mannschaft der Bundesliga" bezeichnete. Gladbacher umgab in Köln jene besondere Aura, von der Spitzenteams umgeben sind. "Wir konnten einfach nicht dasselbe Tempo spielen", konstatierte Solbakken, und Sascha Riether meinte nach der 0:3 (0:2)-Heimniederlage: "Die Gladbacher waren taktisch, im Spielaufbau und in der Ballsicherheit einige Klassen besser." Damit traf der Kölner Kapitän den Kern.

Es mag etwas übermütig wirken, doch irgendwie passte es, dass die Fans der Borussia tatsächlich Lieder von der Deutschen Meisterschaft anstimmten und Fernsehreporter versuchten, die Spieler ernsthaft mit Fragen nach den Titelchancen aus der Reserve zu locken. Doch für diese Art des Größenwahns ist die Borussia nicht anfällig. "Es ist völlig offen, wohin das führt", sagte Stürmer Mike Hanke, und Torwart Marc-André ter Stegen fand die Frage derart abwegig, dass er zunächst glaubte, er habe sich verhört.

Das Erfolgsgeheimnis ist die Defensive

Als Beinahe-Absteiger der vorigen Saison hat dieses Team Demut gelernt. "Wir vergessen nicht, wo wir herkommen", lautete Favres Standardantwort auf die Frage nach den Perspektiven. Diese Attitüde einer selbstbewussten Bodenständigkeit prägte nicht nur die Analyse nach dem Abpfiff, sondern auch das Spiel dieser Mannschaft, die zuletzt ja vor allem für ihre Offensive gefeiert wurde.

Zwar brillierten auch an diesem Abend Angreifer wie Patrick Herrmann oder die Torschützen Juan Arango (30.) und Hanke (20./47.), das eigentliche Erfolgsgeheimnis dieser Mannschaft ist aber ihre fabelhafte Defensive. Neun Gegentreffer hat die Borussia erst zugelassen, nur der FC Bayern ist noch stabiler, "das Spiel der Gladbacher ohne Ball war überragend", sagte FC-Torhüter Michael Rensing.

Favres Spieler lassen ihren Gegnern kaum Räume, "es ist momentan sehr schwer, Lücken bei uns zu finden", sagte der Trainer. Profis wie die Außenverteidiger Tony Jantschke und Filip Daems oder der defensive Mittelfeldspieler Roman Neustädter spielen auf einem Niveau, das viele Beobachter ihnen niemals zugetraut hätten.

Ein funktionierendes Kollektiv macht eben jeden besser. Dieser Aspekt erinnert tatsächlich an die Dortmunder Vorsaison, und die Stärke der Gladbacher Abwehr resultiert nicht allein aus der ebenso intelligenten wie engagierten Arbeit gegen den Ball. Auch der Spielaufbau funktioniert seit einigen Wochen exzellent.

"Jeder ist einfach für den anderen da"

Dante war der Mann mit den meisten Ballkontakten (109), selbst ter Stegen kam auf den für einen Torhüter spektakulären Wert von 71, der Ball zirkulierte von einem Gladbacher zum nächsten, temporeich und trotzdem geduldig. Keine Aktion ist unüberlegt, überall auf dem Spielfeld bilden sich Dreiecke, und zur Not wird eben auch ein drittes oder ein viertes Mal zurückgespielt, bis sich irgendwo Räume öffnen, über die ein Angriff wirklich lohnt. Das führt dazu, dass die Gegner kaum Ballgewinne haben, die schnelle Gegenangriffe möglich machen. "Jeder ist einfach für den anderen da", sagte Hanke, der als Doppeltorschütze zum Helden der Partie avancierte.

Noch kein einziges Tor hatte er in dieser Saison erzielt, längst wurden die Minuten gezählt, ein Krisenstürmer ist Hanke aber nie gewesen. "Früher war mir so eine Serie nicht egal", sagte er, "aber hier habe ich den Erfolg als Teil der Mannschaft mitgenossen." Es gehört zur Kultur dieses Teams, dass Selbstsucht und Eitelkeit einfach nicht stattfinden.

Hanke war auch ohne eigenen Treffer gut, er wusste das, und das reichte ihm. Marco Reus, der ausnahmsweise mal wenig Gefahr erzeugte, trug seinen Kollegen nach der Partie auf seinen schmalen Schultern in die Kurve, er gönnte Hanke diesen Abend im Rampenlicht von ganzem Herzen. Reus hatte früh einen Schlag auf den linken Fuß bekommen. Diagnose nach dem Spiel: Bruch des kleinen Zeh. Ob der Nationalspieler gegen Borussia Dortmund am kommenden Samstag (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) spielen kann, ist offen.

Womöglich klappt es derzeit aber sogar ohne Reus: Das fußballerische Konzept funktioniert bei der Favre-Elf, das Kollektiv ist frei von destruktiven Kräften, Leichtigkeit und Selbstvertrauen sind auch da. Diese Zutaten ergeben jene zauberhafte Mixtur, aus der nicht nur einmal kleine Fußballwunder entstanden sind.

1. FC Köln - Borussia Mönchengladbach 0:3 (0:2)
0:1 Hanke (19.)
0:2 Arango (30.)
0:3 Hanke (48.)
1. FC Köln: Rensing - Brecko, McKenna, Geromel, Eichner - Clemens, Matuschyk (54. Pezzoni), Riether (86. Makino), Peszko (54. Roshi) - Jajalo - Podolski
Borussia Mönchengladbach: ter Stegen - Jantschke, Brouwers, Dante, Daems - P. Herrmann (90. Marx), Nordtveit, Neustädter, Arango - Reus (86. Bobadilla), Hanke (87. De Camargo)
Schiedsrichter: Gräfe
Zuschauer: 50.000
Gelbe Karten: Peszko / Herrmann

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