Gläserner Fan Datenschützer beklagen Foulspiel der Uefa
Auf den Eintrittskarten zu den Spielen der Fußball-EM ist nicht nur eine Seriennummer aufgedruckt, sondern auch der Name des Käufers. Mit der Akzeptanz der Geschäftsbedingungen erklärt sich der Zuschauer auch bereit, auf Verlangen seinen Ausweis vorzuzeigen. Ein anonymer Besuch im Stadion wird so nahezu unmöglich gemacht. Der DFB vertreibt die Karten im Auftrag der Uefa und äußert sich nicht weiter zu dem Bestellvorgang.
"Das Problem ist, dass hier ein Abgleich vorgenommen wird mit den Polizeidateien der beteiligten Länder. Ein solcher Austausch zwischen einer zivilen Institution und den Behörden ist datenschutzrechtlich bedenklich", kritisiert Matthias Bettag vom Bund Aktiver Fußballfans (BAFF). "Was ist, wenn ich die Karten im Paket kaufen muss und dann bei einzelnen Spielen nicht kann? Nach den Vorgaben des DFB und der Uefa ist die Weitergabe problematisch, da die Tickets ja personalisiert sind."
Neben der personalisierten Kontrolle erhalten die Fußballverbände auch eine aktuelle und damit überaus lukrative Datensammlung der Zuschauer. Jeder Interessent stimmt beim Ticketverkauf zur EM automatisch zu, dass die Daten aufbereitet und an "sorgfältig ausgewählte" Dritte weitergegeben werden können.
"Das Verfahren dient der Sicherheit"
Was mit der Europameisterschaft in Portugal beginnt, findet nach dem Willen der Veranstalter bei der Weltmeisterschaft in Deutschland seine Fortsetzung. Auch hier gibt es die Tickets nur in personalisierter Form und sie werden zusätzlich mit einem kleinen Sender versehen. "Es ist eine Low-Version eines RFID-Chips vorgesehen, das heißt er dient nur zu Eintrittskontrolle und kann aus einer Entfernung von 15 Zentimetern ausgelesen werden", sagt Gerd Graus, Pressesprecher beim Organisationskomitee der WM 2006. "Geht eine Karte verloren oder wird gestohlen, kann sie so einfach gesperrt und eine neue ausgestellt werden." Radio Frequency Identification" (RFID) ist die genaue Bezeichnung der Chips, die auch Funketiketten, Transponder, Smartlabels, oder Tags genannt werden. "Man hat ja auch bei der Europameisterschaft in Holland und Belgien gesehen, dass es unter einigen Besuchern eine starke Gewaltbereitschaft gibt", erklärt Graus. "Das Verfahren dient der Sicherheit und hält sich auch an den Datenschutz".
Die Kartenwünsche können im ersten Quartal 2005 abgegeben werden und der Interessent muss dazu Namen, Adresse, Telefonnummer, Ausweisnummer und die Zahlungsweise angeben. Er erhält eine schriftliche Bestätigung und wenn er zu den glücklichen Käufern gehört, wird das Ticket einige Wochen vor dem Turnier zugeschickt. Die Organisatoren wollen das Internet als Hauptvertriebskanal nutzen und auch an den offiziellen Verkaufsstellen kann man die Karten nicht anonym mit Bargeld, sondern nur per Kreditkarte erwerben. "Ich glaube vielmehr, dass bei den genügsamen Fußballfans etwas ausprobiert wird, was später auch in anderen Bereichen Einzug halten soll", sagt Matthias Bettag. "Unter dem Aspekt der Sicherheit soll hier eine neue Struktur geschaffen und neue Zuschauergruppen angesprochen werden. Das Schlagwort des Hooliganismus wird dabei gerne angeführt, aber dieses Phänomen hat in den Stadien keine Bedeutung mehr." Die Kritiker befürchten, dass nach dem Turnier die neue Kontrolltechnik auch in den Stadien der Bundesliga eingeführt wird.
Schon im Januar hat das Organisationskomitee der WM auf dem Branchentreffen der Chipkarten-Industrie seine Pläne erläutert. Welches Unternehmen das Vorhaben umsetzen soll, ist noch offen, aber mit Philips ist bereits ein geeigneter Partner aus dem Feld der Sponsoren zum Berater aufgestiegen.
Optimales Profil zahlungskräftiger Fans
Die Fragen des Datenschutzes sind noch nicht gelöst, und bei internationalen Veranstaltungen haben die deutschen Behörden nur eingeschränkte Einflussmöglichkeiten. "Wir können keine internationalen Institutionen oder Verbände kontrollieren. In der Vergangenheit gab es immer Bestrebungen, eine personalisierte Eintrittskarte einzuführen. Allerdings hätten Bürger aus Ländern ohne Ausweispflicht mit einem Personalausweis dann ja keine Chance, das Stadion zu betreten", sagt Günther Sreball. Er ist beim Regierungspräsidenten Darmstadt für den Datenschutz beim DFB zuständig. "Wie Funktransponder auf Eintrittskarten sinnvoll eingesetzt werden können, ist mir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht klar. Bisher liegt uns auch kein Konzept des Veranstalters vor und eine datenschutzrechtliche Bewertung ist noch nicht möglich.
"Bisher haben wir uns mit dem DFB immer einigen können", so Sreball. Eine endgültige Entscheidung ist noch nicht gefallen und es wird auch darum gehen, was auf den RFID-Tickets letztlich gespeichert wird. In Verbindung mit Funketiketten auf Fan-Produkten oder Bewegungsmeldern könnte im schlimmsten Fall ein optimales Profil der zahlungskräftigen Fans erstellt werden. Die ersten Erfahrungen von Bürgerrechtlern mit der Funktechnologie haben bisher nicht für besonderes Vertrauen gesorgt. So hat zum Beispiel der Metrokonzern in seinem Superstore nicht nur die Produkte mit Transpondern ausgestattet, sondern heimlich auch die Kundenkarten der Käufer.
Die Weltmeisterschaft in Deutschland soll nicht nur guten Fußball zeigen, sondern die Verantwortlichen wollen auch mit technischen Innovationen glänzen. Neben der Einführung von personalisierten Eintrittskarten mit Funktranspondern will der Branchenverband Bitkom das Turnier auch zum Experimentierfeld für biometrische Überwachungsverfahren machen. Es ist zu befürchten, dass datenschutzrechtliche Bedenken im WM-Fieber allzu leicht ignoriert werden.