Religiöse Spannungen im Glasgower Fußball Die Billy Boys sollen verstummen

In Schottland identifizieren sich viele Fußballfans immer noch als Protestanten oder Katholiken. Die Glasgow Rangers kritisieren ihre eigenen Anhänger, zelebrieren den Konflikt aber - und kassieren Strafen der Uefa.

Fankurve der Rangers im Ibrox-Stadion
Jeff J Mitchell/Getty Images

Fankurve der Rangers im Ibrox-Stadion

Von , Manchester


Wenn die Rangers aus Glasgow am Abend (21 Uhr, Liveticker SPIEGEL) den FC Porto in der Europa League empfangen, dürfen sie wieder alle Sektionen des Ibrox-Stadions öffnen, anders als bei den vergangenen beiden Heimspielen in dem Wettbewerb. Zweimal hatte die Uefa als Strafe für die Gesänge einiger Fans eine Teilsperrung der Spielstätte verhängt.

Jeweils 3000 Sitze mussten in der Qualifikation gegen Legia Warschau und beim ersten Vorrundenspiel gegen Feyenoord frei bleiben. Beim Auswärtsspiel gegen die Young Boys aus Bern verzichteten die Rangers freiwillig darauf, ihr Kartenkontingent abzurufen. Sie sperrten den eigenen Anhang aus, offenbar aus Angst vor weiteren Verfehlungen und einem möglichen Geisterspiel.

Die offizielle Begründung der Uefa für die Strafen gegen den schottischen Rekordmeister von Trainer Steven Gerrard lautete Rassismus. Doch im Fall der Rangers ist die Problematik weniger offensichtlich als zum Beispiel in Bulgarien, wo heimische Fans in der EM-Qualifikation gegen England den Hitlergruß zeigten und dunkelhäutige Spieler mit Affenlauten beschimpften.

Woran die Uefa Anstoß nahm, wird in Schottland mit dem schwammigen Begriff "Sektierertum" beschrieben. Gemeint ist damit die fanatische Folklore um den Nordirland-Konflikt zwischen protestantischen Verfechtern des Vereinigten Königreichs und katholischen Iren.

Katholiken vs. Protestanten

Sie findet Ausdruck in der Rivalität zwischen den traditionell protestantischen Rangers und dem katholischen FC Celtic, ungeachtet der Tatsache, dass der Fußball mittlerweile ein internationales Geschäft ist und auch die schottische Gesellschaft sich verändert hat. "Während Schottland immer weltlicher wird, ziehen die beiden Klubs immer noch viele Fans an, die sich entweder als Katholiken oder Protestanten identifizieren", sagt Dave Scott von der Wohltätigkeitsinitiative "Nil by Mouth", die gegen die religiösen Spannungen ankämpft.

Bei Derbys zwischen den Rangers und Celtic ist die Polizei in Alarmbereitschaft
DPA

Bei Derbys zwischen den Rangers und Celtic ist die Polizei in Alarmbereitschaft

Die Insolvenz der Rangers und der zwischenzeitliche Zwangsabstieg in die vierte Liga sowie politische Ereignisse wie das schottische Unabhängigkeitsreferendum vor fünf Jahren leisteten einen zusätzlichen Beitrag dazu, dass die Rivalität zwischen den Fangruppen weiterhin stark ausgeprägt ist. Welchen Einfluss der Brexit hat, ist dagegen umstritten.

Fans der beiden Klubs hantieren nach wie vor mit antikatholischem Liedgut oder IRA-Symbolik, auch dann, wenn sie gar nicht gegeneinander spielen. Die Uefa-Strafen gegen die Rangers resultierten aus Partien gegen St. Joseph aus Gibraltar und Legia Warschau. Der Kontinentalverband störte sich offenkundig an einem martialischen Gesang zu Ehren der "Billy Boys", einer Glasgower Straßengang, die Anfang des 20. Jahrhunderts Jagd auf Katholiken machte.

Rangers in der Opferrolle

Die Rangers reagierten öffentlichkeitswirksam auf die doppelte Teilsperrung ihres Stadions. Sie stellten sich als Opfer einer unbelehrbaren Minderheit unter den eigenen Fans dar. Die Ultra-Gruppe "Union Bears" keilte zurück, dass der Verein sie zu Sündenböcke mache.

Tatsächlich machen es sich die Rangers und Celtic zu einfach, wenn sie nur auf ihren Anhang zeigen. Der Konflikt zwischen Protestanten und Katholiken ist Teil ihrer Identität, lange haben die Klubs ihn befeuert. Noch bis Ende der Achtzigerjahre weigerten sich die Rangers, katholische Spieler unter Vertrag zu nehmen.

In der jüngeren Vergangenheit führte der Klub ein orangefarbenes Auswärtstrikot im Sortiment, das angeblich der niederländisch geprägten Mannschaft um die Jahrtausendwende mit Trainer Dick Advocaat und Spielern wie Giovanni van Bronckhorst gewidmet war. Orange ist allerdings auch die Farbe der protestantischen Unionisten. "Elemente dieser Identität zu feiern und die eigenen Fans dafür zu kritisieren - das ist ein Widerspruch", sagt John Kelly von der Universität in Edinburgh. Er ist Fachmann für den Religionskonflikt im schottischen Fußball.

Auch das Aufwärmdress der Rangers ist orangefarben
REUTERS/Russell Cheyne

Auch das Aufwärmdress der Rangers ist orangefarben

Wie wird man ein Problem los, das eng mit dem Verein verwoben ist? Die Rangers positionieren sich öffentlich für Vielfalt, im Sommer starteten sie eine Kampagne gegen Rassismus, Homophobie und Sektierertum. Ob sie im Zuge dessen oder im Dialog mit ihren Fans auch die eigene Geschichte besprechen, ist unklar. Eine Anfrage dazu ließ der Klub unbeantwortet.

Wissenschaftler Kelly sagt, dass der Verein seine widerspenstigen Anhänger erziehen muss. "Wenn man Fans etwas verbietet, tun sie es erst recht. Die Vereine müssen die Fans davon überzeugen, dass es falsch ist, über die Billy Boys oder die IRA zu singen. Die Fans müssen selbst die treibende Kraft sein."



insgesamt 5 Beiträge
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missleading 07.11.2019
1. Die beiden Vereine sollten ...
fusionieren. Das hätte zwei Vorteile, da sie 1. evangelische und katholische Fans (zwangs)vereinigen und 2. bessere Chancen haben, auf europäischer Ebene erfolgreicher zu sein. Ach, ich liebe diese einfachen Lösungen :-)
ebdm 07.11.2019
2. Jags
Rangers und Celtic sind so öde mit ihren gepflegten Traditionen des "sectarianism". Wer in Glasgow "non-sectarian" Fussball sehen will, der geht zu den "Jags" (Partick Thistle). Da interessiert es niemand, wo du herkommst, wie du aussiehst, welcher Religion/Konfession du angehörst. Nicht umsonst sagt man auch "Wherever you are in the world, you will always come across a Partick Thistle supporter."
twistedbrain 07.11.2019
3. Immer wieder erfrischend
die positiven Auswirkungen von Religionen zu beobachten.
timtom2222 07.11.2019
4.
Bei uns im Ort baut der Katholische- mit dem Evangelischen Kindergarten einen neuen Kindergarten gemeinsam. Sie können sich aber nicht auf gemeinsame Gruppen verständigen, also geht einer links und der andere rechts. Hat also nichts mit Fußball zu tun, Religion ist Mittelalter!
Der_schmale_Grat 07.11.2019
5. Meine Überzeugung
Diese Rivalität zwischen den beiden Teams hat auch mit dazu beigetragen, dass es keinen "echten" Bürgerkrieg wie in Nordirland gegeben hat. Es ist besser, einen Stellvertreterkrieg an wenigen Tagen zu führen, als einen blutigen. Katholiken und Protestanten leben in Glasgow friedlich miteinander, beim Fußball hört die Freundschaft dann für 90 Minuten auf, anders als in Nordirland. Eine Fusionierung, wie im ersten Kommentar vorgeschlagen, ist so wahrscheinlich wie die zwischen Schalke und Dortmund, Waldhof und 1.FCK und so weiter...
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