Abseitstor bei Wolfsburg vs. Leverkusen Gutes Pfeifen, schlechtes Pfeifen

Entscheidende Fehlentscheidung: Schiedsrichter Manuel Gräfe hat Wolfsburg gegen Leverkusen ein klares Abseitstor geschenkt. Bayer-Sportdirektor Rudi Völler rastete aus, Gräfe entschuldigte sich. Braucht der Fußball mehr Hilfstechnik?

AP/dpa

Dem großen Buhmann, der zweimal falsch entschieden hatte, war am Ende doch noch Gutes und Richtiges gelungen. Schiedsrichter Manuel Gräfe hat die Flucht nach vorne gewagt. Er stellte sich umgehend kritischen Nachfragen zu einem kuriosen Bundesligaspiel, über dessen Ausgang mindestens ein Fehler von ihm wesentlich mitentschieden hatte.

Und er entschuldigte sich sofort dafür. "Ich habe einen Fehler gemacht. Den nehme ich auf meine Kappe. Es war ein Wahrnehmungsfehler", sagte Gräfe. Sein Fauxpas, nicht der einzige elementare des 42-Jährigen in dieser Partie, hatte dem VfL Wolfsburg den Weg zu einem wichtigen 2:1 (1:1)-Heimsieg gegen Bayer Leverkusen geebnet.

Die entscheidende Szene ereignete sich in der 34. Minute. Vor dem Wolfsburger Führungstreffer durch Nicklas Bendtner hätte Gräfe eine klare Abseitsposition des Vorlagengebers Vieirinha erkennen müssen. Aber der Schiedsrichter war fälschlicherweise der Meinung, dass Leverkusens Kevin Kampl einen Rückpass gespielt hatte - und übersah, dass der Wolfsburger André Schürrle zuletzt am Ball war.

Wolfsburg führte, musste durch ein Tor von Javier Hernández (40.) schnell den Ausgleich hinnehmen und durfte schließlich dank Draxler doch noch jubeln. Aber der Sprung des VfL auf Tabellenplatz 3 blieb angesichts der Schiedsrichter-Posse nur ein Randthema. Gräfe übersah in der zweiten Halbzeit auch einen klaren Elfmeter, als Leverkusens Torhüter Bernd Leno Gegenspieler Daniel Caligiuri zu Fall brachte.

Diese strittige Szene wurde dem Berliner hinterher zu allem Übel als Konzessionsentscheidung ausgelegt. "Da hat er Fingerspitzengefühl bewiesen", sagte Leno - und gab zu, dass der Schiedsrichter in dieser Szene eine Fehlentscheidung getroffen hatte. Dieses Mal jedoch zugunsten der Leverkusener.

Altes Thema - neue Debatte

Dank Gräfes Wirken hat es eine eher durchschnittliche Partie geschafft, grundlegende Debatten neu zu befeuern. Sollen Schiedsrichter neben der Torlinientechnik mit weiteren technischen Hilfsmitteln vor Fehlern und Häme bewahrt werden? Damit sie einfach besser pfeifen. Gräfe hat am 11. Spieltag etwas übersehen, was ein kurzer Blick auf Fernsehbilder leicht hätte aufklären können. Seinen Assistenten an der Außenlinie, der die Fahne gehoben und damit Abseits signalisiert hatte, wollte er unbedingt überstimmen.

Nachfragen bei den beteiligten Spielern Schürrle und Kampl ergaben im Anschluss an die Situation keine Klarheit und konnten den Ärger nicht bremsen. Die vielen kritischen Töne, die Spieler, Zuschauer und Offizielle aus Leverkusen anschlugen, waren schon während der Partie zu hören. Sie dürften kein Beitrag zu besseren Schiedsrichterentscheidungen gewesen sein.

Noch während der Halbzeitpause musste sich Gräfe auf Diskussionen mit Leverkusens Sportdirektor Rudi Völler, Bayer-Trainer Roger Schmidt und Wolfsburgs Geschäftsführer Klaus Allofs einlassen. Was wie ein Rüffel aussah, sollen sachliche Debatten gewesen sein. Der Unparteiische sah sich in diesem Moment nicht auf einer Anklagebank. Er trug nach eigenem Bekunden gerne zur Aufklärung bei. "Wenn man Fehler macht, darf man die auch äußern", sagte Gräfe über seine Rechtfertigungen noch vor dem Wiederanpfiff.

Völlers Wutausbruch vs. Heckings Verständnis

Krisenmanagement noch während des Spiels, Abbitte schon weit vor dem Abpfiff: Gräfes Erlebnisse im Kabinengang lassen aufhorchen. Funktionär Völler, der sich die Partien von Bayern Leverkusen nicht mehr von der Außenlinie, sondern stets von der VIP-Tribüne aus ansieht, hatte sich gleich nach dem strittigen 1:0 auf den Weg in den Innenbereich des Stadions gemacht.

Sein Wutausbrauch in Rasennähe war noch verstärkt worden, da Völler auf der Tribüne bereits an einem TV-Gerät sehen konnte, dass ein irreguläres Tor mit einer Abseitsstellung über mehrere Meter gefallen war. "Das war eine riesengroße Ungerechtigkeit", schimpfte der frühere Nationalspieler in bewährter Manie.

Etwas feiner gingen die Trainer mit Gräfe ins Gericht. "Sein Fehler ist menschlich. Der Schiedsrichter hätte von außen eine Einschätzung gebraucht", sagte Leverkusens Chefcoach Schmidt. Sein Kollege Dieter Hecking glaubt sogar, dass Gräfe und seine Kollegen mehr Schutz benötigen. "Der enorme Druck auf die Schiedsrichter ist das Entscheidende. Sie machen zwangsläufig mehr Fehler", sagte der VfL-Trainer.

Mehr Hilfe von außen also für die Unparteiischen? Mehr Nachsicht, wenn sie eine Fehlentscheidung treffen und dem Druck nicht standhalten? Gräfe verneinte beide Fragestellungen und hofft, dass er keine Konsequenzen zu befürchten hat. "Der Druck ist immer groß", sagte der selbstbewusste Schiedsrichter. "Damit muss man leben, wenn man in der Bundesliga ist."

imago



insgesamt 35 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
countrushmore 01.11.2015
1.
Abei nein, der Fußball lebt doch von Fehlentscheidungen. Man sollte deswegen vermehrt schlechte Schiedsrichter einsetzen.
global-gino 01.11.2015
2. Wann lernt ihr endlich dazu ?
Woche für Woche das Gleiche : der Fernsehzuschauer weiss mehr als der Schiedsrichter. Warum ? Verkrustete Tradition und Lobbyismus. Lieber Millionen z,B. für "Hawk Eye" ausgeben, um wenigstens bei Toren Sicherheit zu erlangen. Abseits/ grobes Foul/ Schwalbe - alles Ermessen des Schiedsrichters und "Tatsachenentscheidung". Billigste und allumfassendste Lösung : "5". Schieds-richter im Regieraum des TV mit Funksender, bei klaren Fehlsichten/ Aufregern den Schiedsrichter zu unterstützen. Alle wären beruhigt. Denn : was die Kameras nicht eingefangen haben, kann nach wie vor vom Schiedsrichter entschieden werden. Die Fussballpuristen wehren sich dagegen, der Schiedsrichter sei entmachtet, der Spielfluss gestört. Alles Unsinn - die verbrauchte Energie und Diskussionen nach groben Fehlentscheidungen stören viel mehr und deutlich länger ! Und der DFB kassiert weiter Provisionen von Hawk Eye und anderen Protagonisten. Nein ? Ach so, der DFB ist ja sauber - Sorry !!
Stäffelesrutscher 01.11.2015
3.
"Da hat er Fingerspitzengefühl bewiesen", sagte Leno - und gab zu, dass der Schiedsrichter in dieser Szene eine Fehlentscheidung getroffen hatte. Da Bernd Leno nicht der Schiedsrichter war, hatte Bernd Leno nichts »zuzugeben«. Er konnte höchstens die Auffassung vertreten, meinen, einschätzen, glauben, annehmen und was die deutsche Sprache sonst noch an sinnvollen Ausdrücken bereithält.
Trainspotter 01.11.2015
4.
Ein TMO wie im Rugby würde auch hier nichts bringen, wenn der Schiedsrichter andere überstimmt. Der Linienrichter hatte ja richtiger Weise auf Abseits entschieden.
motzemichel 01.11.2015
5. Völler macht sich lächerlich
Einmal mehr zeigt Völler was er für ein Wüterich ohne irgendein Fingerspitzengefühl ganz zu schweigen von Anstand ist. Klar darf man sich ärgern, aber Fehler sind menschlich und passieren nun mal. Meinen Respekt dagegen an den Schiri der sich nach seinem haarsträubenden Fehler hinstellt und sich öffentlich entschuldigt. So viel Mut haben leider längst nicht alle Schiedsrichter!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.