Griechen-Coach Rehhagel Ende der Ottokratie

Otto Rehhagels Zeit als Trainer Griechenlands scheint vorbei: Das WM-Aus und die altmodische Spielweise des Teams haben den nach dem EM-Sieg 2004 als "Rehakles" Gefeierten viele Sympathien gekostet. Doch der Coach hat in neun Jahren Erstaunliches erreicht.

AP

Von Hendrik Baumann


Unsterblich ist Otto Rehhagel nicht. Obwohl er von den griechischen Fans oft in den Olymp gehoben wurde, ist er kein Sagenheld der hellenischen Mythologie - aber nah dran: Er hat sich in Griechenland selbst ein Denkmal gesetzt. Nicht mit der Leistung seines Teams bei der WM in Südafrika, sondern als er mit der griechischen Nationalmannschaft sensationell die Europameisterschaft 2004 in Portugal gewann.

Die Niederlage im abschließenden WM-Vorrundenspiel gegen Argentinien dürfte aller Voraussicht nach der letzte Auftritt Rehhagels als griechischer Nationaltrainer gewesen sein. Nach neun Jahren neigt sich die "Ottokratie" auf dem Peloponnes ihrem Ende entgegen. Dabei war es vermutlich weniger das Ausscheiden an sich, das dem einstigen Volkshelden zum Verhängnis wurde, sondern vielmehr die Art und Weise des Abgangs. "Nicht die Niederlage, sondern das Spiel eines Altherren-Teams macht uns traurig und wütend", stellte die Zeitung "Silathlos" nach dem spielerisch armseligen 0:2 im ersten Gruppenspiel gegen Südkorea fest. Und "Goalnews" forderte schon zu diesem Zeitpunkt: "Es ist Zeit, abzutreten, Herr Otto!"

Tatsächlich präsentierte sich Griechenland beim Turnier in Südafrika wie erwartet: offensivscheu, uninspiriert, pomadig. Selbst das 2:1 über Nigeria, bei dem die Griechen die ersten Tore und den ersten Sieg ihrer WM-Geschichte feiern konnten, war eher den katastrophalen Aussetzern des Gegners als den eigenen Qualitäten zu verdanken. Rehhagel vermochte es nicht, der Mannschaft neue Impulse zu geben und sie aus ihrer Lethargie zu reißen. Stattdessen postierte er gegen Nigeria bis zum Platzverweis von Sani Keita einen zusätzlichen Mann hinter der Abwehrkette - einen Libero, Relikt einer längst vergessen geglaubten Fußballära.

2004 stimmte zumindest das Ergebnis

Mit derselben Spielweise führte Rehhagel die Griechen immerhin zu drei großen Turnieren : EM 2004 und 2008, WM 2010. Zuvor hatte das Land sich nur für zwei Endrunden (EM 1980, WM 1994) qualifizieren können. Und wenn auch die Spielweise bei der Europameisterschaft 2004 - hinten so undurchdringbar stehen wie die Phalanxen Alexanders des Großen und vorn hohe Bälle auf Angelos Charisteas schlagen - für Kopfschütteln und Frustration unter Fußball-Liebhabern sorgte, stimmte zumindest das Ergebnis.

Das lässt sich von den Resultaten danach nur noch selten behaupten. In der Qualifikation für die WM 2006 scheiterte Griechenland an der Ukraine und der Türkei. 2008 spielte die Mannschaft eine enttäuschende Endrunde in Österreich und der Schweiz und schied mit drei Niederlagen und nur einem Tor nach der Vorrunde aus.

Die Kritik am lebenden Denkmal "Rehakles" nahm an Intensität zu. Die griechischen Medien forderten ein attraktiveres und offensiveres Auftreten, der Trainer verwies stets auf das Spielermaterial, das ihm zur Verfügung stehe: "Wir haben immer versucht, aus unseren begrenzten Möglichkeiten das Beste zu machen", wiederholte er auch nach dem Schlusspfiff gegen Argentinien.

Rehhagel hat den Kader nicht verjüngt

Doch genau diese Argumentation wurde jüngst gegen ihn verwendet: Der jetzt 71-Jährige musste sich schon nach der EM 2008 den Vorwurf anhören, zu lange an den alternden Helden von Portugal festzuhalten, anstatt jungen Spielern eine Chance zu geben. Tatsächlich standen noch fünf Europameister von 2004 im Kader für Südafrika, mit einem Altersschnitt von 27,7 Jahren zählten die Griechen zu den älteren Teams im Turnier (Deutschland: 25 Jahre). Und auch wenn er mit Sotirios Ninis oder Sokratis Papastathopoulos junges Personal einbaute, ließ er weiterhin den alten Fußball spielen.

Dabei hat Rehhagel in seiner Bundesliga-Zeit bewiesen, dass er auch anders kann. Mit Werder Bremen und dem 1.FC Kaiserslautern zeigte der frühere Verteidiger erfrischenden Angriffsfußball. Mag er auch in Griechenland keinen Andreas Herzog oder Ratinho zur Verfügung haben - Rehhagel muss sich vorhalten lassen, der griechischen Auswahl nach dem Höhepunkt von 2004 keine neue Idee vom Spiel verpasst und den Kader nicht verjüngt zu haben. Immerhin war es absehbar, dass eine solch antike Spielweise einem auf Kombinationen basierenden, variablen Offensivfußball mittel- bis langfristig wenig entgegenzusetzen hat.

Rehhagel hätte vielleicht schon nach dem Triumph von Portugal aufhören sollen. Er wäre auf dem Höhepunkt abgetreten. Die Alternative war da, der DFB wollte ihn im Juli 2004 als Nachfolger von Rudi Völler verpflichten. Die damalige stellvertretende Kultusministerin in Athen, Fani Palli-Petralia, kündigte an, man werde Rehhagel "notfalls am Dach des Olympiastadions festbinden." Doch der Umworbene sagte dem DFB von sich aus ab.

Sein Denkmal wäre makellos geblieben, nun hat es ein paar Kratzer abbekommen. Doch Rehhagel geht nicht nur als Europameister. Er geht als Trainer, der Griechenland von Position 66 der Fifa-Weltrangliste auf Platz 13 geführt hat. Als erster Ausländer überhaupt, der zum "Griechen des Jahres" gewählt wurde. Und als Ehrenbürger der Stadt Athen.

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Seite 1
jboese2, 23.06.2010
1. Totgesagte leben länger
Zitat von sysopDie Zeit Otto Rehhagels als Trainer Griechenlands scheint vorbei: Das WM-Aus und die altmodische Spielweise des Teams haben den nach dem EM-Sieg 2004 als "Rehakles" Gefeierten viele Sympathien gekostet. Doch der Coach hat in seinen neun griechischen Jahren Erstaunliches erreicht. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,702321,00.html
[QUOTE=sysop;5745227]Die Zeit Otto Rehhagels als Trainer Griechenlands scheint vorbei: Das WM-Aus und die altmodische Spielweise des Teams haben den nach dem EM-Sieg 2004 als "Rehakles" Gefeierten viele Sympathien gekostet. Doch der Coach hat in seinen neun griechischen Jahren Erstaunliches erreicht. Man darf nicht vergessen, dass der griechische Fussball unter Otto schon einige Erfolge hatte, die einmalig sind. Das erste jemals gewonnene WM Spiel zum Beispiel. Ich denke, ausser ein paar wirklichkeitsfremden Griechen hat keiner Griechenland für einen Favoriten gehalten - das System Otto mag nicht mehr ganz up to date sein, wir werden heute abend ja sehen, was das System Löw im Härtetest taugt.
neuroheaven 23.06.2010
2. wichtig.
was ist der sinn von dem thread? die admineröffnung hat keine stellungnahme abverlangt. bitte schließen.
rkinfo 23.06.2010
3. Argentinien und Südkorea
Zitat von jboese2[QUOTE=sysop;5745227]Die Zeit Otto Rehhagels als Trainer Griechenlands scheint vorbei: Das WM-Aus und die altmodische Spielweise des Teams haben den nach dem EM-Sieg 2004 als "Rehakles" Gefeierten viele Sympathien gekostet. Doch der Coach hat in seinen neun griechischen Jahren Erstaunliches erreicht. Man darf nicht vergessen, dass der griechische Fussball unter Otto schon einige Erfolge hatte, die einmalig sind. Das erste jemals gewonnene WM Spiel zum Beispiel. Ich denke, ausser ein paar wirklichkeitsfremden Griechen hat keiner Griechenland für einen Favoriten gehalten - das System Otto mag nicht mehr ganz up to date sein, wir werden heute abend ja sehen, was das System Löw im Härtetest taugt.
[QUOTE=jboese2;5745259] Genau ! Welche andere Trainer oder andere Spieler hätte je mehr Chancen gehabt in Südafrika ? Die Griechen sollten sich genau überlegen was sie an Alternative haben. Wenn eine bessere Nationaltrainer für die EM 2012 sichtbar wird - her damit. Wobei aktuell eher ein fließender Übergang mit Rehhagel als Chef-Coach sich anböte. Rehhagel und seine Jungs haben für ihre Möglichkeiten ordentlich sich präsentiert was auch bisher in allen Kommentaren von Experten so formuliert wurde. Die sind gegen Argentinien und Südkorea ausgeschieden - das sind nun mal Fußball-Felsen.
skitime 23.06.2010
4. König Otto, Danke!
"Moderner Fußball ist der, der gewinnt!" O-Ton König Otto. Er gewann viel, als Manschaftstrainer (Bremen, Kaiserslautern) und als Nationaltrainer der Griechen. Die Bilanz fällt für Ihn positiv aus. Auf voller Linie. Selbst das Ausscheiden bei der jetzigen WM hat mit dem ersten Sieg der Griechen bei einer WM noch einen positiven Aspekt und internationaler Tabellenplatz 13 ist ja nun mal alles andere als schlecht... Ich hoffe wir werden Ihn noch eine Weile sehen, denn taktisch (ja auch mit Libero) kann Otto "Rehakles" kaum jemand das Wasser reichen.
Herz_aus_Stahl 23.06.2010
5.
Er hat mehr erreicht als die Griechen je hätten hoffen dürfen. Und das wissen sie auch. Nun ist es aber an der Zeit den Staffelstab weiter zu reichen, vielleicht an einen griechischen Trainer.
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