Griechenland-Aus Der Sturz von König Otto

Zwei Spiele, null Tore: Titelverteidiger Griechenland ist bei der EM vorzeitig ausgeschieden und hat enttäuschende Leistungen gezeigt. Nationaltrainer Otto Rehhagel wusste um die Schwächen seiner Mannschaft und gibt jetzt den Fußballweisen, der die ganze Misere hat kommen sehen.

Aus Salzburg berichtet


Warum sich grämen? Warum sich ärgern? Otto Rehhagel wäre nicht Otto Rehhagel, hätte man ein Wehklagen vernommen. Stattdessen kommentierte der bald 70-Jährige das Ausscheiden des Noch-Europameisters Griechenland im Stile eines Weissagers, der sich gerade darüber freute, dass seine Vorhersage in Erfüllung ging: "Ich bin nicht so enttäuscht, ich weiß ja, wozu wir in der Lage sind. Ich habe immer gesagt, es muss alles passen und wir müssen einen guten Tag haben, um die Russen zu schlagen."

Es hat aber – wie schon beim 0:2 gegen Schweden – nicht alles gepasst, vor allem nicht beim entscheidenden 0:1 durch Mittelfeldspieler Konstantin Zyryanov (33.), einer von fünf Spielern des aktuellen Uefa-Cup-Siegers Zenit St. Petersburg. "Ich habe oft gegen russische Mannschaften gespielt", beschied Rehhagel, "das sind alles hervorragende Sprinter und glänzende Fußballer, Bayer Leverkusen und Bayern München können das bestätigen." Aber muss man deshalb eine so erbärmliche Figur abgeben wie Torhüter Antonis Nikopolidis?

Staunender Statist war der ergraute Vertraute des Altmeisters Rehhagel nämlich beim Siegtreffer, als der 36-Jährige nach einer Flanke des überragenden Juri Zhirkov und Fallrückzieher von Kapitän Sergej Simak derart unmotiviert und orientierungslos durch den Strafraum irrlichterte, dass eine griechische Grunderneuerung auch auf dieser Position unumstößlich erscheint. "Wir wollen aber nicht den Stab über Nikopolidis brechen. Das Problem ist, dass wir wenig, wenig Tore machen", erklärte Rehhagel. Und doch ist der behäbige Ballfänger, bei der EM 2004 noch einer der gefeierten Helden, einer von vielen, die ihren Zenit unter Rehhagels Regie überschritten haben. Sie scheinen es bemerkt zu haben: Der Keeper und Abwehrspieler Paraskevas Antzas verkündeten noch am Sonntag das Ende ihrer Nationalmannschaftslaufbahn nach der EURO.

Es sind Europameister, die nicht mehr mithalten können im Hochgeschwindigkeitsfußball gegen ein erfreulich engagiertes Ensemble mit Guus Hiddinks Handschrift. "Die Russen sind super", empfand Rehhagel, "da lacht einem das Herz, da werden sich auch andere noch umgucken." Vielleicht schon am Mittwoch (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) die Schweden? Im Entscheidungsspiel in Innsbruck gegen die Skandinavier muss Russland siegen, um weiterzukommen. "Es wird ein hartes und schwieriges Spiel, aber ich mache mir wenig Sorgen, wenn wir wieder so spielen", sagte Hiddink. Der ältere Kollege Rehhagel wird währenddessen auf dem Salzburger Naturrasen ein drittes Gruppenspiel gegen Spanien bestreiten, das plötzlich bedeutungslos geworden ist.

Muss es eingedenk der gesammelten 31 Qualifikationspunkte nicht überraschen, dass der Europameister schon entthront ist, ehe dieses Championat in die entscheidende Phase geht? Rehhagel kehrte bei solchen Fragen den Realisten heraus. "Natürlich wollten wir hier besser abschneiden. Nur insbesondere ich als Fachmann habe gewusst, dass wir nicht dreimal 3:0 gewinnen. Wir haben an einem europäischen Fußball-Festival teilgenommen. Mir hat die unglaubliche Leidenschaft gefallen, die meine Mannschaft im zweiten Spiel gezeigt hat. Andere haben schon bittere Niederlagen erlebt und werden auch noch ausscheiden. Italien oder Frankreich, die kriegen vier Stück, scheiden noch aus – und die sind auch noch besser als wir."

Als der Nationaltrainer diese Worte in der Pressekonferenz sprach, wirkte er ruhig und gefasst – er sagte ein, zwei Sätze auf Deutsch und ließ sodann den Dolmetscher sein Werk tun. Doch von Minute zu Minute verlor der Altmeister seine Beherrschung – und es kam zu einer der skurrilsten Runden dieser Art. Schon die Frage nach der verpassten Titelverteidigung brachte "Rehakles" in Rage: "2004 hat es Wunder gegeben. Dass Griechenland Europameister wird, geschieht nur alle 30 Jahre. Deshalb heißt es ja auch Wunder – wenn es alle 14 Tage wäre, wäre es keines." Es wurde gemurmelt im Saal – Rehhagel unter Hochspannung.

Der sodann die "Ottokratie" in seinem eigenen Reich erläuterte: "In Griechenland ist die Demokratie erfunden worden. Da kann jeder sagen, was er will. Ich sage auch, was ich will." Schlussendlich wurde er etwas Grundsätzliches los, weil er das Rede-und-Antwort-Spielchen schon leid geworden war: "Ich werde gleich gehen. Die Akropolis steht seit 3000 Jahren. Wenn wir alle in 200 Jahren nicht mehr sind, steht die immer noch da. Okay, das war’s für heute." Dann stand er auf und ging tatsächlich zur Glastür.

Unter anhaltendem Applaus und großen Gelächter. "König Otto" hatte die Audienz zum Abschied zum Theater gemacht. Die EURO-Bühne sollen die Dellas, Karagounis und Charisteas bei ihrem vermutlich letzten EM-Hurra nun anständig verlassen, das fordert ihr Vordenker. "Das sind wir allen schuldig. Ich werde gegen Spanien noch einige andere Sachen ausprobieren, dann gehen wir erstmal in Urlaub. Man muss immer souverän bleiben", verlangte Rehhagel.

Der Essener weiß, dass nun über seinen kürzlich bis 2010 verlängerten Vertrag diskutiert wird – in den Zeitungen aber auch in Teilen des Verbandes wird eine hitzige Debatte befeuert, bei der die Verdienste der Vergangenheit wenig zählen. Kann ein "Grieche für immer", wie die Zeitung "Goal News" den Deutschen nach dem EM-Triumph von Lissabon taufte, dies überstehen? "Eine Stunde nach dem Spiel sind alle unzurechnungsfähig. Da soll man keine schwerwiegenden Entscheidungen treffen", sagte Rehhagel noch am Samstagabend im ZDF-Interview.

Als tatsächlich jemand wagte, den Altmeister hernach in der Pressekonferenz nach seinen Perspektiven und Schlussfolgerungen für die Zeit bis 2010 zu befragen, mutierte der Fußballlehrer zum Oberlehrer, der sogar den Übersetzer kurzerhand überflüssig machte und gar nicht mehr eingreifen ließ: "Bevor Sie es ausgesprochen haben, weiß ich, was Sie denken: Ich bin viel älter als Sie. Alles was Sie im Kopf haben, weiß ich längst." Die entscheidende Frage aber lautet: Hilft dieses Wissen auch beim Joberhalt?



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