Halbfinalschlager Torwart-Zwist und Fußball-Entzug

Die Stimmung im deutschen Lager vor dem Halbfinal-Klassiker gegen Brasilien könnte nicht besser sein. Wäre da nicht ein neuerlicher Disput zwischen Oliver Kahn und Jens Lehmann. Solche Probleme hat der Gegner zwar nicht zu beklagen, dennoch sind die Südamerikaner wenig euphorisch. An Fußball will der Weltmeister erst einmal nicht denken.


Kontrahenten Lehmann (l.) und Kahn: "Dich wollen wir hier nicht haben"
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Kontrahenten Lehmann (l.) und Kahn: "Dich wollen wir hier nicht haben"

Nürnberg - Kahn hat die Behauptung seines Kontrahenten Lehmann zurück gewiesen, die Bayern-Lobby wolle ihn als Nummer 1 bei der WM 2006 verhindern."Ich weiß nicht, was das nun wieder soll. Ich glaube nicht, dass ich drei Mal Welttorhüter geworden bin, weil es eine Lobby gab, sondern ich habe mir das alles mit meiner Leistung erarbeitet", sagte Kahn dem "kicker". Lehmann hatte kritisiert, seit er Ambitionen auf den Stammplatz im Tor habe, werde aus München gegen ihn gearbeitet: "Da kam die Maschinerie von Bayern München in Gang, als die Lobbyisten, die Meinungsmacher dort, gekommen sind und gesagt haben: 'Moment, Lehmann, dich wollen wir hier mal gar nicht haben'", so die Nummer zwei der deutschen Auswahltorhüter.

Er sehe die derzeitige Rotation im deutschen Tor "relativ gelassen", erklärte Kahn. Auch die vermeintliche Defensivschwäche der Nationalelf sieht er nicht: "Für mich gab es nie ein Abwehrproblem." Vor der Halbfinal-Partie gegen Weltmeister Brasilien am Samstag (18 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) zeigt sich der Bayern-Keeper sehr zufrieden mit der Entwicklung des gesamten Teams. Seit dem Amtsantritt von Klinsmann hätte die Mannschaft "einen großen Schritt gemacht. Die Truppe wirkt in sich sehr homogen", so der 36-Jährige.

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Auch Franz Beckenbauer zog ein positives Zwischenfazit. "Mir gefällt, wie Klinsmann seine eigenen Vorstellungen durchzieht. Ob Trainingsmethodik oder Taktik - es wirkt sehr durchdacht, selbst wenn seine Methoden Außenstehenden ungewöhnlich erscheinen", schrieb Beckenbauer in seiner "Bild"-Kolumne. Und auch auf Klinsmanns Kritiker ging er ein. "Es steht keinem zu, an Jürgen zu zweifeln. Ich habe volles Vertrauen zu ihm und seiner Mannschaft. Jürgen hat mit über 100 Länderspielen als Spieler soviel Erfahrung, dass ihm von außen keiner hineinzureden braucht", lobte der WM-OK-Chef den ehemaligen DFB-Kapitän.

Beckenbauer hatte die letzten Tage im selben Hotel wie die Nationalmannschaft logiert und dabei "von den Burschen" den Eindruck gewonnen, "dass sie so sind, wie sie spielen - unbeschwert und unkompliziert." Vor dem Konföderationen-Cup habe er sich "noch ein bissel" quälen müssen, um Deutschland als Turniersieger zu tippen. Doch inzwischen steht für Beckenbauer fest: "Deutschland holt den Konföderationen-Cup."

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Solche Parolen hört man vom Halbfinalgegner Brasilien nicht. Im Lager des Weltmeisters darf man derzeit nicht mal an Fußball denken - jedenfalls wenn es nach dessen Superstar Ronaldinho geht. "Wir sind alle sehr müde und müssen den Fußball jetzt für einen Tag vergessen", sagte der Weltfußballer nach dem mühevollen 2:2 gegen Asienmeister Japan, fügte dann aber verschmitzt lächelnd hinzu: "Damit wir wieder richtig Lust kriegen und heiß auf die Deutschen sind." Auch Lucio verordnete dem Team erst einmal Ruhe. "Wir sind alle sehr müde und brauchen dringen Erholung", so der Bayern-Verteidiger.

Verteidiger Lucio: "Sind alle sehr müde"
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Verteidiger Lucio: "Sind alle sehr müde"

In der Tat haben die Ballzauberer den freien Donnerstag bitter nötig. Wie schon beim 0:1 gegen Mexiko zeigten die brasilianischen Stars gegen den Asienmeister nur selten ihr Können, in der Chancenverwertung und in der Defensiv-Arbeit offenbarte der Weltmeister teilweise sogar eklatante Schwächen. "Gegen Deutschland müssen wir die Fehler abstellen, sonst haben wir keine Chance", erklärte Roque Junior von Bayer Leverkusen. Und der ehemalige Bayer-Star Emerson von Juventus Turin ist sich sicher: "Mit unserer Technik allein können wir im Halbfinale nicht bestehen."

Für einige Mitglieder der "Seleçao" ist es eine besondere Partie. "Ich freue mich sehr auf das Spiel gegen meine Bayern-Kollegen", sagte Lucio, "auf keinen Fall will ich gegen Ballack, Schweinsteiger, Deisler und Kahn verlieren." Der Bayern-Verteidiger hat "großen Respekt vor der Offensive und dem Mittelfeld". Es könne sich sehr gut in Richtung gegnerischen Strafraum verschieben und sei immer torgefährlich, so der 27-Jährige.

In der brasilianischen Heimat wird die Presse nach drei sieglosen Partien in den vergangenen vier Spielen allmählich unruhig. "Brasiliens Weiterkommen hing am seidenen Faden. Es gibt keinen Grund zum Feiern", schrieb die Tageszeitung "Zero Hora" nach dem Japan-Spiel, und "Estado de São Paulo" titelte: "Das Misstrauen der Fans wächst."

So erklärte Trainer Carlos Alberto Parreira die Experiementierphase beim Konföderationen-Cup auch endgültig für beendet. "In drei Spielen haben wir 20 Akteure eingesetzt. Es ist schwierig, die Spieler zu beobachten und gleichzeitig ans Siegen zu denken. Wichtig war deshalb nur der Halbfinaleinzug", sagte der 62-Jährige, "gegen Deutschland werden wir mit dem besten Team auflaufen. Wir wollen dieses Turnier gewinnen."



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