Halle gegen Eindhoven Anpfiff mit 35-jähriger Verspätung

1971 war der HFC Chemie nicht nur im DDR-Fußball eine große Nummer. Der Verein stand im Uefa-Cup und erreichte gegen den großen PSV Eindhoven ein Remis. Zu einem Rückspiel kam es wegen einer Brandkatastrophe allerdings nie - bis heute.

Von Bertram Job


Wenn die Spielfläche unter Wasser steht oder zugefroren ist, wenn das Flutlicht ausfällt oder ein Tor einstürzt – immer dann also, wenn ein mit Spannung erwartetes Match ausfällt, sprechen die eingefleischten Anhänger des Fußballs wie selbstverständlich von einem "Unglück". Klaus Urbanczyk aber will dieser Begriff im simplen Zusammenhang einer Spielverlegung nicht mehr so leichtfertig über die Zunge rutschen.

Der heute 65-Jährige hat als Spieler des damaligen Halleschen FC Chemie ein Unglück erlebt, das nicht Folge, sondern Ursache einer ausgefallenen Begegnung war. Und wenn er dabei eines auf schmerzhafte Weise erfahren hat, dann ist es das Ausmaß eines wirklichen Desasters.

DDR-Auswahlkicker Urbanczyk (l., in einem Länderspiel gegen Italien 1969): Hilferufe in der Nacht
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DDR-Auswahlkicker Urbanczyk (l., in einem Länderspiel gegen Italien 1969): Hilferufe in der Nacht

"Mit einem Verein können Sie nach einem Abstieg in ein, zwei Jahren eventuell wieder aufsteigen", sagt Urbanczyk, bis Mitte der Siebziger 37-facher Auswahlspieler der DDR und danach langjähriger Trainer zwischen Stendal und Magdeburg. "Aber es gibt Sachen, die lassen sich nie mehr zurückführen. Deshalb sage ich heute: Es gibt im Leben Schlimmeres als ein verlorenes Fußballspiel."

Für seine vielen Fans in Halle an der Saale war Urbanczyk einfach "Banne", wenn er im roten Trikot des HFC auflief – ein unkaputtbarer rechter Verteidiger, der bis zur letzten Minute für die Wendung zum Guten ackerte. So war er im Herbst 1971 mit 15 Mannschaftskameraden etwas skeptisch, aber nicht aussichtslos zum Rückspiel in der ersten Runde ins holländische Eindhoven gereist. Zwei Wochen zuvor hatten die Drittplatzierten der vergangenen DDR-Oberliga-Saison im Heimspiel der ersten Uefa-Cup-Runde gegen den PSV nur ein torloses Remis erreicht. Im Grunde jedoch war in dem am 29. September angesetzten Rückspiel noch alles drin. "Wir wollten da schon noch was probieren", erklärt Urbanczyk.

Dazu aber kam es nicht mehr. In der Nacht vor dem Spiel brach im Eindhovener Hotel "Tsilvere Zeepard" ein verheerendes Feuer aus, dessen Ursache bis heute nicht geklärt ist. Urbanczyk wurde rechtzeitig vom Geräusch platzender Fenstergläser geweckt, er reagierte schnell und rettete etlichen Bewohnern das Leben. Dennoch kamen "in diesen Minuten, die mir wie Stunden vorkamen", insgesamt elf Menschen zu Tode - darunter auch der junge HFC-Ersatzspieler Wolfgang Hoffmann.

"Help me, help me"

Die Mannschaft des HFC sagte das Spiel darauf ab, der PSV erreichte kampflos die nächste Runde, und Urbanczyk blieb mit schweren Verletzungen noch vier Wochen in einem örtlichen Krankenhaus. Seine Angehörigen konnten ihn nur telefonisch erreichen. Die Hilferufe aus dieser Nacht wird Urbanczyk "wahrscheinlich nie" aus seinem Gedächtnis entlassen. "Dieses Help me, help me", sagt er, "das kam ja aus so vielen Zimmern." Dazu macht ihm sein rechtes Bein, das man damals fast amputiert hätte, bis heute Probleme.

Dennoch freut auch er sich auf diesen Freitag, wenn die aktuelle Mannschaft des Hallescher FC, wie der Club seit 1991 heißt, am Abend um 19 Uhr auf die Auswahl des PSV Eindhoven trifft. Denn das Nachholspiel im Uefa-Cup reißt nicht nur alte Erinnerungen auf – es schließt auch einen Kreis, der vollendet werden muss. Seit der fatalen Brandnacht bestehen zwischen der Industriestadt in Sachsen-Anhalt und Eindhoven schließlich freundschaftliche Bande, wie sie zwischen den benachbarten Fußballnationen eher selten sind.

Viele Hallenser Spieler haben bis heute Kontakt gehalten mit holländischen Familien, die damals in das Geschehen verwickelt waren. Nun liefen seit einem Jahr schon die Gespräche zwischen beiden Clubs zur Anbahnung des zweiten Spiels. Jetzt, im 40. Jahr nach Gründung des HFC, ist es möglich geworden, weil der PSV die Zeit zwischen Saisonende und dem Pokalfinale gegen Ajax Amsterdam am 7. Mai mit einem Probematch verkürzen wollte. Meister wurde Eindhoven schon vor einigen Wochen.

"Größtes Spiel der Geschichte unserer Fans"

Also fuhr eine kleine Abordnung des Viertligisten, der sich ansonsten mit dem SV Grimma oder Budissa Bautzen misst, vor ein paar Wochen zur weiteren Absprache mit dem Privatwagen nach Ost-Brabant. Dort wurde sie empfangen "als wenn wir die Champions-League-Teilnehmer sind", sagt Pressesprecher Jörg Sitte. Bald darauf war "das größte Spiel in der Geschichte unserer Fans" (Sitte) beschlossen, ohne dass es die Vereinskasse sonderlich strapazierte: Statt eines Antrittsgeldes verlangten die Eindhovener nur nach Erstattung ihrer Reiseauslagen.

Ob die Viertplatzierten der Oberliga Süd im Nordostdeutschen Fußballverband dem 19-fachen niederländischen Meister auf dem holperigen Rasen des Kurt-Wabbel-Stadions zumindest phasenweise etwas entgegenzusetzen haben – man wird es bald nach dem Anpfiff sehen. Immerhin wird der PSV, der diese Saison zudem das Achtelfinale der Champions League erreichte, mit allen Assen von Cocu bis Koné auflaufen.

Viel wichtiger aber ist "Banne" Urbanczyk und den anderen, dass sie zu diesem Anlass noch einmal aufeinander und auf mehrere holländische Rivalen treffen. Trainerguru Guus Hiddink, der damals für den PSV spielte, wird ebenso dabei sein wie die Stürmerikone Willy van der Keulen, der inzwischen als Scout für die Eindhovener tätig ist – wie übrigens auch Urbanczyk beim HFC. Und: Jeder der zwölf Ehemaligen aus Halle, der beim Hinspiel im Uefa-Cup zum Einsatz kam, wird bei einer Feier nach dem Spiel ein PSV-Trikot mit seinem persönlichen Namenszug erhalten.

Das ist auch für Urbanczyk genug, um diesem besonderen Tag entgegen zu fiebern. "Im Grunde ist es ja ein trauriger Anlass", sagt er. "Aber dafür kann man sich um so mehr freuen, dass dieses Rückspiel überhaupt stattfindet – und dass man die Gelegenheit hat, dabei zu sein. Wenn es damals ein bisschen anders gelaufen wäre – ich wäre doch schon seit 35 Jahren tot."



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