Hamburg gegen Bremen Prachtschuss und Kopftreffer

Ein Kunstschuss von Ivica Olic war der spielerische Höhepunkt im Nordderby zwischen dem Hamburger SV und Werder Bremen. Doch für deutlich mehr Aufregung sorgte ein anderer Treffer: Dem HSV droht nach dem Akku-Wurf auf Werders Frank Baumann nun eine drastische Geldstrafe.


Frank Baumann hatte seinen Humor nicht verloren. Auf die Frage, welcher Gegenstand ihn denn in der 24. Minute schmerzhaft am Kopf getroffen habe, antwortete der Bremer Kapitän kurz nach dem Schlusspfiff im Nordderby zwischen dem Hamburger SV und Werder: "Kann ich schlecht beurteilen. Ich konnte ja nicht danach suchen."

Es war, so des Rätsels Lösung, der Akku eines Mobiltelefons, der den 33-Jährigen kurzzeitig in die Knie gezwungen hatte - geworfen aus dem HSV-Fanblock, vor dem die Spieler in Grün-Weiß gerade den Ausgleichstreffer von Diego zum 1:1 bejubelten. Baumann wurde minutenlang behandelt, spielte dann aber weiter und verzichtete später auf jegliche Dramatisierung: "Es war zwar schmerzhaft, hat mich aber nicht behindert, deshalb habe ich nicht an eine Auswechslung gedacht." Als Entschuldigung für die 1:2-Niederlage wollte Baumann den Fehlwurf keinesfalls gelten lassen, er nahm den HSV gar in Schutz: "Es ist zwar ärgerlich, weil es hier in den letzten Jahren schon einige Male vorgekommen ist, aber das sind Einzelne, die einfach nichts lernen wollen." Wortführer Torsten Frings stand Baumann bei: "Das ist ein einziger Trottel, der nicht ins Stadion gehört. So etwas darf einfach nicht passieren, aber da kann man auch dem HSV keine Schuld geben."

Sportchef Klaus Allofs verkündete schließlich, dass Werder Bremen auf diesen Vorfall nicht reagieren, also auch keinen Protest einlegen wird: "Dazu sehen wir keinen Grund. Das sind Dinge, von denen wir auch in unserem Stadion betroffen sind. Die Bemühungen sind groß, diese Leute ausfindig zu machen und zu bestrafen."

Am Montag allerdings leitete dann der Kontrollausschuss des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) Ermittlungen gegen die Hamburger ein. Schiedsrichter Knut Kircher schickte dem Verband einen Sonderbericht über den Vorfall zu. Wenn die Stellungnahme ausgewertet ist, wird über den weiteren Fortgang des Verfahrens entschieden. Dem HSV droht in jedem Falle eine drastische Geldstrafe. Die Entschuldigung, die HSV-Sportchef Dietmar Beiersdorfer unmittelbar nach Spielschluss an die Adresse der Bremer aussprach, wird nicht ausreichen. So bleibt ein bitterer Beigeschmack - der Derbysieg wurde teuer bezahlt.

Statt vom tollen Siegtor durch Ivica Olic sprach man in den Gängen der Hamburger Arena also von jenen "Vollidioten" (Werder-Coach Thomas Schaaf), die man "nirgendwo sehen" wolle. Allofs wurde dann doch noch einmal böse, als ihn Vorwürfe aus den Reihen der Hamburger erreichten: Diego habe mit seinem Griff an die HSV-Eckfahne die Zuschauer provoziert. "Die Mannschaft darf sich über ein Tor freuen. Das Werfen von Gegenständen ist durch nichts zu rechtfertigen", stellte Allofs klar und hatte natürlich recht.

Damit war das unschöne Thema des Abends aber auch erledigt, und Olic durfte sich endlich über seinen Prachtschuss in der 74. Minute auslassen, der das leidenschaftliche Duell entschieden hatte. Der 29-jährige Kroate hatte den Ball aus halbrechter Position mit links aus 19 Metern genau ins Toreck geschmettert. "Das schönste Tor meiner Karriere", sagte Olic später, "ich habe nur gehofft, dass der Ball nicht übers Tor fliegt." Damit ist – Ironie der Geschichte – das Vorspiel dieses Derbys auch Vergangenheit: Im Mai dieses Jahres war Olic von Werder-Torwart Tim Wiese außerhalb des Strafraums mit einem Kung-Fu-Tritt attackiert worden. "Er hat das lieber aus sicherer Entfernung ohne Körperkontakt geregelt", urteilte HSV-Vorstand Bernd Hoffmann süffisant. Als "Tor des Jahres mit Abstand" stufte Wiese sogleich den linken Kunstschuss ein. Die Protagonisten tauschten danach mit einem kräftigen Händedruck die verschwitzten Trikots.

Für Wiese und Werder bleibt die Lage heikel: In der Liga ins Mittelmaß abgesackt, droht am Mittwoch in der Champions League beim zyprischen Außenseiter Anorthosis Famagusta schon das vorzeitige Aus (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). "Nach diesem Spiel bin ich aber zuversichtlich. Wir haben viele Dinge richtig gemacht", sagte Wiese. Vor allem im verbesserten Mittelfeld: Frings ("Fußball ist ungerecht. Wir waren die bessere Mannschaft.") wirkte giftig und spritzig, Baumann sehr präsent, Diego gar überragend. Das Spiel gegen Famagusta aber wird für Werder nun zur Nagelprobe.

Der HSV könnte nun ausgerechnet bei Ivica Olic ein Problem bekommen: Der Linksfuß, der in 61 Bundesligaspielen für den Hamburger SV immerhin schon 24 Tore erzielt hat, pokert seit Monaten um einen neuen Vertrag. Hoffmann bestätigt, dass die Gespräche stocken. Olic-Berater Gordon Stipic schwebt eine Verdopplung der Bezüge auf annähernd vier Millionen Euro Jahresgage vor, zumal seit der EM Späher italienischer und englischer Spitzenclubs den Kroaten beobachten sollen. Wie wichtig Olic und sein kroatischer Sturmpartner Mladen Petric sind, wird auch daran deutlich, dass beide an 13 der bislang 22 Hamburger Saisontore beteiligt waren.

Am Donnerstag im zweiten Uefa-Cup-Gruppenspiel gegen Ajax Amsterdam (21 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) werden es Olic und Petric wieder richten müssen, die Hamburger Schwächen im Mittelfeld – falsche Laufwege, fehlende Passsicherheit, schlechte Organisation – zu kaschieren.



insgesamt 68 Beiträge
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Seite 1
Schwabenpower 24.11.2008
1.
Zitat von sysopEin unschönes Tor hätte dem HSV beinahe eine Fortsetzung am Grünen Tisch beschert. Nach dem Akkuwurf auf Werders Frank Baumann droht dem HSV nun eine drastische Geldstrafe. Reichen die Sicherheitsmassnahmen der Clubs in den Stadien noch aus?
Was ist eine Massnahme? Die Sicherheitsmasse ist sicherlich in den meisten Stadien ausreichend. Zig Ordner und Polizisten halten den Zuschauer doch schön fern von dummen Gedanken. Was nicht ausreichend ist, ist die penible Stadionüberwachung mit Kameras, wie man sie in Englands Stadien kennt. Nur so sind Batterie- und Flaschenwerfer in den Griff zu bekommen.
ulisan, 24.11.2008
2.
Es gibt keine 100%ige Sicherheit. Man kann nicht verhindern, dass ein Zuschauer einen Gegenstand auf das Spielfeld wirft. Man kann das Sicherheitssystem soweit ausbauen, dass man mit einiger Wahrscheinlichkeit den Zuschauer identifizieren kann (Kameraüberwachung, mehr Sicherheitspersonal in den Blöcken). Aber einen absoluten Schutz für die Akteure gibt es meiner Meinung nach nicht.
klumpenhund 24.11.2008
3.
Zitat von sysopEin unschönes Tor hätte dem HSV beinahe eine Fortsetzung am Grünen Tisch beschert. Nach dem Akkuwurf auf Werders Frank Baumann droht dem HSV nun eine drastische Geldstrafe. Reichen die Sicherheitsmassnahmen der Clubs in den Stadien noch aus?
Das Wort "noch" stört mich, da es keine steigende Tendenz zu solchen Fällen gibt. Ich finde es aber sehr bedauerlich das solche Dinge passieren, denn das hält die Vereine davon ab, die Tribünen ohne Zaun direkt an den Spielfeldrand reichen zu lassen, wie in England. Gerade diese Nähe wertet einen Stadionbesuch deutlich auf. Die Sicherheitsmaßnahmen sollten meiner Ansicht nach dennoch nicht verschärft werden, denn es wird immer Mittel und Wege geben, Wurfgeschosse hineinzuschmuggeln. Durch schärfere Kontrollen würden sich zehntausende friedfertige Zuschauer einer noch menschenunwürdigeren Kontrolle unterziehen müssen. Glücklicherweise können die Täter meistens identifiziert werden, so dass es sich langsam rumgesprochen haben sollte, dass man mit solchen Aktionen nicht davonkommt. Vielleicht würde ein erhöhtes Strafmaß die Risikobereitschaft der Unruhestifter senken.
fernsehkind 24.11.2008
4. usw
Zitat von sysopEin unschönes Tor hätte dem HSV beinahe eine Fortsetzung am Grünen Tisch beschert. Nach dem Akkuwurf auf Werders Frank Baumann droht dem HSV nun eine drastische Geldstrafe. Reichen die Sicherheitsmassnahmen der Clubs in den Stadien noch aus?
nächste Themen: Ladendiebstahl - reichen die Sicherheitsvorkehrungen der Einzelhändler aus? Holzklotzwurf - reichen die Sicherheitsvorkehrungen auf Autobahnen aus? Gammelobst - reichen die Sicherheitsvorkehrungen in Kühltheken aus? Schneefall - reichen die Sicherheitsvorkehrungen gegen Erkältung aus?
Dylan1941, 24.11.2008
5.
Was ist das in Anbetracht des Wurfkörpers für eine sinnlose Thread Frage ?
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