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12. August 2015, 16:21 Uhr

Hamburger SV

Das Glück ist aufgebraucht

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Pokal-Aus, Rucksack-Panne: Schon vor dem ersten Bundesliga-Spiel ist die Aufbruchstimmung beim HSV dahin. Dabei hat der Verein eine gute Saisonvorbereitung gemacht, solide Transfers eingefädelt. Was kann Trainer Labbadia davon retten?

Geht es nach Bruno Labbadia, dem Trainer des Hamburger SV, dann war die Niederlage seiner Mannschaft am Wochenende in der ersten Runde des DFB-Pokals nach Verlängerung bei Carl Zeiss Jena mehr als eine Niederlage.

Die Hamburger bilden sich eine Menge ein auf ihren Status als ewiger Bundesligist und darauf, dass sie in den vergangenen beiden Spielzeiten trotz verheerender Leistungen nicht abgestiegen sind. Zweimal tanzten sie am Rande des Abgrunds, zweimal hatten sie in der Relegation erstaunliches Glück.

Erst gegen Greuther Fürth, als zwei Unentschieden zum Klassenerhalt reichten, dann gegen Karlsruhe, als die Hamburger den Sturz in die Zweitklassigkeit durch ein Tor in der Nachspielzeit vermieden, durch einen fragwürdigen Freistoß. Der HSV kann sich noch so ungeschickt anstellen, am Ende schaffte er es doch - das ist der Eindruck, der sich spätestens nach dem Klassenerhalt in der vergangenen Saison durchgesetzt hat.

Auch gegen Jena hatte es so ausgesehen, als hätten die Hamburger den Fußballgott auf ihrer Seite. Mit einem irregulären Tor und einem Treffer in der vierten Minute der Nachspielzeit retteten sie sich in die Verlängerung. Dass seine Mannschaft trotzdem scheiterte und nach dem dritten Gegentor nicht mehr zurückkam, hat Labbadia nachhaltig erschüttert: "Das bleibt am meisten hängen." Rechtzeitig zur neuen Saison müssen die Hamburger erkennen, dass ihr Glück endlich ist und der Überlebenswille allein nicht zum Überleben reicht.

Viel Hoffnung macht der Verein seinen Fans nicht

Das muss nicht bedeuten, dass der HSV dem Abstieg geweiht ist. Doch viel Hoffnung macht der Verein seinen Fans nicht, dass in dieser Saison alles besser wird. Das Pokal-Aus gegen einen Viertligisten ist ja nicht die einzige Peinlichkeit in diesen Tagen: In einem Park im Stadtteil Othmarschen wurden geheime Dokumente wie Gehaltslisten und Scouting-Berichte gefunden. Offenbar waren sie Sportchef Peter Knäbel gestohlen worden.

Der Verein wirft sich schützend vor Knäbel, doch die nach außen demonstrierte Rückendeckung soll im Aufsichtsrat umstritten sein. Knäbel selbst sagte, er setze "den Stahlhelm auf", um die Turbulenzen durchzustehen. Das lässt sich auch glücklicher formulieren. Dass der Verein in seinem Fanshop ein T-Shirt anbot, auf dem eine Fan-Choreografie von Hertha BSC zu sehen war, passt zum Hang des HSV, mit Anlauf in jedes verfügbare Fettnäpfchen zu springen. Sehr zur Erheiterung des neutralen Fußballvolks zwischen Elbe und Isar.

Es ist beachtlich, wie schnell Drama und Chaos wieder Einzug gehalten haben im Volkspark. Denn die Saisonvorbereitung lief gut für den HSV. Sportchef Knäbel wurde überflüssige Spieler wie Valon Behrami und Jacques Zoua los und setzte seine Wunschtransfers um: Die Verpflichtung des arbeitslosen Emir Spahic, der in Leverkusen zum Prügel-Profi geworden war, scheint sinnvoll.

Trainer Labbadia nach Retter nun Aufbauhelfer

Unter normalen Umständen könnten sich die Hamburger einen Spieler seiner Qualität nicht leisten. Für die Außenverteidigung kam Gotoku Sakai aus Stuttgart, fürs Mittelfeld kamen der Schwede Albin Ekdal und Michael Gregoritsch vom VfL Bochum. Den Sturm verstärkten die Hamburger mit Sven Schipplock, ehemals Hoffenheim. Außerdem stehen die Chancen gut, den 19 Jahre jungen Mittelfeldspieler Alen Halilovic vom FC Barcelona für die kommende Saison auszuleihen.

Von den Neuen drängen Spahic, Sakai und Ekdal in die erste Elf. Auch Ivo Illicevic und Gojko Kacar gehören wieder zum Stammpersonal. Sie waren beinahe schon abgeschoben, trugen in der Schlussphase der abgelaufenen Saison aber entscheidend zum Klassenerhalt bei.

Die Hamburger betonen, dass man nicht alles infrage stellen dürfe nach der Niederlage in Jena. Aber klar ist auch, dass die Mannschaft mit gewaltigem Druck in die Spielzeit startet: "Einstellung, Mentalität und spielerisches Vermögen müssen sich fundamental nach oben entwickeln", fordert Vorstandschef Dietmar Beiersdorfer.

Das soll Labbadia bewirken, in der vergangenen Saison als Retter verpflichtet, nun als Aufbauhelfer gefordert. Unter seiner Regie wollen die Hamburger wieder ins Mittelfeld der Liga vorstoßen. Anders als viele Vorgänger zeichnet sich Labbadia durch verbale Zurückhaltung aus. Er sagt Sätze wie diesen: "Nur weil wir die Hülle HSV haben, sind wir noch keine Top-Mannschaft."

Labbadia fordert von seiner Mannschaft, permanent an der Leistungsgrenze zu operieren oder darüber hinaus. Nur so lasse sich der Rückstand auf die Konkurrenz aufholen. An Labbadias Hingabe besteht kein Zweifel. Bei jeder Gelegenheit preist er Hamburg als seine Lieblingsstadt und den HSV als einen besonderen Verein. Eine Garantie ist das allerdings nicht: Bei allen seinen bisherigen Bundesliga-Stationen war sein Erfolg nur von kurzer Dauer.

Angesichts der Turbulenzen zum Saisonstart sagt Labbadia: "Ich kann nicht den Gute-Laune-Onkel spielen, das ist klar." Dass seine Mannschaft auf einem guten Weg ist, dass der HSV zuversichtlich in die neue Runde geht - diese Botschaft will er dennoch verkaufen.

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