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22. Januar 2018, 14:49 Uhr

Neuer HSV-Trainer

Das Hollerbach-Lotto

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Bernd Hollerbach soll den HSV vor dem Abstieg retten. Als Spieler war er vor allem für seine extrem harte Gangart bekannt, für den Trainerjob reicht allein das nicht. Ist er der richtige Mann?

Wer regelmäßig Bundesligaspiele besucht, entwickelt seine Rituale. Treffpunkt, Klamotten, Zwischenrufe - im Grunde ist es immer der gleiche Ablauf. Als wir in den späten Neunziger- und den frühen Nullerjahren regelmäßig im Volkspark standen, gehörte ein Spiel fest zum Tagesprogramm: das Hollerbach-Lotto. Vor Spielbeginn tippte jeder die Minute, in der Bernd Hollerbach verwarnt wird. Die genannten Minutenzahlen waren regelmäßig einstellig - und oft genug hat Hollerbach geliefert.

93 Gelbe Karten hat Hollerbach bei seinen 222 Bundesliga-Auftritten gesehen, nur Stefan Effenberg und David Jarolim haben noch mehr kassiert. Ein Außenverteidiger ganz alter Schule, hart gegen sich selbst und gegen den Gegner. Der Königsweg in die Fanherzen eben. "An mir kommt entweder der Ball oder der Gegner vorbei, aber niemals beide", dieser oft zitierte Hollerbach-Ausspruch bleibt hängen nach rund acht Jahren beim HSV, dazu die unzähligen Ecken, die er halbhoch und ungefährlich an den kurzen Pfosten schlug.

Im Jahr 2004 hat Hollerbach seine Karriere als Spieler beendet, jetzt kehrt er als Trainer nach Hamburg zurück. Der klare Auftrag: dem Schicksal vors Schienbein treten und den HSV vor dem ersten Abstieg der Vereinsgeschichte retten. Aber: Kann er das?

Welche Erfahrung bringt der Trainer Hollerbach mit?

Nach erster Verantwortung in der Hamburger Verbandsliga beim VfL 93, später auch mit dem VfB Lübeck in der Regionalliga, gewann Hollerbach gleich bei seiner dritten Station an der Seitenlinie den Deutschen Meistertitel - als Co-Trainer von Felix Magath. Grafite, Dzeko und Co. schossen 2008/2009 die Bundesliga auseinander (80 Saisontore) und Hollerbach war involviert, ebenso beim anschließenden Engagement auf Schalke und bei der Rückkehr Magaths nach Wolfsburg.

Fünf Jahre an der Seite von Felix Magath, der den HSV heute in der "Bild" zu seiner Wahl beglückwünschte: "Die Mannschaft darf damit rechnen, dass sie besser trainiert wird und besser geführt wird", sagte der derzeit vereinslose Magath über seinen ehemaligen Assistenten, nicht ohne gleichzeitig die Fallhöhe zu vergrößern: "Ich gehe sogar davon aus, dass der HSV mit dem Abstiegskampf nichts mehr zu tun haben wird."

Dass Hollerbach tatsächlich aus sehr wenig sehr viel machen kann, bewies er bei seiner vergangenen Station. 2014 übernahm er seinen Heimatverein Würzburger Kickers und führte ihn von der Regionalliga direkt in die Zweite Bundesliga. Dort gelang dem Aufsteiger ein sensationeller Start, dann aber kam der Bruch: Nach einer desaströsen Rückrunde ohne einen einzigen Sieg stiegen die Kickers direkt wieder ab, der Verein und Hollerbach einigten sich auf die Vertragsauflösung.

Kratzen, beißen, kämpfen siegen - mehr nicht?

Sein Image aus seiner Zeit als Spieler begleitet Hollerbach natürlich auch als Trainer, die regelmäßige Erwähnung der elterlichen Fleischerei in Rimpar tut ihr übriges. Dazu kommt die langjährige Zusammenarbeit mit Magath, der mindestens ebenso sehr Testimonial für Medizinbälle wie Fußballlehrer war. Auch der Übungsleiter Hollerbach wurde in den vergangenen Jahren nicht müde, bei jeder Gelegenheit zu betonen, dass Einsatz und Einstellung das Fundament seien und das Dasein eines Profifußballers ein gewaltiges Privileg.

Hollerbach auf einen bodenständigen Motivator und Schleifer zu reduzieren, auf einen grobschlächtigen Metzgerssohn, wird dem neuen HSV-Trainer jedoch nicht gerecht. In Würzburg ließ Hollerbach sein Team in verschiedenen Grundordnungen agieren. Meist bevorzugte er eine Viererkette, passte jedoch vor allem die Mittelfeldformationen dem jeweiligen Gegner und dem eigenen Matchplan an. Immer nur Plan A, das ist Hollerbach zu wenig. In Phasen ohne Engagement hospitierte Hollerbach mehrfach bei Kollegen.

Ist Hollerbach der richtige Mann für diese Situation?

Er übernimmt einen der undankbarsten Jobs im deutschen Fußball, sechs Trainer hat der HSV in den vergangenen viereinhalb Jahren verschlissen. Hollerbach kommt nicht als Entwicklungshelfer, er muss stattdessen sofort punkten, die nächsten Gegner heißen Leipzig (A), Hannover (H), Dortmund (A), Leverkusen (H) und Bremen (A). Impuls schlägt Perspektive, dieses Gesetz gilt seit Jahren in Hamburg.

Wie viel Psychologie bei diesem Trainerwechsel im Spiel ist, lässt sich schon daran erkennen, dass der HSV sich bei der Gisdol-Nachfolge vor allem bei ehemaligen Fanlieblingen umgesehen hat. Die Namen Magath, Horst Hrubesch und Thomas Doll wurden immer wieder genannt, geworden ist es: Hollerbach. "Solche Typen", sagte HSV-Stürmerlegende Uwe Seeler, "können unsere Mannschaft nach vorne bringen". Über den Fußball spricht schon niemand mehr.

Die letzte Hoffnung: Mit Hilfe einer Integrationsfigur soll das nach all den erfolglosen Jahren mürbe gewordene und abstiegskampfmüde Publikum noch einmal mobilisiert werden. 15 Spiele bleiben Hollerbach und dem Team, der Rückstand auf einen Relegationsplatz beträgt aktuell nur einen Punkt. Allein über die Motivation wird es für den HSV jedoch kaum funktionieren. Gut also, dass Hollerbach mehr mitbringt.

Für den Verein bleibt es trotzdem: ein Glücksspiel.

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