HSV-Misere Stell dir vor, es ist Abstiegskampf - aber keiner weiß es

Niederlage, Remis, Niederlage, Remis, Niederlage: Die jüngste Sieglos-Serie des Hamburger SV ist erschreckend, der Klub steckt im Abstiegskampf. Dietmar Hamann glaubt: Nicht jeder beim HSV hat das verstanden.

HSV-Profis Behrami ( l.), Adler (M.): Dem Abstieg entgegen
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HSV-Profis Behrami ( l.), Adler (M.): Dem Abstieg entgegen


Zur Person
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    Dietmar "Didi" Hamann, 41, gab 1993 sein Bundesligadebüt für den FC Bayern. Fünf Jahre später wechselte er in die Premier League, wo er für Newcastle United und den FC Liverpool spielte. 2005 gewann er mit Liverpool die Champions League. Hamann absolvierte 59 Länderspiele und wurde 2002 Vizeweltmeister. In seiner Kolumne kommentiert Hamann für SPIEGEL ONLINE regelmäßig Entwicklungen in der Bundesliga und im internationalen Fußball.
Die Situation: 25 Spieltage ist die aktuelle Bundesligasaison alt, und selbst für den Hamburger SV gibt es ein paar gute Nachrichten. Der Klub verfügt mit 36 Gegentoren statistisch über eine ordentliche Abwehr, sieben Teams der Liga haben mehr Treffer kassiert. Der HSV liegt mit 25 Punkten außerdem auf einem Nicht-Abstiegsplatz (15), und wenn er seinen Punkteschnitt hält, hätte er am Saisonende 34 Zähler gesammelt. Das könnte für den Klassenerhalt reichen. Die Realität ist, um die Konjunktive bereinigt, allerdings katastrophal. Mit dem schlechtesten Angriff der Liga (16 Tore) und schwacher Formkurve taumelt die Mannschaft dem ersten Abstieg der Klubgeschichte entgegen. Und anders als im Vorjahr, als der HSV sich in der Relegation rettete, wird es diesmal wohl nicht reichen.

Die Probleme: "Das Team spielte befreit auf" - sowas hat man über den HSV lange nicht mehr sagen können. Die Mannschaft bringt sich, das passt zum Traditionsklub, traditionell durch schlechte Saisonstarts selbst unter Druck. Nach sieben Spielen hatte das Team fünf Punkte gesammelt. Im Jahr zuvor waren es ebenfalls fünf Zähler gewesen, 2011/12 sogar nur vier. Misserfolg erhöht den Erfolgsdruck, und wachsender Erfolgsdruck lähmt. In Hamburg wirft man als Reaktion darauf ebenso traditionell die Trainer besonders früh raus. Mirko Slomka erwischte es nach dem dritten Spieltag, Thorsten Fink vor einem Jahr nach dem fünften, Michael Oenning vor vier Jahren nach dem sechsten.

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Druck? Druck! Erfolgsdruck ist gerade bei einem so großen Klub wie dem HSV normal, alltäglich, gelernt. Deshalb wundert es mich, dass sich Heiko Westermann so deutlich ausgerechnet über den permanenten Druck beklagt hat. Fußballprofis werden fürs Fußballspielen bezahlt und dafür, Leistung zu bringen. Sie sind in einer privilegierten Situation, sie haben ihr Hobby zum gutbezahlten Beruf gemacht. Es ist ein schöner Druck, Fußballer zu sein. Und beim HSV zu spielen, würde ich eher als Herausforderung bezeichnen denn als Druck.

Die Mannschaft: Olic, Holtby, Cleber, Behrami, Müller, Ostrzolek, Stieber, Díaz, Rudnevs, Lasogga - im vergangenen Sommer und in der Winterpause haben die Hamburger für viel Geld viele namhafte und/oder talentierte Spieler verpflichtet. Allein die Transfers von Holtby (aus Tottenham), Behrami (vom SSC Neapel) oder Lasogga (Hertha BSC Berlin) unterstrichen die Anspruchshaltung beim HSV. Der Kontrast zur Wirklichkeit ist umso frappierender. Dass man das aus Hamburg leider schon sehr lange nicht anders kennt, macht es auch nicht besser. Verletzungen haben den Klub sicher zurückgeworfen, Entschuldigung für die schwache Saison dürfen sie bei der Tiefe des Kaders aber nicht sein.

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Der Trainer: Die Verletzten werden wiederkommen, und dann werde man die nötigen Punkte holen. Das sagt sinngemäß Joe Zinnbauer, der Hamburger Trainer. Es sind schöne Worte, sie klingen beruhigend, dabei wecken sie die Illusion, der Klassenerhalt sei sowas wie ein Automatismus. Und das ist Quatsch, genau so läuft es im Fußball eben nicht. Und deshalb muss ich annehmen, dass beim HSV immer noch die wichtigste Voraussetzung fehlt, um Probleme zu lösen: das Bewusstsein, wie groß die Probleme wirklich sind.

Die Prognose: Gegen Hertha, einen Konkurrenten im Abstiegskampf, ist am Freitag der Druck riesengroß. Joe Zinnbauer sprach direkt nach dem Hoffenheim-Spiel von einem "Sechs-Punkte-Spiel". Er sagte aber auch: "Wir werden die Punkte holen, wir werden die Tore schießen, die wir brauchen, und damit werden wir am Freitag anfangen." Es klang alles wieder so einfach. Ich jedenfalls fürchte das Schlimmste. Sein Glück hat der HSV nämlich in der vergangenen Saison schon aufgebraucht.



insgesamt 22 Beiträge
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radioactiveman80 16.03.2015
1. Dasselbe wie letztes Jahr...
...vielemir bekannte HSV-Anhänger hatten nur eine Erklärung warum man die Liga halten wird: "Der HSV gehört einfach in die 1. Liga!". Und genau das ist das Problem - man erkennt scheinbar immer noch nicht dass es ziemlich traurig ist wenn einem nichts anderes mehr einfällt als das. Ein Abstieg kann auch mal gut tun, und einem die Chance geben einen Club neu zu ordnen. Ich als Eintracht-Fan werde vielleicht in 2 Wochen sicher sein können dass man die Klasse hält. Und ein einstelliger Tabellenplatz nach dem 34. wäre gut. DAS sind realistische Vorgaben, und das hat man in Hamburg und gerade z.B. auch in Stuttgart viel zu lange verdrängt - man ist ja schliesslich "einer von den Grossen". Von wegen...
1904.pro 16.03.2015
2. Die Uhr
muss weg !
Schattenriss 16.03.2015
3. Mit Verlaub
Überschrift und Kernthese sind nun wirklich Unsinn. Beim HSV ist jedem schon ziemlich lange klar, daß es auch in dieser Saison nur darum geht, den Abstieg zu verhindern. Gerade eben wurde noch die angeblich zu harte Gangart des HSV angeprangert, wenigstens von Weidenfeller mit dem Zusatz versehen: aber so spielt man halt, wenn man mit dem Rücken zur Wand steht. Also, was denn nun?
mmaaeepp 16.03.2015
4. Didi Hamann
Zitat "Fußballprofis werden fürs Fußballspielen bezahlt und dafür, Leistung zu bringen. Sie sind in einer privilegierten Situation, sie haben ihr Hobby zum gutbezahlten Beruf gemacht. Es ist ein schöner Druck, Fußballer zu sein". Er war selber alkoholabhaengig. So schoen, wie Hamann sagt, scheint der Druck dann ja doch nicht zu sein.
Caimann 16.03.2015
5. H s v
Jedes Jahr das gleiche Zittern. Das Nichterkennen der Situation und am Ende, wir haben es wieder einmal geschafft. Nur irgendwann wird das Ziel eben nicht mehr erreicht und dann. Abstieg, für viele Jahre zweite Liga. Für neue Spieler ist kein Geld vorhanden, also wurstelt man einfach weiter. Bitter für den Verein, noch schlimmer für die Stadt. Als Hamburger muss ich sagen, dieser Verein gehört schon lange nicht mehr in Liga 1.
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