Drohender HSV-Abstieg Elf Gründe für Hamburgs Untergang

War es das für den Bundesliga-Dino? Dem Hamburger SV droht der erste Abstieg der Geschichte. Hier sind elf Gründe für die katastrophale Saison.

HSV-Verteidiger Westermann: Viele individuelle Fehler
Getty Images

HSV-Verteidiger Westermann: Viele individuelle Fehler

Von


Das Stadion des Hamburger SV wird restlos gefüllt sein. 57.000 Zuschauer wollen am Samstag (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) das letzte Spiel der Saison gegen den FC Schalke 04 sehen. Sie werden womöglich Zeugen eines historischen Ereignisses, denn dem einzigen Gründungsmitglied der Bundesliga, das ununterbrochen in der Ersten Liga spielte, droht der Abstieg.

Er wäre die logische Folge einer chaotischen Saison, in der die Hamburger dreimal den Trainer wechselten, einen Negativrekord von Tasmania Berlin jagten - und in der sich ein früherer Heilsbringer unwürdig verabschiedete. Elf Gründe, warum die Bundesliga-Uhr in der Arena im Volkspark nach den letzten 90 Minuten der Saison abgeschaltet werden könnte.

1. Falsche Entscheidungen in der Trainerfrage

Entgegen seiner Überzeugung ging Vorstandschef Dietmar Beiersdorfer mit Mirko Slomka in die Saison. Nach drei Spielen wurde Slomka freigestellt. Der ehemalige Nachwuchstrainer Josef Zinnbauer brachte einen kurzfristigen Aufschwung, ist aber nicht für den Abstiegskampf in der Bundesliga gemacht. Weil die Hamburger auf die Zusage von Thomas Tuchel zur neuen Saison hofften, übernahm Sportchef Peter Knäbel übergangsweise. Das Experiment scheiterte in Rekordzeit. Tuchel sagte ab, Beiersdorfer installierte in Bruno Labbadia den vierten Trainer der Saison. Wohl zu spät.

2. Schwacher Angriff

Der HSV ist in dieser Saison das Synonym für Harmlosigkeit vor dem Tor. In der Hinrunde stellten die Hamburger einen Vereinsrekord für die längste Zeit ohne eigenen Treffer auf, in der Rückrunde brachen sie diesen Rekord und brachten zwischenzeitlich sogar die historische Negativmarke von Tasmania Berlin (15 Treffer in der Saison 1965/1966) in Gefahr.

3. Die Krise des Torjägers

In der vergangenen Saison wurde Pierre-Michel Lasogga zum Klassenerhaltshelden. 14 Tore schoss der aus Berlin geliehene Angreifer inklusive der Relegation. Für achteinalb Millionen Euro wechselte Lasogga zur neuen Spielzeit fest nach Hamburg und unterlief die Erwartungen spektakulär. Auch wegen Verletzungen traf er erst viermal. Seine beiden Tore beim Sieg gegen den FC Augsburg vor vier Wochen waren keine Erlösung für den geplagten Angreifer, nur ein kurzes Zwischenhoch.

4. Enttäuschende Zugänge

Mehr als 30 Millionen Euro investierte der HSV vor der Saison in neues Personal. Die meisten Zugänge enttäuschten. Valon Behrami ist nicht die erhoffte Führungspersönlichkeit und spielt in den finalen Wochen der Saison keine Rolle, Nicolai Müller hat sein Talent offenbar in Mainz vergessen, Lewis Holtbys aufälligste Szene in dieser Saison war eine leidenschaftliche Diskussion mit Fans ("Ich will mir den Arsch aufreißen! Ich bin auch nur ein Mensch!") nach der Niederlage gegen den VfL Wolfsburg im April. Die Rückkehr des Volkshelden Ivica Olic brachte keinen Effekt, außer vielleicht einem erhöhten Trikot-Verkauf.

5. Der Kapitän als Mitläufer

Rafael van der Vaart gelang es, seine schwache Vorsaison zu unterbieten. Der Kapitän wirkte oft lust- und antriebslos. Wenn es schlecht lief für die Mannschaft, ging van der Vaart mit unter. Zur neuen Saison bekommt er keinen neuen Vertrag - und hat seinen letzten Einsatz für den HSV wohl schon hinter sich. Bei der Niederlage gegen den VfB Stuttgart kassierte van der Vaart die zehnte Gelbe Karte, beim Abstiegsfinale gegen Schalke wird er fehlen. Die Trauer darüber hält sich bei den HSV-Fans in Grenzen. Den Abschied des einstigen Heilsbringers stellt man sich irgendwie anders vor.

6. Disziplinlosigkeiten im Team

Van der Vaarts Aussetzer in Stuttgart ist bezeichnend für die Mannschaft. Immer wieder schwächte sie sich selbst durch uberflüssige Vergehen: Behrami und Johan Djourou lieferten sich beim Spiel gegen Wolfsburg eine Kabinenrauferei. Djourou flog später vom Platz, weil er sich über den Schiedsrichter beschwerte. In der Fairplay-Tabelle ist der HSV Letzter mit insgesamt fünf Platzverweisen in dieser Saison.

7. Die anfällige Abwehr

Der Hang der Hamburger Verteidigung zum individuellen Missgeschick ist beinahe legendär. Die Niederlage im Pokal gegen den FC Bayern leitete Heiko Westermann mit einem fehlgeschlagenen Rückpass ein, in Leverkusen patzten Djourou und Westermann in Co-Produktion, gegen Wolfsburg vertendelte Cléber den Ball im Spielaufbau. Die Abwehr des HSV unter Druck zu setzen und auf Fehler zu warten, ist für jeden Gegner ein zuverlässiges Mittel in dieser Saison.

8. Die Mannschaft ist nicht eingespielt

Vier verschiedene Trainer versuchten sich in dieser Saison am HSV, sie hatten verschiedene Spielideen und vertrauten unterschiedlichem Personal. Von Zinnbauer integrierte Nachwuchsspieler wie Ronny Marcos und Mohamed Gouaida sind schon wieder in der Versenkung verschwunden, stattdessen sollen die einst abgeschriebenen Ivo Ilicevic und Gojka Kacar den Abstieg verhindern. Eine Stammelf konnte sich wegen der ständigen Trainerwechsel nicht finden, Automatismen konnten nicht entstehen.

9. Dürftige Stimmung im Volkspark

Die Atmosphäre im Hamburger Stadion war in dieser Saison oft mäßig. Sie hat gelitten unter dem Weggang der Ultra-Gruppe Chosen Few, die sich durch die Ausgliederung der Profi-Abteilung verstoßen fühlte. Das schlechte Spiel auf dem Rasen übertrug sich schnell auf die Ränge. Choreografien gab es in dieser Saison selten.

10. Guten Ergebnissen folgten immer wieder Rückschläge

Dem HSV fehlt auch in dieser Saison die Konstanz. Nach kurzen Hochphasen kommen zuverlässig Rückschläge. Den beiden Siegen Anfang Februar gegen den SC Paderborn und Hannover 96 folgte das 0:8 in München. Nachdem sich die Hamburger mit den Erfolgen gegen Augsburg und den FSV Mainz 05 fast schon gerettet hatten, gab es ein Unentschieden gegen den SC Freiburg und die Niederlage in Stuttgart. Die gute Ausgangslage war wieder dahin.

11. Der Druck überfordert die Spieler

Die Mannschaft habe bewiesen, dass sie immer wieder aufstehen könne, sagt Trainer Labbadia. Doch in der entscheidenden Phase der Saison scheint der HSV dem Druck des Existenzkampfs nicht gewachsen zu sein. Gegen Freiburg agierten die Hamburger im eigenen Stadion schüchtern, beim Kellergipfel in Stuttgart hätten einige Spieler Angst gehabt, diagnostizierte Torwart René Adler. Gegen Schalke muss die Mannschaft zeigen, dass Labbadia doch Recht hat mit seiner These vom Stehauf-HSV.



insgesamt 77 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
jujo 21.05.2015
1. ...
Die Hoffnung stirbt zuletzt, nicht nur die Hoffnung, das sich Schalke schon im Urlaubsmodus befindet und es dem FCB gleichtut und sich vornehm zurückhält.
fx33 21.05.2015
2. HSV und VfB
HSV und VfB: bruche mer nit, fott damet.
minderleister 21.05.2015
3. So komisch das auch klingt...
aber der Abstieg des HSV begann meiner Meinung nach schon irgendwann kurz nach der letzten Meisterschaft 1983 bzw allerspätestens ab dem Weggang von Günther Netzer als Manager. Niemehr seither kam eine stabile Kontinuität in das Team samt Umfeld, das Gebilde HSV taumelt seitdem in einer Spirale abwärts. Sehr schade für einen einstigen sportlichen Leuchtturm in Deutschlands Norden
jujo 21.05.2015
4. ...
Die Hoffnung stirbt zuletzt, nicht nur die Hoffnung, das sich Schalke schon im Urlaubsmodus befindet und es dem FCB gleichtut und sich vornehm zurückhält.
makeup 21.05.2015
5. ...so ist das Leben
Ich vestehe diesen Aufstand nicht. Ganz normaler Vorgang. Wer keine Punkte hat, steigt ab. Hört sich fast so an, als hätte der HSV Sonderrechte. Ab in die zweite Liga und Neuanfang, wie andere Vereine auch.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.