HSV-Fans feiern im Volkspark Glückwünsche im Sekundentakt

"Immer erste Liga!" - 13.000 HSV-Fans haben den Klassenerhalt im Hamburger Volksparkstadion gefeiert. Manchem Anhänger ist der Erfolg mehr wert als frühere Titelgewinne.

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In der Stunde der Erleichterung ist sogar Blasphemie erlaubt. Klaus Beczinski, 64 Jahre alt, steht am Ausgang von Block 9A im ehemaligen und künftigen Volksparkstadion, einen blauen Schal mit weißen und schwarzen Streifen um den Hals, Bierbecher in der rechten Hand, und sagt: "Jeder Titel mit Happel ist ein Dreck dagegen."

Ernst Happel war ein Trainer, der Heiligenstatus genießt beim Hamburger SV. Mit Happel wurde der Klub zweimal Meister und holte den Europapokal der Landesmeister, bis heute der größte Erfolg der Vereinsgeschichte. Anfang der Achtzigerjahre war das.

Beczinski war schon damals Fan des HSV, und er ist es immer noch. Mit 13.000 Gleichgesinnten hat er das Rückspiel der Relegation gegen Karlsruhe beim sogenannten Public Viewing in der Hamburger Arena gesehen, und er findet, dass der Kampf gegen den Abstieg extremer ist als der Kampf um Trophäen. Dass die Emotionen bei den Titeln mit Happel belanglos seien im Vergleich zur Erleichterung beim Klassenerhalt.

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Erleichterung ist das dominierende Gefühl im Hamburger Stadion an diesem frühlingshaften Abend. Und die Gewissheit, einzigartig zu sein. Der liebste Gesang der HSV-Fans geht so: "Sechsmal Deutscher Meister, dreimal Pokalsieger, immer erste Liga!" Lange definierte sich der Klub über den ersten Teil des Chorals, über die Erfolge. Mittlerweile ist der letzte Teil - "immer erste Liga!" - zum Markenkern geworden, zum Alleinstellungsmerkmal. Der HSV war als einziger Klub immer in der Bundesliga. Und er wird es immer bleiben. So ist nach dem zweiten knappen Klassenerhalt nacheinander die Stimmung im Volkspark.

Unabsteigbar? HSV-Fan Beczinski überlegt. "Anscheinend sind wir das", sagt er, doch noch eine Saison am Rande des Abgrunds will er nicht erleben: "Man leidet ja mit dem Verein. Ich beneide die Leute, die sich nicht für Fußball interessieren. Die haben immer ein schönes Wochenende." Mit der Relativierung, dass Fußball nur ein Spiel ist, muss man Beczinski nicht kommen.

Dabei beginnt die Veranstaltung verhalten, ohne ganz große Gefühle. Klar, als Lotto King Karl seine Hymne auf Stadt und Verein vorträgt ("Hamburg, meine Perle!"), schwenken die Menschen auf den Rängen ihre Schals und singen mit wie immer. Bei der Verkündung der Mannschaftsaufstellung brüllen sie die Namen der Profis - "Aaaaaaaadler! Oooooolic! Lasoggaaaaaaaa!" - mit der gleichen Inbrunst wie bei einem normalen Spiel, obwohl auf dem Rasen nur ein großer Bildschirm aufgebaut ist und die Stimme von Fernseh-Kommentator Steffen Simon durch das Rund hallt.

Die Uhr läuft weiter

Doch während der Partie gibt es kaum Gesänge, wenig Anfeuerungsrufe. Das Publikum schreit auf bei Chancen, protestiert bei angeblichen Schiedsrichter-Fehlern. So muss die Stimmung in deutschen Stadien gewesen sein, bevor die Ultras einzogen und mit ihnen die akustische Dauer-Untermalung von Fußballspielen.

Weil vor der eigentlichen Fankurve, der Nordtribüne, Kräne und Gabelstapler die Bühne für Helene Fischer aufbauen, die Ende der Woche zwei Konzerte im Hamburger Stadion spielt, sitzen die Zuschauer auf der Südtribüne. Von dort haben sie freie Sicht auf die Uhr, die anzeigt, wie lange der HSV schon in der Bundesliga ist.

Als es mit zunehmender Spieldauer danach aussieht, als könnten Helene Fischers Handwerker gleich auch die Uhr abmontieren, lädt sich die Stimmung auf. Nach der Karlsruher Führung fliegen Bierbecher und Fahnen-Stangen, die Leute in den ersten Reihen schlagen wild gegen die Balustrade. Ordner in leuchtend gelben Westen und uniformierte Polizisten marschieren auf. Man bekommt eine Idee davon, was im und um das Stadion los sein würde, sollte der HSV wirklich absteigen.

"Ein Riesenspektakel"

Doch mit dem Ausgleich kehrt Euphorie ein. Nun ist die Stimmung so, als würde auf dem Rasen kein Bildschirm stehen, sondern als wären da elf Spieler, die Unterstützung brauchen. Niemand sitzt mehr, Anfeuerungen im Stakkato klingen durch die Arena. Nach dem Ende der regulären 90 Minuten ruft Stadionsprecher Lotto King Karl ins Mikrofon: "Wir wussten, dass es nicht einfach wird. Es ist noch nicht vorbei." Als es dann vorbei ist, als der Klassenerhalt feststeht und die Fans jubeln, als habe der HSV gerade die Champions League gewonnen, mahnt er zu gutem Benehmen angesichts der Nahtod-Erfahrungen in der abgelaufenen und dieser Spielzeit: "Es war zweimal knapp. Wir müssen jetzt keine dummen Sprüche loslassen!" Keine dummen Sprüche in Richtung der tragisch gescheiterten Karlsruher. Die Fans folgen seiner Aufforderung.

Eine knappe Stunde nach dem Spiel steht Lotto King Karl in einer dunklen Ecke des Parkplatzes vor dem Stadion und ist mit seinem iPhone beschäftigt. Im Sekundentakt bekomme er Glückwunsch-Nachrichten, erzählt er, und er hat auch selbst Glückwünsche verschickt. Unter anderem an Rafael van der Vaart, den er Rafa nennt. Lotto King Karl weiß, dass der Klassenhalt des HSV in der Bundesrepublik keine Mehrheit gefunden hätte, wenn darüber abgestimmt worden wäre. Aber Auf- und Abstieg werden nicht demokratisch verhandelt: "Es stimmt, wir hatten Glück. Aber nach 36 Spieltagen haben wir es mal wieder gepackt. Dafür gibt es die Relegation - eine grausame Sache, aber auch ein Riesenspektakel."

Ein Spektakel, das den Hamburgern zum zweiten Mal zugute kommt. Bis auf den Parkplatz sind die Gesänge der Fans zu hören, die zur S-Bahn gehen. Sie singen wieder ihr Lied von den sechs Meisterschaften, drei Pokalsiegen und der immer währenden Erstklassigkeit. Und dürfen es auch in der kommenden Saison singen.

Karlsruher SC - Hamburger SV 1:2 (0:0, 1:1) n.V.
1:0 Yabo (78.)
1:1 Diaz (90.+1)
1:2 Nicolai Müller (115.)
Karlsruhe: Orlishausen - Valentini, Gordon, Gulde, Max (86. Dennis Kempe) - Krebs (89. Stoll), Meffert - Torres, Yamada (72. Yabo), Nazarov - Hennings
Hamburg: Adler - Diekmeier, Djourou, Rajkovic, Ostrzolek - Diaz, van der Vaart - Olic (77. Nicolai Müller), Holtby (66. Stieber), Ilicevic (86. Cleber) - Lasogga
Schiedsrichter: Gräfe (Berlin)
Zuschauer: 27.986 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Krebs, Meffert, Gulde, Gordon, Nazarov - van der Vaart, Díaz, Rajkovic, Cléber

insgesamt 36 Beiträge
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Seite 1
fidelax 02.06.2015
1. Schade
Der HSV hat nichts mehr in der 1. Bundesliga zu suchen. Nur durch eine fehlerhafte Schiedsrichterentscheidung wurde der Ausgleich erreicht.
HamburgerJung2110 02.06.2015
2. Ksc
Auch Glückwunsch an den KSC. Die haben schließlich auch die Liga gehalten.
aurichter 02.06.2015
3. @ fidelax
Der Ausgleich wurde durch einen genialen Freistoß erreicht durch Diaz. Der Ball hätte auch daneben oder drüber gehen können. Der Herr Gräfe hat lediglich einen Freistoß gepfiffen, nicht mehr und nicht weniger. War der Elfmeter berechtigt? Karlsruhe hat unglücklich verloren. Wäre es beim 1:0 geblieben, hätte. sich auch keiner beschweren können. Ist aber nicht. Bitter für die Einen, glücklich für die Anderen.
primirp 02.06.2015
4. kurzsicht
ich verstehe nicht, warum sich die hsv-anhaenger ueber den klassenerhalt freuen. gibt es denn auch nur die chance auf irgend eine hoffnung dass die jetzt wieder fussball spielen werden? njet. es gibt einfach situationen, da wird mit dem klassenerhalt nicht die lebens- sondern die sterbenzeit verlaengert. zum wohle des vereins waere ein abstieg noetig geworden, aber man berauscht sich ja lieber an der ewigen buli-uhr
ludpaa 02.06.2015
5. Das ist das Niveau...
... auf dem sich der HSV und seine Anhänger eingepegelt haben? Feiern, dass man mal nicht verloren hat? Herrje, wie erbärmlich.
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