Hamburger SV Lieber Mainz als Europa

Wieder einmal hat der Hamburger SV den Abstieg knapp vermieden. Langsam scheint der Verein zu begreifen, dass die Rückkehr zu alter Stärke gescheitert ist. Der Klub sollte seine Ansprüche zurückschrauben.

Trainer Labbadia, Maskottchen: Demut in der Stunde des Klassenerhalts
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Trainer Labbadia, Maskottchen: Demut in der Stunde des Klassenerhalts

Von , Hamburg


Als der Klassenerhalt geschafft war, auf dramatischste Weise in der Relegation, war sich der Hamburger SV sicher, dass jetzt alles besser werden würde. Endlich, nach Jahren der Misswirtschaft und des sportlichen Abschwungs, der beinahe, aber eben nur beinahe, in der zweiten Liga geendet hätte.

Die Ausgliederung der Fußballsparte in eine AG stand an. Fachleute um den ehemaligen Kapitän Dietmar Beiersdorfer sollten den Verein fit machen für die Rückkehr in den Europapokal, dem nach eigener Ansicht naturgemäßen Betätigungsfeld des HSV. Mit dem Einstieg von Investoren wie dem Logistikmilliardär Klaus-Michael Kühne sollte der Haushalt saniert werden.

Das war vor einem Jahr, als der HSV durch zwei Unentschieden in der Relegation gegen Greuther Fürth dem Abstieg entronnen war.

Der Traum von einer besseren Zukunft hat sich seitdem nicht erfüllt, im Gegenteil. Trotz der Ausgliederung, trotz Beiersdorfer und Kühne kam der Verein in dieser Saison dem Abgrund nahe wie nie. Erst in der Verlängerung der Relegation gegen den Karlsruher SC retteten die Hamburger ihren Status als einziges Team, das immer in der ersten Bundesliga gespielt hat. Nachdem die hochgestochenen Pläne des vergangenen Jahres gescheitert sind, muss der HSV zur neuen Saison seine Ansprüche zurückschrauben.

Europa muss auf längere Sicht ohne den HSV auskommen

Der Klub muss sich damit abfinden, dass der Europapokal langfristig ohne ihn auskommen wird, und die Trauer darüber wird sich in Barcelona, Manchester und München in Grenzen halten. Das einzige Ziel der Hamburger kann sein, eine Perspektive zu schaffen, sonst ist der Abstieg eine Frage der Zeit.

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HSV verhindert Abstieg: Buenos Díaz
Der Verein muss eine Mannschaft mit Zukunft bauen, den Trainerverschleiß beenden und die Führung professioneller gestalten als in der abgelaufenen Saison, als zum Beispiel Aufsichtsratschef Karl Gernandt in einem NDR-Interview offen über die Pläne mit Wunschtrainer Thomas Tuchel plauderte. Kurz danach sagte Tuchel ab.

Die Verantwortlichen versuchten schon in der Stunde des Klassenerhalts, der Situation gerecht zu werden und sich demütig zu zeigen. "Die Erleichterung nach diesen zwei Relegationsspielen ist natürlich riesengroß. Da fallen jetzt schon einige Bruttoregistertonnen an Last von allen ab", ließ Klubchef Beiersdorfer verlauten.

Feiern, als hätte man einen Titel geholt

Nach dem Sieg in Karlsruhe feierten die Mannschaft, Trainer Bruno Labbadia und die Führungscrew mit Beiersdorfer und den Sportchefs Peter Knäbel und Bernhard Peters, als hätte der HSV gerade die Champions League oder zumindest das Nordderby gegen Werder Bremen gewonnen. Das ist nachvollziehbar angesichts des Drucks, der von allen Beteiligten abgefallen war.

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HSV-Fans: Zittern, bangen, jubeln
"Aber diese Freude ist nicht zu verwechseln mit einer inneren Genugtuung. Die kann es nach dieser Saison bei uns nicht geben", sagte Beiersdorfer. Auch bei den Spielern wird sich die Gewissheit einstellen, dass sie in dieser Saison wenig geleistet haben, auf das es sich stolz zu sein lohnt.

Die Vereinsführung darf trotz des Fastabstiegs im Amt bleiben. Schon vor dem letzten Spiel der regulären Saison gegen Schalke hatte Beiersdorfer das Vertrauen des Aufsichtsrats ausgesprochen bekommen, wenn auch mit Einschränkungen.

Das Gesicht der Mannschaft dagegen wird sich verändern. Die Kosten des Kaders von aktuell 52 Millionen Euro sollen um zehn Millionen gesenkt werden. Kapitän Rafael van der Vaart, Marcell Jansen und Ivo Ilicevic müssen den Verein verlassen, die Zukunft von Heiko Westermann, Slobodan Rajkovic und Gojko Kacar ist ungeklärt. Valon Behrami, vor der Saison als Führungskraft geholt, dürften keine Steine in den Weg gelegt werden, wie es in der Fachsprache heißt, falls ein Angebot eingehen sollte.

Mehr als 30 Millionen Euro hatte der Verein zur abgelaufenen Saison in die Mannschaft investiert. Klubs wie Mainz oder Augsburg generieren mit einem Drittel davon einen höheren Ertrag. Sie machen Spieler besser. In Hamburg ist das Gegenteil zu beobachten: Beispiele sind Nicolai Müller (trotz seines entscheidenden Treffers gegen Karlsruhe) oder Lewis Holtby. Zur neuen Spielzeit sollen die verliehenen Kerem Demirbay und Jonathan Tah zurückkehren, die Verpflichtung eines weiteren Top-Talents steht nach Angaben des "Hamburger Abendblatts" unmittelbar bevor.

Die Ansprüche der HSV-Fans sind nach der zweiten Spielzeit am Rande des Untergangs ins Mikroskopische gesunken: Nur nicht noch einmal so eine Saison - Sätze wie dieser waren aus der Gefolgschaft des Klubs oft zu hören in den vergangenen Wochen. Fraglich ist allerdings, was von der Bescheidenheit bleibt, sollte mal wieder ein zufälliges 0:0 gegen Borussia Dortmund gelingen.

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Bundesliga-Analyse: Wie sich der HSV retten konnte

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levelup 02.06.2015
1. Der HSV
war doch eigentlich schon immer ein der Unaufgeregtheit zugeneigter Verein. Gebt doch die Devise Klassenerhalt für die nächste Saison aus und fangt da an, wo es diese Spielzeit endete: ganz unten in der Tabelle. Wenn man diesen Platz nicht aus den Augen verliert, fällt einem die Zielsetzung und Umsetzung vielleicht etwas leichter. Aber nein, es solle schon wieder irgendein Top-Talent kommen etc. Verbunden mit EL-Teilnahme-Träumen. Schuster, bleib bei deinen Leisten fällt mir dazu ein. Zumindest mal von den letzten zwei Jahren ausgehend.
benedetto089 02.06.2015
2.
Dass der HSV langfristig (für mich 2-5 Jahre) nicht zumindest mal um die Euro League Plätze kämpfen kann sehe ich nicht. Jeder der sich nicht im Abstiegskampf befand war in den letzten Jahren an Platz 6 oder 7 zumindest theoretisch dran. Ich glaub trotz des Klassenerhalts nicht, dass Labbadia der richtige Trainer ist. Das merken sie beim HSV sicherlich auch relativ bald (dann schon zum zweiten mal) und dann ist die Gefahr groß, dass die gleiche Laier wieder losgeht.
julius.ott 02.06.2015
3. Demut und Realität
Wenn man die Forenberichte diverser HSV-Fans liest, weiss man woran es krankt! Da wird von einem verdienten Weiterkommen des HSV gesprochen. Der KSC wird als Provinzverein bezeichnet. Der KSC hat das 1:1 nur mit einem Sonntagsschuss in Hamburg geholt. Die beiden Lattentreffer und das -eigentliche- Elfmeterfoul an Yabo werden unterschlagen. Am Ausgleichstreffer durch Diaz war die schwache(!) KSC Abwehr schuld...der KSC hätte keine Chance gehabt usw....wie Peinlich! Aber diese Denkweise zeigt, dass bei vielen in diesem Verein jeglicher Realitätssinn fehlt. Statt demütig zur Kenntnis zu nehmen, dass man glücklich und vor allem unverdient NICHT abgestiegen ist, werden schon wieder grosse, überhebliche Töne gespuckt! Widerlich!
die_guru 02.06.2015
4. HSV ich bin dein Fan!!!
Deswegen sei doch mal wieder sympathisch und realistisch! Und nicht größenwahnsinnig und dumm ... Bitte!!!
Kurt2.1 02.06.2015
5. .
Der Klassenerhalt war das Ziel der Saison, allerdings ohne den Abstiegskampf. Das war sicher nicht zu hoch gesteckt. Es sind Journalisten wie Herr Buchheister mit ihren unsinnigen Artikeln, die dem Verein etwas nahe legen, was nicht von dort kommt, sondern aus den Cafes und Kneipen rund um den Spiegel-Verlag. Vielleicht mal den Cognac weglassen beim Kaffeeschlürfen. . Die Rückkehr zu alter Stärke jetzt nach einem Jahr Umbruch für gescheitert zu erklären, zeugt von absoluter journalistischer, überheblicher Dummheit. Der mann soll sich sein Lehrgeld zurückgeben lassen.
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