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13. Mai 2018, 09:11 Uhr

Persönliche Erinnerung an den HSV

Mein Vater, der Meister

Von Matthias Krug

Der Abstieg des Hamburger SV schmerzt seine Fans, auch mich trifft er ganz besonders: Mein Vater spielte in den großen Zeiten für den Klub, wurde 1960 Meister. Der Verein war immer Teil der Familie.

Der HSV ist abgestiegen, die Anzeigetafel im Volksparkstadion, sie hat ausgedient. Nach 54 Jahren und 261 Tagen ist Hamburg nicht mehr erstklassig - das entspricht etwa meinem Alter. Und mit der Uhr im Stadion hört irgendwie auch mein Herz auf, richtig zu schlagen.

Mein Vater Gerhard, genannt Gerd, Krug ist 1960 mit dem HSV Deutscher Meister geworden, damals gab es die Bundesliga noch nicht und der Titel wurde in einer Endrunde ermittelt. Vom rechten Außenstürmer wurde er zum rechten Verteidiger umgeschult. Im Finale gegen den 1. FC Köln war sein direkter Gegenspieler Helmut Rahn, der Weltmeister von '54.

Am 24. August 1963, sieben Monate vor meiner Geburt, spielte mein Vater dann im ersten Bundesligaspiel für den HSV, gegen Preußen Münster. In der Saison wurde er mit dem HSV Pokalsieger. Uwe Seeler war der Star der Mannschaft, in der alle, bis auf Verteidiger Jürgen Kurbjuhn, aus Hamburg stammten. Kurbjuhn kam aus Buxtehude, ein kurzer Sprung über die Elbe, aber eben schon Niedersachsen. Scherzhaft wurde er in der Mannschaft der "Ausländer" genannt.

Unser Vater wuchs auf den Straßen des zerbombten Hamburg-Barmbek auf. Selbstgenähte und zusammengeflickte Bälle ersetzten die ersten Blechdosen zum Spielen. Über den Post SV begann der Aufstieg zu Barmbek-Uhlenhorst. Der große HSV entdeckte, heute würde man sagen "scoutete", ihn. Mein Vater war klein, aber wendig. Bereits in der Jugend, mit 15, spielte er mit Uwe Seeler zusammen. Die Mannschaft blieb jahrelang unverändert und war kaum zu schlagen. Im Bus auf dem Weg zum Spiel hieß es eigentlich immer nur: "So, und gegen wen gewinnen wir heute?", dann wurde bis zum gegnerischen Stadion weiter Skat gespielt.

Seeler schimpfte auf die "Scheiß-Studenten"

Es tut mir in der Seele weh, die Fotos von damals zu sehen. Daran zu denken, dass diese Ära vorbei ist, schmerzt. Einen Vater zu haben, der diese Ära mitbegründet hat bedeutet mir viel. Mein Vater und seine Mitspieler waren nicht nur aufgrund des Fußballs anerkannt, sie waren Repräsentanten der Stadt und wurden sogar in der Literatur verehrt. Siegfried Lenz schrieb über Charly Gurk (Krug Rückwärts) in seinem Roman "Das Vorbild" über einen intellektuellen Fussballspieler des HSV, der begnadete Flanken schlug. Mit Uwe Reuter und Jürgen Werner bildete mein Vater das sogenannte "Studenten-Dreieck" der legendären Meistermannschaft von 1960. Uwe Seeler, dem das Spiel der angehenden Lehrer zu filigran war, schimpfte oft über die "Scheiß-Studenten", die ihn an seinem geraden Spiel zu hindern schienen.

Mein Vater spielte bis 1966 in der Bundesliga. Bei den Heimspielen des HSV treffen sich seine früheren Mannschaftskameraden und andere Ehemalige aus der sogenannten Altliga, etwa Mittelfeldregisseur Jochen Meinke und Torwart Horst Schnoor. Sie kommen gemeinsam mit ihren Frauen und sind immer noch bestens befreundet, haben sich auch nach der Fussballlaufbahn immer gegenseitig geholfen, wenn einer Probleme hatte, beruflich oder gesundheitlich. Heute machen sie im Stadion genüsslich ihre Witze, wenn ein HSV-Torwart einen Schuss hält: "Das war eine Rückgabe." Oder wenn der Stürmer wieder einen Ball neben das Tor schiebt: "Den hätte Uwe mit verbundenen Augen rein gemacht." Wenn ein Spieler wochenlang wegen eines gebrochenen Zehs pausiert, dann kommen die Vergleiche mit früher auf, als schon mal mit gebrochenem Fuß weitergespielt wurde. Es konnte damals nicht ausgewechselt werden, alle elf Mann mussten durchspielen.

Die letzte Generation, die noch alle 14 Tage im Stadion dazugehört, ist die um Manfred Kaltz, Bernd Weymeyer und Horst Hrubesch. Sie sind dreimal Deutscher Meister geworden und haben den Europapokal der Landesmeister gewonnen, die Champions League von damals. Danach brach die Zeit der Legionäre an. Diese Spieler hat es nach der Karriere in alle Winde zerstreut, sie haben weder Bindung zum Verein noch zur Stadt.

Public Viewing war für den Vater eine absurde Vorstellung

Zu Lebzeiten meines Vaters waren wir regelmäßig zusammen im Stadion. Vater Gerd wollte das Spiel von der Tribüne aus analysieren. Es nervte ihn, wenn durch das Rund gerufen wurde: "Steht auf für den HSV", denn die aufgesprungenen Fans verstellten ihm den Blick auf das Spielfeld und damit seiner fachlichen Beurteilung. Am Fernsehgerät mochte er nicht in Gesellschaft gucken. Lieber allein oder in sehr kleiner Runde mit uns Jungs, ohne störende Kommentare "Ahnungsloser". Public Viewing war eine absurde Vorstellung für ihn.

Mein Vater starb leider schon 2011. Bis dahin war er drei Jahre lang Mitglied des HSV-Aufsichtsrats. Spielerkäufe in höheren Dimensionen und neue Trainer mussten auch von ihm abgesegnet werden. Im Auto, nach einem Spiel, zeigte er mir schon mal eine Spielerbeurteilung, etwa die von Alex Silva. Dort stand dann die Anzahl der Einsätze im brasilianischen Verein, in Nationalmannschaft sowie Stärken und Schwächen, Größe, Gewicht. Das Problem war: So wurde mal eben, ohne eigene Expertise, über die Ausgabe von vielen Millionen Euro entschieden. Neue Trainer wurden vor der Verpflichtung zur Präsentation ihrer Konzepte in seine Wohnung eingeladen. Mit Blick über die Elbe trugen die Trainer dann ihre Zukunftsvisionen vor.

Bei den Heimspielen gehe ich regelmäßig zum Walk of Fame des ruhmreichen Vereins. Am bronzenen Fuß von Uwe Seeler ist auch der Fußabdruck meines Vaters verewigt. Auf der Tafel heißt es: Geb. 5.8.1936. HSV-Ligaspiele: 397. Deutscher Meister: 1960. DFB Pokalsieger: 1963. Mit Wehmut versuche ich regelmäßig, vor den Heimspielen meinem Vater die prekäre Situation zu erklären. Im "Gespräch" mit ihm muss ich permanent von Abstiegsgefahr, Hilflosigkeit, Planlosigkeit berichten. Für die Kinder tut es mir oft am meisten leid, wenn sie mit ihren Vätern und mit hängenden Köpfen wieder nach einer Niederlage und nach einem schlechtem Spiel vom Stadion nach Hause wandern. Ich würde ihnen wünschen, mit positiven Erlebnissen dauerhaft an den HSV gebunden zu werden. So wie es mir vergönnt war.

Aber der HSV hat es verpasst, mit der Zeit zu gehen, geschweige denn, seiner Zeit voraus zu sein.

Andere Vereine waren da schlauer, haben aus weniger mehr gemacht: Vereine wie Mainz, Freiburg, Augsburg. Zu den großen Zeiten des HSV waren gegen solche Gegner sichere Punkte eingeplant. Auch während der Aufsichtsratstätigkeit meines Vaters machte der HSV Rückschritte in der Entwicklung. Nun hat er die Rechnung bekommen.

Man wechselt nicht mal eben seinen Verein

Mein Vater hätte sicherlich auch nach den vergangenen Jahren gesagt, dass, wer aus Fehlern nicht lernt, dumm ist und sich nicht wundern muss, wenn es schlecht läuft. Das war seine Lebenseinstellung. Er hatte allerdings nie die These vertreten, dass ein Abstieg dem HSV gut tun würde. Seiner Meinung nach gehörte der Verein in die erste Liga, allein schon aus finanziellen Gründen und wegen des Ansehens in der Stadt.

Die derzeitige Jugendarbeit mit starken Mannschaften in allen Altersgruppen hätte ihm aber sicherlich gefallen und Mut gemacht. In seiner aktiven Zeit war er nebenbei Trainer der Nachwuchsmannschaft. Für mich ist es eine Schmach, dass mein Vater Gerd Krug nun ein Ex-Profi eines derzeitigen Zweitligavereins sein soll. Dennoch werde ich dem Verein selbstverständlich die Treue halten. Man wechselt halt nicht seine emotionale Bindung. Schon gar nicht, wenn man wie ich in der Stadt und mit dem Verein geboren ist.

Im Video: Reaktionen auf den HSV-Abstieg

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