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HSV-Pleite gegen Wolfsburg: Harmloser SV

Foto: Stuart Franklin/ Bongarts/Getty Images

HSV-Absturz Kopflos mit Knäbel

Der Hamburger SV stürzt nach der Niederlage gegen Wolfsburg auf Platz 17, der Abstieg droht. Die Profis beschwören den Zusammenhalt, doch ausgerechnet der Trainer sorgt mit einer öffentlichen Spielerschelte für einen Eklat.

Wenn es sportlich schlecht läuft, wenn der Abstieg droht wie im Moment dem Hamburger SV, dann wird oft der Zusammenhalt zum letzten Mittel. Und so stand Mittelfeldspieler Lewis Holtby nach der 0:2-Niederlage gegen den VfL Wolfsburg im Erdgeschoss der Arena im Volkspark und rief zu Geschlossenheit auf angesichts des Sturzes auf den vorletzten Tabellenplatz: "Keiner will absteigen. Wir müssen eine Einheit bleiben."

Als Zeichen des Zusammenhalts nahm Holtby seinen Mitspieler Cléber Reis in Schutz, der mit einem Ballverlust im Spielaufbau in der zehnten Minute das erste Gegentor verschuldet und die Niederlage eingeleitet hatte: "Wir halten zu ihm", sagte Holtby über die tragische Figur des Abends.

Doch Zusammenhalt beim HSV ist eine Illusion. Denn was nützt die Solidarität unter den Spielern, wenn der Trainer daran offenbar kein Interesse hat? Auch Peter Knäbel sprach nach dem Spiel über den unglücklichen Cléber, doch er schützte ihn nicht, sondern stellte ihn in aller Öffentlichkeit bloß. Knäbel sagte: "Wenn man den Ball so dämlich und so überflüssig verliert, dann ist das das Schlimmste, was es gibt."

Keine zufällige Wortwahl

Dass der Trainer vor mehreren Mikrofonen in diesem Ton über Clébers Aussetzer klagte, zeigt: Zufällig war die Wortwahl nicht, Knäbel war sein ungewöhnlich strenger Tadel nicht einfach herausgerutscht. Offenkundig ist es einfach seine Art im Umgang mit den eigenen Spielern.

Besonders zornig war Knäbel über Clébers Missgeschick, weil die Fehler-Vermeidung in der Spiel-Eröffnung explizit Thema gewesen sei in der Vorbereitung auf die Partie gegen Wolfsburg, wie der Trainer sagte. Schon die 0:4-Niederlage bei Bayer Leverkusen am Wochenende zuvor war ja durch einen Ballverlust in der Vorwärtsbewegung eingeleitet worden, Heiko Westermann und Johan Djourou waren die Schuldigen. Knäbel berichtete, dass er auch mit Cléber über solche Situationen gesprochen habe, unter Zuhilfenahme eines Übersetzers, wie der Trainer demonstrativ ergänzte. "Die Bundesliga ist der denkbar falscheste Ort, um einen solchen Fehler zu begehen", sagte Knäbel.

Es ist nicht neu, dass interne Probleme beim HSV gerne in der Öffentlichkeit verhandelt werden. Doch selten ist ein Spieler nach einem Fehler derart von seinem Trainer bloßgestellt worden wie Cléber von Knäbel. Und es ist eine gute Frage, wie die verunsicherten Hamburger zu Mut und Selbstvertrauen für die verbleibenden sechs Spiele kommen sollen, wenn sie fürchten müssen, bei Fehlern von ihrem eigenen Trainer vorgeführt zu werden.

Der HSV wehrt sich nicht mehr in der zweiten Halbzeit

Zumal Knäbel und die Mannschaft eigentlich noch dabei sind, einander kennenzulernen. Im Oktober wurde Knäbel als Sportchef engagiert, im Zuge des zweiten Trainerwechsels der laufenden Saison vor drei Wochen übernahm er übergangsweise das Traineramt, bis zum Ende der Saison soll diese Lösung in Kraft sein. Nach Knäbels ersten beiden Spielen an der Seitenlinie ist allerdings noch nicht erkennbar, was ihn zum Retter des HSV qualifizieren soll. Stattdessen trudelt der Klub dem ersten Abstieg der Geschichte entgegen. An diesem Sonntag könnten die Hamburger sogar auf den letzten Tabellenplatz rutschen.

Das Restprogramm des Hamburger SV

Spieltag Gegner Heim/Auswärts
33. VfB Stuttgart A
34. FC Schalke H

Gegen Wolfsburg leistete die Mannschaft nur in der ersten Halbzeit Widerstand. "So schlecht haben wir in der ganzen Saison noch nicht gespielt", sagte Verteidiger Westermann. Wobei er nicht einmal aufgebracht klang, als er über die Niederlage referierte, eher resigniert. Die Darbietung habe phasenweise "nichts mit Fußball zu tun" gehabt, klagte Westermann. Rechtzeitig zum Eintritt in die entscheidende Phase der Saison zeigt der HSV Auflösungserscheinungen. Dazu passt, dass Djourou sich kurz vor Schluss eine bemerkenswert überflüssige Aktion leistete: Wegen Meckerns handelte er sich die Gelb-Rote Karte ein. Er fehlt im Nordduell bei Werder Bremen am kommenden Sonntag.

Die Mannschaft betreuen wird dann wohl wieder Knäbel - und nicht etwa Thomas Tuchel. Der ehemalige Mainzer Trainer ist bekanntlich der Wunschkandidat des HSV für die kommende Saison. Zuletzt machte das Gerücht die Runde, Tuchel könnte sogar schon für die finale Phase der laufenden Spielzeit einspringen, um die Hamburger vor dem Abstieg zu retten. Diese Variante ist aber unwahrscheinlich. Denn Tuchel will einen neuen Job nach der Sommerpause unbelastet beginnen. Außerdem steht er offiziell noch in Mainz unter Vertrag. Es wäre eine Überraschung, wenn ihn der Klub vorzeitig freigeben würde, zumal Hamburg und Mainz Anfang Mai noch gegeneinander spielen.

Nein, sagte Knäbel, es sei schon sinnvoll, die Saison in der aktuellen Konstellation zu Ende zu bringen. Mit dem Risiko, dass er den ersten Hamburger Abstieg zu verantworten hätte.

Hamburger SV - VfL Wolfsburg 0:2 (0:1)
0:1 Guilavogui (10.)
0:2 Caligiuri (73.)
Hamburg: Adler - Westermann, Djourou, Cleber, Ostrzolek - Diáz (46. Jiracek), Behrami - Holtby, van der Vaart (62. Nicolai Müller), Olic - Lasogga (72. Beister)
Wolfsburg: Benaglio - Vieirinha, Naldo, Knoche, Rodríguez (82. Marcel Schäfer) - Guilavogui, Arnold - Perisic (77. Schürrle), De Bruyne (88. Träsch), Caligiuri - Dost
Schiedsrichter: Felix Zwayer (Berlin)
Zuschauer: 57.000 (ausverkauft)
Gelb-Rote Karte: Djourou wegen unsportlichen Verhaltens (88.)
Gelbe Karten: Diáz, Olic, Nicolai Müller (6) - Arnold (6)

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