Hamburger SV Rote Karte für die Presse

Bei der Jahreshauptversammlung des krisengeschüttelten HSV wollten die Mitglieder unter sich sein: Sie schlossen die Medien aus. Zeitweise herrschte eine aggressive Atmosphäre wie im Stadion. Die HSV-Führung wirkte fassungslos - die Veranstaltung wurde ohne Ergebnis abgebrochen.
Von Martin Sonnleitner

"Ich hatte gedacht, dass wir eine sportliche Krise haben und nicht, dokumentieren zu müssen, dass wir ein Chaos-Club sind." Udo Bandow, der Aufsichtsratsvorsitzende des Hamburger SV, war sichtlich und hörbar erschüttert. Soeben hatten die Mitglieder seines Vereins beschlossen, sämtliche Medienvertreter von ihrer Jahreshauptversammlung auszuschließen. Unter höhnischen Spottgesängen mussten die Journalisten den großen Sitzungssaal 1 im Hamburger Congress Centrum verlassen. Die mit Spannung erwartete Versammlung geriet schon kurz nach ihrem Beginn zu einer Farce.

Auf 18.30 Uhr war die Mitgliederversammlung angesetzt, aufgrund des großen Andrangs verzögerte sich der Start um genau eine Stunde. 1589 merklich aufgekratzte Mitglieder drängten in den Saal, die obligatorischen Ehrungen wurden noch unter Anwesenheit der rund 100 Pressevertreter vollzogen.

Dann knallte es gewaltig. Noch bevor der Vorstand seinen lange erwarteten Rechenschaftsbericht für das Geschäftsjahr 2005/2006 verkünden konnte, vollzog Versammlungsleiter Bandow ein Ritual, das üblicherweise nur der guten Form halber durchgeführt wird. Er fragte alle Stimmberechtigten, ob die Anwesenheit von Besuchern und Presse auf der - eigentlich nichtöffentlichen - Versammlung genehm sei. "Presse raus!", schallte es da zunächst aus den hinteren Reihen. Es klang, als würde die Fankurve ihrem Unmut Luft machen. Doch wie ein Lauffeuer streute der Ärger über die anwesenden Journalisten auch in die entlegenen Ecken des CCH 1. Eine offene Abstimmung wurde angesetzt. Auch dies gehört noch zum einigermaßen gängigen Prozedere bei großen Versammlungen.

Per Kärtchen sollten die Mitglieder nun über Verbleib oder Nichtverbleib der Pressevertreter abstimmen. Blaue Karten in die Höhe hieß Verbleib, rote bedeuteten Rauswurf - wie auf dem Fußballplatz. Zunächst schien die Angelegenheit eindeutig. Zwar keine ganz klare, doch eine recht überschaubare Mehrheit hielt die blauen Versammlungskarten in die Luft. Doch die lautstarke Anrti-Presse-Fraktion ließ sich nicht beeindrucken. Erneute Abstimmung, gleiches optisches Ergebnis. Auch wenn die Versammlungsleitung auf die ersichtliche Mehrheit der blauen Karten insistierte, wurde nun lauthals eine geheime Abstimmung gefordert. Bandow gab notgedrungen klein bei.

HSV-Präsident Bernd Hoffmann eilte in der 25-minütigen Pause bis zur Ergebnisverkündung zu den Medienvertretern und gab gefasst, aber mit ungläubigem Gesichtsausdruck zu Protokoll: "Das hat es wohl in der ganzen Bundesliga-Geschichte noch nicht gegeben." Draußen vor dem Saal sammelten sich derweil einige selbsternannte "Presse-Gegner". Warum sie die Medien unbedingt rauswerfen wollten, blieb trotz Nachfragen unklar. "Das sollte eine gesteuerte Mitgliederversammlung werden. Der Vorstand will die Medien für sich einsetzen", lautete ein Vorwurf, der nicht näher begründet wurde.

Tatsächlich aber war die Führungsriege des HSV in den vergangenen Tagen von den Medien schwer kritisiert worden. Eine halbe Stunde zuvor noch hatte Hoffmann mit seinen Vorstandskollegen Dietmar Beiersdorfer und Katja Kraus neben Bandow auf dem Podium gesessen und gar nicht fröhlich dreingeschaut. Immerhin galt es, die schwierige sportliche Lage zu rechtfertigen. Die Nervosität der Troika war unübersehbar.

Das Argument mancher Mitglieder, es gehe ihnen beim Journalisten-Boykott "um die Atouba-Nummer", schien da schon plausibler. Die meisten Fans nämlich hatten sich dem Kameruner gegenüber nach dessen "Stinkefinger-Skandal"" beim Champions-League-Spiel gegen ZSKA Sofia durchaus versöhnlich gezeigt. Doch die "Bild" hatte härtere Restriktionen gefordert und auf dem Titelblatt gegen die vermeintlich zu schlappe Strafe von 50.000 Euro und zwei Spielen Vereinssperre protestiert. Andere Zeitungen in Hamburg dagegen berichteten wesentlich differenzierter über die Vorkommnisse.

Doch die Mehrheit der HSV-Mitglieder wollte da keinen Unterschied wahrhaben, wie das Abstimmungsergebnis zeigte. "Für den Verbleib der Presse haben 689 gestimmt, dagegen 791", verkündete Bandow. Es folgte ein Jubel wie nach einem, in dieser Saison zur Rarität gewordenen HSV-Tor. "Ich bitte Sie, die Veranstaltung zu verlassen", komplimentierte Bandow die Presse vor die Tür. Eine solche Abfuhr hatten selbst alte Fahrensmänner unter den Journalisten noch nicht erlebt.

Die waren umso fassungsloser, da die Attacke auf die Presse offenbar spontan entstanden war. Niemand wusste recht zu erklären, wie die Sprechchöre einer klaren Minderheit die Stimmung schließlich völlig zum Kippen brachte und immer mehr Gegner einer zumindest halböffentlichen Versammlung mobilisierten. Zum anderen ist die mediale Begleitung einer nahezu unglaublichen sportlichen Talfahrt des HSV vergleichsweise moderat, andere Liga-Clubs müssten in dieser Lage wohl wesentlich mehr Häme über sich ergehen lassen.

Während die TV-Vertreter und Fotografen ihr schweres Rüstzeug und die schreibende Zunft ihre Laptops schulterten, bekam man angesichts der angeheizten Stimmung im Saal einen Eindruck auf das, was Hoffmann und Co zu erwarten hätten, ob mit oder ohne Presse: Eine lange schwierige Nacht. Später wurde das Treffen abgebrochen - ohne Ergebnis, ohne Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat. Die lapidare Erkenntnis des Abends hinter verschlossenen Türen lautete: Die Nerven beim HSV liegen blank. Für die Zukunft verheißt das kaum Gutes.

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