Identitätskrise des Hamburger SV Der Dino ist ein Kuscheltier

Wofür steht der Hamburger SV? Das weiß der Bundesligist offenbar selbst nicht mehr und sucht mithilfe von Ex-Spielern und Fans nach einer Identität. Hier sind ein paar Vorschläge für die neuen HSV-Leitlinien.

HSV-Maskottchen Dino: Nicht mehr als ein Plüschtier
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HSV-Maskottchen Dino: Nicht mehr als ein Plüschtier


Würde man in diesen Tagen am Hamburger Jungfernstieg eine Umfrage dazu durchführen, was der HSV künftig alles besser machen könnte, käme man mit der Auswertung wohl kaum hinterher. Klar, erleichtert ist man über den Klassenerhalt an der Elbe schon - aber eben auch skeptisch. Wer ist dieser Verein? Was ist er noch?

Da ist sich der Hamburger SV selbst nicht mehr ganz sicher. Deshalb begibt sich der Bundesligist auf die Suche nach seiner Identität. Das macht er nicht im Stillen mit sich selbst aus und auch nicht in Malente oder anderen Rückzugsorten. Der HSV möchte laut der "Bild"-Zeitung alle in den Findungsprozess einbinden, die dazu etwas sagen wollen: die Fans, frühere Spieler, Ex- und aktuelle Mitarbeiter, die Medien. Am 17. Juli soll es mit einem gemeinsamen Workshop losgehen.

Aus den Ergebnissen will der Verein sein neues Ich basteln, in der Form von Leitsätzen, die in der übernächsten Saison präsentiert werden sollen. "Für alle, die mit dem HSV verbunden oder für den HSV in irgendeiner Form tätig sind, soll es eine verbindliche Orientierung für das eigene Handeln geben", sagt Sportchef Dietmar Beiersdorfer.

Kommt Ihnen bekannt vor? Stimmt. Der frühere BVB-Trainer Jürgen Klopp und seine Spieler gaben sich vor der Meistersaison 2011 ein in Leitsätzen verankertes "Versprechen", mittlerweile prangen die Sätze von vielen Wänden des Dortmunder Trainingszentrums. Immerhin: Damals hat es funktioniert.

Die Sportredaktion von SPIEGEL ONLINE hat bislang keine Einladung zum Workshop des HSV erhalten, dafür aber ein paar Vorschläge für die künftigen Leitsätze des Hamburger SV.

Leitsätze für den Hamburger SV
Wir lernen, unsere Fähigkeiten richtig einzuschätzen

"Unser Ziel ist die Europa League" - diesen Satz hörte man in den vergangenen Jahren immer wieder vom HSV. Doch dieses Ziel rückte in immer weitere Ferne, parallel wuchs die Verzweiflung. Der Hamburger SV muss erkennen, wozu er aktuell wirklich in der Lage ist.

Wir leben sparsam und fliegen keine Wunschtrainer mehr auf spanische Inseln

Der HSV wollte Thomas Tuchel unbedingt verpflichten. Um den Trainer davon zu überzeugen, dass dieser Job das Beste für ihn ist, wurde er auf Vereinskosten zu Investor Klaus-Michael Kühne nach Mallorca geflogen. Der Vertrag kam nie zustande.

Wir berechnen unsere Zeit in 90-Minuten-Einheiten

Die Uhr darf nicht stehen bleiben! Die Uhr muss abgehängt werden! Die Uhr tickt nicht mehr ganz richtig! Über fast nichts wurde beim HSV in den vergangenen Wochen so viel diskutiert wie über die Bundesliga-Uhr. Das verstaubte Nicht-Abstiegs-Symbol schien dabei manchmal fast wichtiger als der Klassenerhalt selbst.

Wir vergleichen uns nicht mehr mit Urzeitwesen

Auch der Dino wurde zuletzt auf den Prüfstand gestellt - und wenn einem Maskottchen die Schuld an einer Misere gegeben wird, stimmt etwas ganz und gar nicht. Der blaue Dino mit den weißen Punkten ist nett, die Kinder im Stadion freuen sich drüber, aber mehr als ein Plüschtier ist er dann eben doch nicht.

Wir haben unsere Aggressionen im Griff

Als ohnehin fast nichts mehr ging, gerieten in der Kabine auch noch Johan Djourou und Valon Behrami aneinander. Dem Mannschaftsklima war das sicher nicht zuträglich.

Wir lassen unsere Talente nicht mehr so oft zur Konkurrenz ziehen

Ganze 25 Tore schoss der Hamburger SV in der vergangenen Saison, kein Team war ungefährlicher. Ein Blick auf die elf Spieler in der Grafik müsste jedem HSV-Fan die Tränen in die Augen treiben. Sie alle waren einmal in Hamburg unter Vertrag. Doch seit Jahren verlassen junge, talentierte Spieler den Verein, vor allem Offensivspieler. Bei anderen Klubs werden einige gar zur Nationalmannschaft berufen.

Wir verkaufen Siege in der Relegation künftig nicht mehr als Erfolg

Ein T-Shirt, das den glücklichen Verlauf der Relegationsduelle mit dem Karlsruher SC feiert: Selten war eine Merchandising-Aktion unpassender als jene des Hamburger SV Anfang Juni. "Relegations-Titelverteidiger" prangte auf dem Shirt. Das sollte irgendwie lustig sein, wirkte angesichts der miserablen Ligabilanz der Vergangenheit aber reichlich deplatziert.

Wir veräppeln unsere Fans nicht mehr mit heftigen Eintrittspreisen

Livefußball beim Hamburger SV ist oft ein zweifelhaftes Vergnügen: Die Mannschaft spielte zuletzt eher mäßig, die Eintrittspreise sind, naja, ambitioniert. Doch direkt nach dem schmeichelhaften Klassenerhalt zog der HSV mal wieder die Preise an: In der kommenden Saison zahlen Familien und Behinderte besonders viel drauf. Im Familienblock müssen Kinder für eine Dauerkarte nun 153 Euro statt 98 Euro hinlegen, Behinderte erhalten künftig pauschal nur noch 40 Euro Rabatt statt bisher 50 beziehungsweise 20 Prozent.

Wir arbeiten künftig nur noch im Hier und Jetzt

Zählen Sie noch mit, wie oft sich Uwe Seeler um den Hamburger SV sorgt? Die Klub-Legende leidet seit Jahren wegen des Niedergangs "seines" HSV, gerne auch öffentlich. Manfred Kaltz auch. Und Uli Stein. Allesamt große Spieler, allesamt Vergangenheit. Die glorreichen Zeiten liegen lange zurück, das ständige Erinnern daran hilft keinem. Der HSV ist ein Verein, der zu sehr vom Glanz des Gestern verfolgt wird.



insgesamt 50 Beiträge
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static2206 18.06.2015
1. Genau an einem fehlenden Motto hats gelegen
dass der HSV zwei Mal gerade so noch den Klassenerhalt geschafft hat. Ein Motto ist zwar sicher nett, aber ohne konsequente und intelligente Personal- und Trainingspolitik, darf der HSV auch die kommende Saison um den Erhalt spielen. Egal wie gut das Motto auch sein mag
moritz1989 18.06.2015
2.
Der Verein ist schon auf dem richtigen Weg. Die Mannschaft wird konsequent ausgedünnt. Die Preiserhöhung ist wirklich der Hammer - geht aber (laut HSV) auf Kosten des HVV (Bus/Bahn). Also indirekt geht die Runde mal wieder auf Olaf S. - wer hat den nur gewählt?
stern4 18.06.2015
3.
Nein, wird er nicht Er wird für immer Bundesliga spielen und jeder weiß warum.
DorianH 18.06.2015
4.
In der "Mannschaftsaufstellung" fehlt aber noch ein sehr klangvoller Name: Hakan Calhanoglu
mam71 18.06.2015
5.
Der HSV wird nächste Saison mit Platz 10-12 beenden, danach können wieder Europapokalplätze anvisiert werden. Absteigen werden nächstes Jahr Werder, Stuttgart und wahrscheinlich Schalke. Alles unter Kontrolle.
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