Hamburgs Pokal-Aus gegen Leipzig Der letzte Schwung

30 Minuten lang spielt der HSV wie ein gutes Bundesligateam. Doch der Auftritt gegen Leipzig reichte nicht fürs Pokalfinale. Nun soll der Aufstieg her, doch in der zweiten Liga sind andere Qualitäten gefragt.

Hamburgs Torschütze Bakery Jatta
Fabian Bimmer REUTERS

Hamburgs Torschütze Bakery Jatta

Von , Hamburg


Das Pokal-Aus des Hamburger SV war gerade besiegelt, da meldeten sich noch einmal die Anhänger des Klubs in der Nordkurve. Kaum einer von ihnen hatte den Fanblock schon vor dem Abpfiff verlassen, und nun schwenkten sie dort wieder ihre blauen Schals und verabschiedeten ihr Team mit kräftigem Applaus und Jubel. Es war fast so laut wie in der 24. Minute.

In diesem Moment hatte der HSV die Rolle des untergebenen Zweitligisten im DFB-Pokal-Halbfinale gegen RB Leipzig (1:3) abgelegt. Verantwortlich dafür war Bakery Jatta: Der 20-Jährige hatte den Ball auf der linken Außenbahn eindrucksvoll gegen Leipzigs Kevin Kampl erobert und Sekunden später direkt abgeschlossen. Es war eine Erinnerung an die besonderen Gesetze im Pokalwettbewerb und daran, dass sogar der in der zweiten Liga seit Wochen sieglose HSV für eine Überraschung gut sein kann. Mit einer Portion Mut und Glück; gegen das zweitbeste Team der Bundesliga-Rückrunde wohlgemerkt.

Jattas Schuss senkte sich aus knapp 30 Metern über Leipzigs Torwart Peter Gulasci hinweg. Der zwischenzeitliche Ausgleich zum 1:1 erweckte das Publikum, vor allem aber stachelte Jatta das eigene Team an. Später wurde er als Spieler des Spiels ausgezeichnet. "Das wundert mich schon sehr, dass ein Spieler der Mannschaft, die hier 1:3 verliert, ausgezeichnet wird", sagte Leipzigs Trainer Ralf Rangnick. Er sagte aber auch: "Wir hätten in Rückstand geraten können", und er meinte jene Phase, in der der HSV nicht nur kämpferisch dagegenhielt, sondern auch spielerische Akzente setzte.

Santos bewirbt sich für größere Aufgaben

Besonders Douglas Santos fiel auf, der eigentliche Linksverteidiger spielte diesmal im zentralen Mittelfeld und hebelte von dort Leipzigs Defensive aus. Spätestens als der Brasilianer mit feinen Zuspielen zwei Großchancen für Khaled Narey (32. Minute/42.) eingeleitet hatte, dürften sich regelmäßige Stadiongänger die Augen gerieben und gefragt haben: Ist das wirklich der HSV, der aus seinen vergangenen drei Heimspielen in der zweiten Liga nur einen Punkt geholt hat? Der HSV, der gegen Darmstadt (2:3), Magdeburg (1:2) und Aue (1:1) so kreativ war wie ein Schriftsteller mit Schreibblockade? Die Antwort lautet ja und nein.

Der HSV brachte die beste Defensive der Bundesliga zwar in Gefahr und Santos hat noch einmal unterstrichen, warum ihn angeblich diverse Topklubs verpflichten wollen. Allerdings fand die Drangphase des HSV nur zwischen der 24. und 53. Minute statt. Für den Einzug ins Pokalfinale von Berlin und das erste Endspiel seit 1987 hätte aber "alles stimmen müssen" (Hannes Wolf). Ob der HSV-Trainer damit auf die vielen individuellen Fehler seines Teams anspielte?

Fest steht: Vasilije Janjicic erwischte einen bitteren Tag. Den Eckball zum 1:0 durch einen Kopfballtreffer von Yussuf Poulsen (12.) verursachte der 20-Jährige mit einem Fehlpass im Spielaufbau; kurz nach der Pause wollte der Schweizer eine scharfe Hereingabe klären, traf allerdings ins eigene Netz zum 1:2. Nach dem erneuten Rückstand in der 53. Minute konnte der HSV Leipzig kaum noch etwas entgegensetzen. Am Ende hatten die Hamburger sogar etwas Glück, dass das Halbfinale nur 1:3 ausging.

Wenn der Gegner nicht mitspielt, versagt der HSV

Aber der Endstand schien kurz nach Abpfiff fast schon nebensächlich. Die Fans hatten am Ende sicher auch deswegen geklatscht, weil der Verein die erfolgreichste Pokalrunde seit 2009 hingelegt hat. Die Anhänger dürften aber vor allem die Art und Weise des Auftritts gegen Leipzig honoriert haben, den Mut und das Risiko. Fehler wie der von Janjicic beim 1:2 wurden mit "Nur-der-HSV"-Rufen begleitet, zur Halbzeitpause erhielt das Team stehende Ovationen. Es ist der letzte Schwung, den die Mannschaft für die verbleibenden vier Partien in der zweiten Liga mitnehmen muss, für die Rückkehr in die Bundesliga.

Fotostrecke

10  Bilder
DFB-Pokal: Leipzig fährt über Hamburg nach Berlin

Und genau das könnte schwierig werden - auch wenn bisher die Ergebnisse gegen die direkten Konkurrenten stimmten. Am Sonntag muss das Team seine sieglose Serie von fünf Partien beim Tabellenvierten Union Berlin beenden. Falls nicht, könnte der HSV sogar auf den vierten Platz und aus den Aufstiegsrängen rutschen.

Trainer Wolf erwartet in Berlin ein anderes Spiel als im Pokal, also einen Kontrahenten, der tiefer steht als Leipzig, der dem HSV das Spiel überlässt. Auch Ingolstadt am 32. oder Duisburg am 34. Spieltag werden sich kaum auskontern lassen, sondern müssen mit Tempo und Pässen in die Spitze überspielt werden. Genau gegen solche Teams und destruktiven Spielweisen ist der HSV zuletzt aber regelmäßig gescheitert: Der Klub ist in der Rückrundentabelle mit 16 Punkten aus 13 Partien nur Elfter.

So schwungvolle Partien wie im Halbfinale können die Hamburger wohl erst wieder zeigen, wenn sie das Spiel nicht selbst machen müssen, wenn der Gegner nicht Regensburg, sondern Leipzig heißt. Aber dafür muss der Hamburger SV erstmal aufsteigen. An diesem Saisonziel wird der HSV am Ende gemessen.

Hamburger SV - RB Leipzig 1:3 (1:1)
0:1 Poulsen (12.)
1:1 Jatta (24.)
1:2 Janjicic (53., Eigentor)
1:3 Forsberg (72.)
Hamburg: Pollersbeck - Lacroix, Janjicic (73. Hunt), van Drongelen, Vagnoman (69. Hwang) - Jung, Mangala (79. Holtby), Santos - Narey, Lasogga, Jatta
Leipzig: Gulácsi - Klostermann, Orban, Konaté, Halstenberg - Sabitzer (90. Haidara), Laimer, Kampl (90. Demme), Forsberg (73. Mukiele) - Poulsen, Werner
Schiedsrichter: Brych
Gelbe Karten:
Orban
Zuschauer: 53.000



insgesamt 35 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
spon_2937981 24.04.2019
1. Hsv
Guter Bericht mit zwei kleinen Schönheitsfehlern: 1) das Publikum musste nicht durch Jattas Tor 'erweckt' werden, sondern die Stimmung war von Anfang an großartig, auch nach dem Rückstand. 2) nach dem Rückstand konnte der HSV nicht einfach so Leipzig das Spiel machen lassen und kontern, sondern musste selbst was tun - und tat das auch. Die beste Halbzeit des HSV seit Jahren, würde ich sagen. Jattas Tor hat Potential zum Tor des Monats.
cat69 24.04.2019
2. Man freuet sich über wenig in Hamburg
Das zeichnet insbesondere den HSV seit vielen Jahren aus. Leistung und Anspruch wohnen woanders. Von Internationalität gar nicht zu reden. Ich wünschte mir es würde mal wieder anders kommen.
ulfilas72 24.04.2019
3. Man of the match
Die Wahl Jattas zum Man of the match aus den oben genannten Gründen offenbart (mal wieder) Ralf Rangnick als schlechten Gewinner, der - wie so oft im Fussball - nur Tore als zulässiges Kriterium zulässt. Diese Einstellung führt halt zu dem langweiligen Personenkult um Ronaldo und Co. Leipzig hat als eingespielte Mannschaft gut funktioniert und am Ende zurecht gewonnen, aber Jatta hat die ganze Mannschaft mitgezogen und zu einer guten HSV Phase geführt.
retterdernation 24.04.2019
4. Die beste Halbzeit seit Jahren ...
sah wirklich gut aus und der Beobachter rieb sich erstaunt die Augen. Das kann man so sehen. Für mich hat der HSV einfach nur Glück gehabt! Der doppelte Pfosten bewahrte die Hamburger vor dem schnellen 2:0 Rückstand. Anschließend hatte Jatta eine gute Idee und mit etwas Glück ging der Ball ins Tor. Erst ab diesem Zeitpunkt machte der HSV dann eine halbe Halbzeit ein wirklich gutes Spiel. Zu diesem Zeitpunkt wirkte Leipzig ein wenig konsterniert. Was sich in der 2. Halbzeit gab. Damit steht endlich mal wieder eine Mannschaft aus dem Osten Deutschlands im Finale. Vielleicht gibt es am Wochenende schon den nächsten Hammer aus dem Osten -falls Union den HSV schlägt. Was natürlich nicht so kommen wird. Oder ... :-)).
mantrid 24.04.2019
5. Geiles Tor
Das Tor von Jatta war schon erste Sahne. Beim HSV fehlt aber noch ein wenig zur Erstliga-Reife. Allerdings ist Leipzig auch kein Bundesliga-Mittelmaß sondern eines der besten Teams. Der HSV hat die jüngste Mannschaft im Profi-Fussball, womit sich Nervosität und mangelnde Abgezockheit erklären lässt. Wenn die es schaffen, aus ihren Fehlern zu lernen, kann das durchaus etwas werden. Dann kann der Abstieg das Beste sein, was dem HSV passieren konnte. Wer in der zweiten Liga ganz oben mitspielt, muss sich vor der ersten Liga nicht fürchten. Leipzigs Sieg war verdient, das geilste Tor erzielte jedoch der HSV.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.