Hamburger SV Wie ein Schlauchboot mit geöffnetem Ventil

Der Hamburger SV verpasst den Wiederaufstieg in die Bundesliga, weil es dem Team an der nötigen Widerstandskraft fehlt. Nach dem 1:4-Debakel in Paderborn steht Trainer Hannes Wolf wohl vor dem Aus.

HSV-Kapitän Gotoku Sakai beklagt den desolaten Auftritt gegen Paderborn
Maja Hitij / Getty Images

HSV-Kapitän Gotoku Sakai beklagt den desolaten Auftritt gegen Paderborn

Aus Paderborn berichtet


Kurz nach Schlusspfiff des Spitzenspiels gegen Paderborn, das der Hamburger SV 1:4 (0:1) verloren hatte, traf Ralf Becker auf die wartenden Journalisten. "Die HSV-Fans sind bundesligareif. Die Mannschaft ist es leider nicht", stellte der Hamburger Sportvorstand fest und schob nach, dass es die Schuldigkeit der Mannschaft sei, sich am kommenden Wochenende "mit einer anständigen Leistung" von den bundesligareifen Fans zu verabschieden, die auch in der kommenden Saison nach Heidenheim und Fürth fahren werden.

Das Heimspiel gegen Duisburg nächste Woche Sonntag ist seit Wochen ausverkauft. Eigentlich sollte dann vor eigenem Publikum der Aufstieg gefeiert werden. Denn nichts anderes als der sofortige Wiederaufstieg war das Saisonziel des ehemaligen Dauer-Bundesligisten. Doch den hat die Mannschaft vergeigt. Gegen Duisburg geht es sportlich um nichts mehr, selbst der Relegationsrang ist nicht mehr zu erreichen.

Das 1:4 in Paderborn, das die Defizite dieser Hamburger Mannschaft gnadenlos offenlegte, ist dabei nur der peinliche Höhepunkt einer Rückrunde, in der der HSV alles tat, um nachzuweisen, dass er nichts in der Bundesliga verloren hat. Noch deprimierender: Er hat auch nicht verstanden, was in der zweiten Liga gefordert ist.

Der HSV führte in Paderborn unzählige Zweikämpfe mit grenzwertiger Härte und sah dafür merkwürdigerweise nur drei Gelbe Karten. Doch in überharter Zweikampfführung erschöpfte sich die Widerständigkeit des HSV. Als die quietschfidelen Paderborner den ersten Treffer schossen (25. Minute) war es vorbei mit dem HSV. Der präsentierte sich nun wie ein Schlauchboot mit geöffnetem Ventil. Man trudelte in gemächlichem Tempo dem Untergang entgegen.

Allein zwischen der 64. und der 67. Minute hätte Paderborn noch drei Tore mehr schießen müssen, während der HSV tat, was er in dieser Rückrunde immer tut, wenn die Ventile offen sind. Man gönnte sich Passfehler und andere Unkonzentriertheiten und ließ freundlicherweise den Gegner kombinieren.

"Mentalitätsprobleme im Team"

Seltsamerweise schien das Elend auch die Hamburger Fankurve zu infizieren. Die stellte die Unterstützung fast völlig ein und ließ die Schmähgesänge der Paderborner über sich ergehen. Es schien, als hätten selbst die Fans angesichts der Wiederkehr des Immergleichen resigniert. "Das Spiel war ein Spiegelbild der letzten Wochen", gab dann irgendwann auch Trainer Hannes Wolf zu, der vor Beginn der Pressekonferenz lange einen imaginären Flecken auf dem Linoleumboden fixierte.

Seit dem vielumjubelten 4:0-Derbysieg gegen St. Pauli - zur Erinnerung: Die Rede ist von einem Ereignis, das am 10. März stattfand - kassierte der HSV sechs Niederlagen und gewann nicht eines der seither angesetzten acht Ligaspiele. Und immer wieder war das gleiche Muster zu beobachten: Man fing meist einigermaßen passabel an, nur um sich nach dem ersten Nackenschlag seinem Schicksal zu ergeben.

"Jeder muss sich fragen, ob er in der Rückrunde alles getan hat, um den Aufstieg zu schaffen", sagte Torwart Tom Mickel, der doch tatsächlich "Mentalitätsprobleme" bei seinem Team ausgemacht hat. Genau die meinte wohl auch Wolf, als er gleich zweimal betonte, man habe in den vergangenen Wochen "gegen diese Entwicklung angekämpft".

Sportvorstand Becker will sich nicht zu Wolf äußern

Doch mit dieser Aussage tat sich Wolf eigentlich keinen Gefallen. Tatsächlich hat der 38-Jährige ja sowohl taktisch als auch in der Mannschaftsführung nichts unversucht gelassen, um das Team in den Griff zu bekommen. Doch es nützte alles nichts. Nach dem 0:2 bei Union Berlin kam das 0:3 gegen Ingolstadt vor einer Woche und nun das 1:4 in Paderborn. Jedes Mal war von "Tiefpunkten" die Rede, doch der nächste folgte prompt.

HSV-Trainer Hannes Wolf
Friso Gentsch / DPA

HSV-Trainer Hannes Wolf

Als von Becker irgendwann vehement ein Statement zum Trainer eingefordert wurde, betonte er, es gebe "keine neuen Erkenntnisse, das wird jetzt alles in Ruhe besprochen" werden. "20 Minuten nach Schlusspfiff werde ich mich dazu nicht äußern."

Treuebekenntnisse, die über den Tag der jüngsten Niederlage hinausgehen, unterließ er. Das alles klang sehr danach, als würde das Spiel gegen Duisburg in der kommenden Woche nicht nur für die HSV-Fans eine Farce, sondern auch Wolfs letztes Spiel als Hamburger Coach.



insgesamt 65 Beiträge
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Seite 1
jerkrussel 12.05.2019
1. Das toppt den Abstieg!!
Und nun werden es 4 ehemalige Trainer sein, die noch gleichzeitig Gehälter beziehen. Kommt jetzt noch der Lizenzentzug? Aber das schlimmste sind die zu erwartenden Kommentare von Maggath!!
makeup 12.05.2019
2. Auch Hamburg wird es in der zweiten Liga schwer haben
genau wie der Karlsruher SC oder Kaiserslautern. Na obwohl der der KSC ist gerade wieder von der dritten Liga aufgestiegen, aber seit Jahren von der Bundesliga entfernt. Es gilt die alten Strukturen auflösen und die Erwarten mal runterzuschrauben. Es wird ein Umdenken auch von den Fans geben müssen. Es gilt aus wenig, viel zu machen - Beispiel Freiburg
magic88wand 12.05.2019
3. Die Tordifferenz des HSV sagt alles
Die Tordifferenz sagt mehr aus als ihr verschwindend geringer "harter" Wert hat. Und die ist beim Tabellenvierten HSV ausgeglichen, also null - nicht mal minimal positiv. Man hat also im Laufe der Saison das Scheunentor öfter mal offen gelassen und nur mit Mühe (und Glück) knappe Siege errungen. Gut, dass so eine Mannschaft nicht aufsteigt.
ralle58 12.05.2019
4. Wolf hat einfach kein Konzept.
Jetzt in diesem entscheidenden Spiel wieder mit Arp? Hilflos. Der HSV braucht einen besseren, stärkeren Trainer.
der_dr_Nickel 12.05.2019
5. Glückwunsch SCP...
...so geht Fußball! Zur Saison 17/18 nur in der dritten geblieben weil die Löwen sich mit ihrem Scheich nicht einigen konnten und in die Regionalliga gingen, haben sie mit dem Kader (Marktwert rund 17 Mil.) den Durchmarsch von 3 in 1 (fast) durchgezogen. Sollten sie tatsächlich noch in die Relegation müssen, kann der VfB seine Planung für Liga 2 konkretisieren. Hoffentlich nehmen sich die SCP'ler den F95 als Vorbild, um in der ersten bestehen zu können, statt unbedingt Platz 1 in der Buli zu erreichen. Zum HaHaHSV wurde wohl bereits alles gesagt aber noch mal kurz: keine Mannschaft in Liga eins wurde mit keine Mannschaft in Liga zwei fortgesetzt und keine Mannschaft kann auch in Liga drei abrutschen. Fragt nach beim KSC, beim FCK, beim TSV.
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