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Fußball-Bundesliga: Auf und davon

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Leipzig-Topstar Timo Werner "Schon fast Wettbewerbsverzerrung"

Bei vielen Fans hat er einen schweren Stand - doch Timo Werner schießt einfach ein Tor nach dem anderen. In acht Tagen traf der Stürmer in drei Partien vier Mal. Sein 2:0 gegen den HSV gehört in die Kategorie "Weltklasse".

Timo Werner wirkte wie ein artiger Schuljunge. Die Hände hinter dem Rücken, die Augen auf den Gesprächspartner gerichtet, stand der Stürmer von RB Leipzig nach dem 2:0 beim Hamburger SV in den Katakomben der HSV-Arena Rede und Antwort. Und wie das so ist nach einem Bundesligaspiel: die Fragen sind oft gleich - dennoch bekommt jede TV-Station ihr Einzelinterview. Werner nahm's gelassen, antwortete höflich - auch wenn er alles schon einige Male erzählt hatte.

Es gab ja auch viel zu berichten. Sein sehenswertes Solo zum 2:0 in der 75. Minute war zugleich Entscheidung und Höhepunkt einer unterhaltsamen Partie. Ein Tor, das selbst seine Kritiker und Hasser auf den Rängen und in den sozialen Medien für einen Moment in Schweigen der Bewunderung verstummen ließ. Und das will was heißen. Schließlich wird Werner seit seinem Elfmeter-Eklat im Dezember gegen Schalke 04 vom Großteil der Fans in der Bundesliga gnadenlos ausgebuht. Selbst im Nationalmannschaftstrikot sind ihm derartige Unmutsäußerungen nicht erspart geblieben.

In Hamburg hatte sich in der 45. Minute mal wieder der Zorn der Zuschauer gegen den Schwaben gerichtet. Albin Ekdal hatte den Ball im HSV-Strafraum an den quirligen 21-Jährigen verloren, nachgesetzt, dabei Werner getroffen, sodass dieser zu Boden sank und Schiedsrichter Denis Aytekin Strafstoß pfiff. Diese Entscheidung wurde durch den Videobeweis widerlegt. Allerdings war Werner tatsächlich von Ekdal getroffen worden - nur hatte Hamburgs Schwede zuvor den Ball fair zur Ecke geklärt.

In der 75. Minute stand Werner erneut im Mittelpunkt. Zunächst war dem freistehenden Sven Schipplock der Ball vor dem Leipziger Tor nur an den Oberschenkel gesprungen, sodass RB-Schlussmann Peter Gulasci das 1:1 verhindern konnte. Dann spielte Kevin Kampl den Ball umgehend aus dem eigenen Strafraum bis zur Mittellinie in den Lauf von Werner. Der Nationalstürmer hatte mit Dennis Diekmeier und Gotoku Sakai noch zwei Hamburger vor sich, dachte aber gar nicht daran, das Tempo zu drosseln und auf nachrückende Mitspieler zu warten.

"Ein überragender Stürmer"

Im Gegenteil: Werner rannte los, ließ Diekmeier und Sakai stehen und auch Torwart Christian Mathenia keine Chance. "Er ist eine Rakete, ein überragender Stürmer. Eiskalt vor dem Tor", meinte Hamburgs André Hahn voller Anerkennung. Leipzigs Trainer Ralph Hasenhüttl sah in Werners Antritt "schon fast Wettbewerbsverzerrung", attestierte seinem Angreifer "einen beeindruckenden Tor-Run" und beschrieb Werners Spiel als "eine Mischung aus Ruhe am Ball und wahnsinnigem Zug zum Tor".

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Vor allem aber nutzte Hasenhüttl die Szene, um auf Werners "wahnsinnige Entwicklung" zu verweisen. Schließlich, so der Trainer, hätte sich sein Angreifer in den Duellen mit Diekmeier und Sakai auch "fallen lassen können." Alle hätten sie wieder vom Schwalbenkönig gesprochen, gebuht, gepöbelt. Doch Werner gab ihnen diesmal keinen Grund dazu. Er suchte die Chance zum Dribbling, zum Abschluss, zum Tor - und wurde belohnt.

Werner krönte somit acht eindrucksvolle Tage, in denen er für Klub und Nationalteam in drei Partien viermal traf. Beim 2:1-Sieg im Weltmeisterschafts-Qualifikationsspiel in Prag schoss er das erste Tor. In seiner Heimatstadt Stuttgart folgten zwei Treffer gegen Norwegen. Und nun das super Solo in Hamburg. "Ich spiele in zwei tollen Mannschaften, die viel für mein Spiel tun", meinte Werner.

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Er und Naby Keita schossen mit zwei starken Einzelleistungen einen Sieg heraus, der aufgrund der spielerischen Überlegenheit in der zweiten Halbzeit verdient war. Hasenhüttl hob "19:8 Torschüsse und 14:4 Ecken" hervor. Der sehenswerte 20-Meter-Schuss zum 1:0 durch Keita (67. Minute) sei "der Dosenöffner" und der Sieg "insgesamt mehr als verdient gewesen", befand der Österreicher. HSV-Trainer Markus Gisdol hingegen stellte die Frage, was wohl passiert wäre, wenn Filip Kostic "die größte Chance der ersten Halbzeit" genutzt hätte? Der Serbe schoss den Ball jedoch in der 24. Minute freistehend am langen Pfosten vorbei.

Der HSV verpasste durch die erste Niederlage den besten Saisonstart seit 1974. Leipzig hat bewiesen, dass man trotz Champions-League-Premiere am Mittwoch gegen Monaco (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) den Bundesliga-Alltag ernst nimmt. Und Timo Werner setzte nach seinem letzten TV-Interview noch einmal zu einem Kurzsprint durch die Katakomben an. Vorbei an den schreibenden Journalisten. Die hätten zwar - so wie die Fernsehkollegen - auch gerne mit ihm gesprochen, konnten Werner aber ebenso wenig stoppen, wie zuvor Diekmeier und Sakai.

Hamburger SV - RB Leipzig 0:2 (0:0)
1:0 Keita (66.)
2:0 Werner (75.)
Hamburg: Mathenia - Diekmeier, Papadopoulos, Jung, van Drongelen - Ekdal (74. Schipplock), Walace - Hahn, Holtby, Kostic (37. Waldschmidt) - Wood
Leipzig: Gulacsi - Bernardo (58. Klostermann), Upamecano, Orban Halstenberg - Sabitzer, Keita, Demme, Bruma - Werner, Augustin (78. Poulssen)
Schiedsrichter: Deniz Aytekin
Gelbe Karten: Walace / Keita
Zuschauer: 50.000