Machtwechsel bei Hannover 96 Niederlage für Martin Kind

Als Präsident hat Martin Kind lange bei Hannover 96 geherrscht, diese Macht ist nun gebrochen. Künftig ist der Aufsichtsrat des Klubs nur noch mit Gegnern besetzt. Scheitert damit der investorenfreundliche Kurs des 74-Jährigen?

Martin Kind hält eine Rede auf der Mitgliederversammlung von Hannover 96: "Ich find's zum Kotzen!"
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Martin Kind hält eine Rede auf der Mitgliederversammlung von Hannover 96: "Ich find's zum Kotzen!"

Von , Hannover


Das Ende dieser pikanten Mitgliederversammlung ging in Jubel unter. Martin Kind, der abgetretene Präsident von Hannover 96, muss sich wie im falschen Film vorgekommen sein. "Das war ein demokratischer Wahlvorgang. Und die Sieger haben sich gefreut", sagte der entthronte Chef.

Das klang gewohnt sachlich. Seit mehr als 20 Jahren dirigiert Kind den Verein. Er hat mit ihm glänzende Erfolge in der Fußball-Bundesliga gefeiert und ist in Teilen doch gescheitert. Denn bei der Versammlung am Samstagabend hat die Mehrheit von etwa 2100 anwesenden Mitgliedern durchgesetzt, dass man im System Kind künftig kritische Fragen beantworten muss. "Wir fordern ein demokratisches Verhalten ein", kündigte Carsten Linke an. Der ehemalige Profi von Hannover 96 ist gemeinsam mit vier Kind-Kritikern in den Aufsichtsrat des Stammvereins eingezogen. Das kommt einem Machtwechsel gleich - und einer Klatsche für Kind.

Die Jubelarien und Schlachtgesänge der Kind-Kritiker ließen auf Genugtuung schließen. Seit Jahren ist in Hannover eine Opposition gewachsen, die sich mit der Entfremdung zwischen Vereinsführung, Mitgliedern und Fans nicht anfreunden mochte.

Der wichtigste Streitpunkt für scharfe Proteste: Stück für Stück hat Kind dafür gesorgt, dass ein extrem kompliziertes und kaum nachvollziehbares Firmenkonstrukt entstanden ist. Die Mitglieder des Stammvereins sollen seiner Meinung nach nicht mitentscheiden dürfen, wenn es um das Wesentliche im Großen geht. Der 74-Jährige, als bisheriger Präsident, mehrfacher Geschäftsführer und Hauptgeldgeber in Hannover bisher nahezu ein Allesentscheider, hat zudem bei der Deutschen Fußball-Liga (DFL) eine Ausnahme von der 50+1-Regel beantragt.

Diese Regel besagt, dass Investoren ungeachtet der Höhe ihrer Anteile nicht die Stimmenmehrheit an einem Fußballklub erlangen. Viele Bundesligaklubs haben ihre Lizenzspielerabteilungen als Kapitalgesellschaften ausgegliedert, um so Investoren anzulocken. Mit der Regel soll verhindert werden, dass diese Geldgeber die Entscheidungshoheit über diese Bereiche übernehmen können.

Hannover als Gradmesser für die 50+1-Regel

Martin Kind aber möchte Investoren mehr Einfluss sichern, was ihn bundesweit zur Reizfigur aufsteigen ließ. Was ist wichtiger: die Interessen der Kapitalseite, oder die Belange des Vereins? Genau diese Grundsatzfrage hat einen Spalt quer durch den deutschen Profifußball getrieben und bedarf einer Klärung. In Hannover hat sich der Streit zugespitzt und darf als eine Art Gradmesser für den Rest der Fußballnation betrachtet werden.

Der neue Aufsichtsrat von Hannover 96 geht mit klaren Vorstellungen auf Gegenkurs zu Kind. In Kürze soll in Sebastian Kramer, der ehemalige Fanbeauftragte des Vereins, zu seinem Nachfolger gekürt werden. Er hat angeblich nichts gegen Kind persönlich, kritisiert aber dessen System und Machtfülle. "Wir wollen die Mitglieder wieder einbeziehen. Und wir haben es möglicherweise geschafft, die Strukturen aufzureißen", sagte Kramer.

Martin Kind auf dem Podium bei der Mitgliederversammlung von Hannover 96
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Martin Kind auf dem Podium bei der Mitgliederversammlung von Hannover 96

Den neuen Aufsichtsrat soll Ralf Nestler anführen. Der Rechtsanwalt liegt seit Jahren im Clinch mit Kind. Er hätte ihn laut Vereinssatzung kontrollieren müssen, konnte dieser Funktion angesichts der Machtverhältnisse im Kontrollgremium aber kaum nachkommen. Genau dieser Umstand hat sich jetzt im Stammverein verändert.

Angesichts des drohenden Abstiegs von Hannover 96 und der dauerhaften Unruhe im Verein konnten die Kritiker von Kind zuletzt mehr Zuspruch gewinnen. Die in der Bundesliga vertretene Kapitalgesellschaft Hannover 96 hat das Geschäftsjahr 2018 mit einem Verlust von 18 Millionen Euro abgeschlossen. Sollte im Mai der zweite Abstieg innerhalb von drei Jahren besiegelt sein, würde ein Minus in ähnlicher Höhe drohen. "Ich find's zum Kotzen", sagte Kind zu der sportlichen und wirtschaftlichen Misere. Die Mitglieder von Hannover 96 haben Vorstand und Aufsichtsrat schon zum zweiten Jahr in Folge die Entlastung verwehrt. Mehr Kritik und Misstrauen geht kaum noch.

Dass der fünfköpfige Aufsichtsrat von Hannover 96 künftig ausschließlich mit Gegnern von Kind besetzt sein wird, macht die kommenden Wochen spannend. Ob es nach der erfolgreichen Revolte auf der Mitgliederversammlung gelingt, gemeinsam konstruktive Gespräche zu führen, bleibt eine zentrale Frage.

Der Vorwurf der Bereicherung

Kind hat weiterhin in allen maßgeblichen Gesellschaften rund um Hannover 96 das Sagen und kann den Kurs vorgeben. Aber es wird sich nicht verhindern lassen, dass die Belange der Vereinsmitglieder wieder stärker berücksichtigt werden müssen. Das erste Etappenziel des neuen Aufsichtsrats wird sein, den Antrag von Hannover 96 auf eine Ausnahme von der 50+1-Regel zurückzuziehen. Zudem soll Kind für mehr Transparenz sorgen und die Vergangenheit nachvollziehbarer machen.

Die Gegenseite wirft ihm vor, die Markenrechte des eigenen Vereins für unverhältnismäßig wenig Geld in eine für das Profigeschäft maßgebliche Gesellschaft transferiert zu haben. Liegt hier eine Bereicherung vor? "Der Verdacht liegt nahe", sagt Kind-Nachfolger Kramer.



insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
Energie-Flo 23.03.2019
1. Kind muss weg!
Endlich! Nun wird zwar nicht sofort alles gut, aber vieles besser. Und was für ein positives Signal für viele andere Vereine!
super-m 23.03.2019
2.
Stark! Damit setzen die Mitglieder ein großes Ausrufezeichen.
f._aus_kleefeld 23.03.2019
3. Das war es dann wohl
Sollte der künftige Präsident tatsächlich den 50+1-Ausnahmeantrag kassieren, werden sich wohl Kind, Rossmann und Co. zurückziehen, wenn sie nicht völlig masochistisch veranlagt sind. Dann können die wahren Fans und Bewahrer des sauberen Vereins-Fußballs in Kürze in der Regionalliga Nord ihre Mannschaft im Eilenriedestadion anfeuern. Das Niedersachsenstadion braucht man dann künftig nur noch für Open-Air-Konzerte.
karacic_josip 23.03.2019
4. Unser geliebter Verein
hat das Machtvakuum endlich durchbrochen! Jetzt schnell eine Abstimmung zu 50+1 einberufen und den Plan abschmettern!
igelcolonia 24.03.2019
5. Und im Sommer
nach dem Abstieg folgt das Insolvenzverfahren und der Abstieg in den Amateurfussball. Denn ich glaube nicht, daß ein rücksichtsloser und eitler Machtmensch wie Kind dann weiter die Kohle rüberschiebt, wenn er nicht bestimmt wo es langgeht.
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