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Jörg Schmadtke: Abschied im zweiten Anlauf

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Schmadtke-Abgang bei 96 Der unberechenbare Schweiger

Seinen Frust hatte Jörg Schmadtke meist verschwiegen. Obwohl er als sportlicher Leiter von Hannover 96 aus der grauen Maus ein phasenweise spektakuläres Europapokal-Team geformt hatte, war er amtsmüde geworden. Nun löste er seinen Vertrag auf - und schwieg weiter.

Der ironische Tonfall durfte bei seinem Abgang nicht fehlen. "Ich gehe jetzt nach Hause - mehr nicht", sagte Jörg Schmadtke, als sein Abschied bei Hannover 96 besiegelt war. Pause bis zum nächsten Job? Gleich zum nächsten Verein? Oder auf Dauer nur noch Familie? Eine Antwort auf diese Fragen gab er nicht, aber alle Varianten sind denkbar. Schmadtke, der schon in seiner aktiven Zeit als Typ mit Ecken und Kanten bekannt war, bleibt im Rahmen seiner Karriereplanung als Funktionär unberechenbar.

Nach monatelangen Querelen, die einem Kompetenzgerangel mit Cheftrainer Mirko Slomka geschuldet waren, hat der 49-Jährige um die Auflösung seines unbefristeten Arbeitsvertrags gebeten. Er verzichtet ab sofort auf eine tragende Rolle in einem Verein, für dessen Aufschwung er maßgeblich mitverantwortlich war.

Der feine Unterschied zwischen Coach Slomka und Geschäftsführer Schmadtke liegt in ihrer Art der Selbstdarstellung. Der Trainer bedient die Medien perfekt und kann selbst peinliche Momente noch gut verkaufen. "Ich war überrascht", hatte Slomka verkündet, als aufgefallen war, dass der brasilianische Neuzugang Franca sechs Zentimeter kleiner als vermutet eingekauft wurde. Die Schuld für den bundesweit belächelten Transferflop durfte Schmadtke allein auf sich nehmen. Über die Hintergründe eines Transfers, bei dem die 96-Verantwortlichen lediglich auf DVD-Referenzen des Spielers vertraut hatten, schwieg er beharrlich. Seine Gabe, selbst in den Momenten des größten hausinternen Ärgers mit der Faust in der Tasche zu schweigen, ehrt ihn. Aber Schmadtke muss sich auch fragen lassen, warum er den medialen Spitzen und Doppelpässen von Slomka nichts entgegengesetzt hatte.

Auch die Auszeit konnte Schmadtkes Frust nicht vertreiben

Mit der in der Branche üblichen Kulisse aus Händedruck und gequältem Lächeln ging für Schmadtke eine Leidenszeit zu Ende. Der Gescheiterte und sein Anwalt, der zum Krisengipfel bei Präsident Martin Kind gleich mit angereist war, verzichteten auf Schuldzuweisungen. Schmadtke trat als großer Schweiger ab, der lieber an seinem Schreibtisch glänzt, als in Talkshows oder Interviewrunden zu plaudern. Er wirkt kauzig, manchmal unfreundlich und ist in der öffentlichen Wahrnehmung kein Mann, mit dem ein Verein auf Sponsorensuche geht. Dabei kann der Quergeist, wenn die Fernsehkameras erst einmal ausgeschaltet sind und das Getöse der Bundesliga weit weg genug scheint, offen und charmant sein.

Der Abschied aus Hannover hatte sich schon seit langem angekündigt. Schmadtke hatte nach seinem Amtsantritt bei Hannover 96 im Sommer 2009 immer wieder am Rande angedeutet, dass er sich einsam fühle. Die Familie in Düsseldorf, den Schreibtisch in Hannover voller Arbeit und Ärger: Es muss an dem bewundernswerten Aufschwung und so manch klugem Transfer gelegen haben, dass die Probleme zu ertragen waren. Präsident Kind dürfte aber spätestens im Sommer 2012 hellhörig geworden sein, als Schmadtke ihn erst um die Auflösung seines Vertrags und dann, als man ihn nicht gehen lassen wollte, um eine private Auszeit gebeten hatte. Die mehrwöchige Pause und der Umzug der Familie nach Hannover konnten den Frust nicht vertreiben.

Schmadtke schien amtsmüde geworden zu sein

Sein Aus in Hannover hat ähnlich kuriose Formen angenommen wie das bei seiner ersten Station in Aachen. 2001 hatte Schmadtke bei der Alemannia seinen Einstieg als Sportdirektor geschafft, weil er mit Erfolg auf eine Stellenanzeige geantwortet hatte. Dank seiner Mithilfe kam der damalige Zweitligist bis ins Pokalfinale, in den Europapokal und in die Bundesliga. Das Ende der erfolgreichen Zusammenarbeit brachte er selbst auf den Weg, als er ohne Absprache mit der Vereinsführung über seinen Abschied geplaudert hatte und prompt beurlaubt wurde.

"Ich lasse mich nicht vereinnahmen und mache nicht alles mit", sagt Schmadtke, wenn es darum geht, warum er sich vor allem dem Zeitungsboulevard verweigert. In seiner Verbitterung hatte Schmadtke zuletzt durchblicken lassen, dass er sich vor allem als Opfer der "Bild"-Zeitung sehe, die eine bundesweite Kampagne gegen ihn angezettelt habe. Zu wenig Zentimeter beim Transfer von Franca, zu wenige Besuche des Trainings unter der Regie von Slomka: Es gab viele Vorwürfe, auf die Schmadtke nicht reagierte.

Dabei konnte er den Eindruck nicht zerstreuen, dass er amtsmüde geworden war. Anfang dieses Jahres, als bei Hannover 96 vor den regionalen Berichterstattern traditionell ein Resümee des Vorjahres gezogen wurde, sollte Schmadtke über seine schönsten Erlebnisse berichten. So mancher Sieg in der Bundesliga fand dabei Erwähnung, die vielen Reisen dank des Einzugs in die Europa League nannte er auch. Das Beste an 2012 aber, sagte Schmadtke, sei seine berufliche Auszeit im Kreis der Familie gewesen.

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