Abstiegskandidat Hannover 96 Kämpfen, kämpfen, kämpfen

Thomas Doll fällt in Hannover durch markige Sprüche auf. Allein: Fußballerisch hat er sich kaum entfernt von der Formel seines Vorgängers. Nun warten entscheidende Spiele im Abstiegskampf.

Thomas Doll
Bongarts/Getty Images

Thomas Doll

Von Tobias Escher


Abstiegskandidaten kommen in der öffentlichen Betrachtung selten gut weg. Dass aber selbst die eigenen Verantwortlichen ihr Team derart an den Pranger stellen, wie das aktuell die Bosse von Hannover 96 machen, hat Seltenheitswert.

"Jeder, der es mit Hannover 96 hält, kann sich nur schämen", sagte Trainer Thomas Doll nach der 1:5-Niederlage gegen den VfB Stuttgart. Vor der 2:3-Niederlage gegen Leverkusen fügte Präsident Martin Kind hinzu, die Mannschaft sei "kaputt, schlecht zusammengestellt und gescheitert."

Angesichts der vernichtenden Kritik aus den eigenen Reihen ist es fast nicht zu glauben, dass Hannover 96 faktisch noch gar nicht abgestiegen ist. Die anstehenden Spiele gegen den FC Augsburg (Samstag, 15:30 Uhr, live im SPIEGEL ONLINE-Ticker) und den FC Schalke bieten sogar eine realistische Möglichkeit, den Abstand auf die Nichtabstiegsränge zu verringern. Bei entsprechenden Ergebnissen des VfB Stuttgart (aktuell fünf Punkte vor 96) könnte sogar der Relegationsrang winken.

In Hannover mangelt es an guten Fußballern

Doch Hoffnung ist ein rares Gut in Hannover. Unter Doll schlägt die Leistungskurve nicht etwa nach oben aus, wie von Sportchef Horst Heldt erhofft. Auch der neue Trainer kann das große Manko des Kaders nicht beheben: Es mangelt an guten Fußballern.

Bereits in der Hinrunde fiel Hannover selten durch schönen Fußball auf. Trainer André Breitenreiter setzte auf die taktischen Mittel, die Hannover im Vorjahr den Klassenerhalt gesichert hatten: defensive Stabilität gepaart mit schnellen Kontern.

Wie in der Vorsaison veränderte Breitenreiter von Woche zu Woche das Spielsystem und Personal, um sich optimal auf den Gegner einzustellen. Meist waren seine Wechsel defensiver Natur, um die gegnerischen Stärken einzudämmen.

Leistungsträger der Vorsaison früh verletzt

Anders als in der Vorsaison gingen Breitenreiters Pläne selten auf. Viele Gegner begannen, sich gegen Hannover weiter zurückzuziehen und den Niedersachsen das Spiel zu überlassen; eine Gemengelage, auf die Breitenreiters Team nicht eingestellt war.

Die Leistungsträger der Vorsaison, der durchsetzungsstarke Stürmer Niclas Füllkrug und Tempodribbler Ilhas Bebou, verletzten sich früh in der Saison. Im Offensivspiel fehlt seither jegliche Durchschlagskraft. Hannover blieb glück- und zumeist punktlos.

Als Doll wenige Spieltage nach der Winterpause Breitenreiters Posten übernahm, versprach er Veränderungen. "Es ist wichtig, eine Aufbruchstimmung zu erzeugen, und das nicht mit Parolen, sondern mit Arbeit und Zuversicht", sagte er.

Nachdem sein Debüt gegen RB Leipzig 0:3 verloren ging, sagte er, nun müsse "ein kalter Nordwind" durch Hannover wehen und alles auf den Prüfstand gestellt werden. Auch nach den Niederlagen gegen Hoffenheim (0:3), den VfB Stuttgart (1:5) und zuletzt gegen Bayer Leverkusen (2:3) fiel Doll mit markigen Worten auf, die das Bild eines hemdsärmeligen Machers suggerierten. Blickt man auf Hannovers Spiele unter ihm, lässt sich allerdings festhalten:

  • Außer der Rhetorik des Trainers hat sich eigentlich kaum etwas verändert.
  • Wie sein Vorgänger denkt Doll in erster Linie defensiv und setzt auf körperlich robusten Konterfußball.
  • Die von ihm geforderte Leidenschaft soll sich vor allem im Pressing zeigen.
  • Der Gegner soll früh angelaufen, jederzeit gestört werden.
  • Wie wenig dies gelingt, beweisen die Ergebnisse unter dem neuen Trainer: drei Punkte aus sechs Spielen, 4:17 Tore.

Auch der von Doll auf der ersten Pressekonferenz geäußerte Wunsch, er wolle eine "Formation finden, die sich einspielt", erfüllte sich bisher nicht. Wie Breitenreiter wechselt Doll Formation und Spieler von Partie zu Partie. 19 verschiedene Feldspieler standen in den sechs Spielen unter Doll in der Startelf, fünf verschiedene taktische Formationen kamen zum Einsatz. Vom klassischen 4-2-3-1 bis hin zu Varianten mit einer Fünferkette war alles dabei. Eine Stammelf hat Doll noch nicht gefunden.

Die Probleme unter dem neuen Trainer sind folglich dieselben wie unter dem alten:

  • Das Ballbesitzspiel bleibt die große Schwachstelle der Hannoveraner, der Spielaufbau endet fast immer mit einem langen Ball.
  • Leidenschaft und Einsatz im Kampf um zweite Bälle sollen spielerische Schwächen der Mannschaft übertünchen. Es funktioniert mäßig.
  • Sobald der Gegner in Führung geht und Hannover das Spiel überlässt, brechen die Niedersachsen regelmäßig auseinander.
  • Die Anbindung zwischen Abwehr und Mittelfeld fehlt fast vollständig.
  • Chancen kreiert 96 nur nach Standards oder Flanken.
  • Drei der fünf Hannoveraner Treffer unter Doll fielen per Kopf, ein weiteres per Eigentor.

Inwieweit diese fehlende fußballerische Entwicklung auf Doll zurückzuführen ist, darüber lässt sich streiten. Besonders im Mittelfeld klafft bei 96 eine kreative Lücke. Mit dieser Mannschaft dürfte kaum ein Trainer technisch hochwertigen Fußball spielen können.

Dass Doll indes Waldemar Anton, den fähigsten Passspieler des Teams, als Kapitän abgesetzt und durch Mittelfeld-Kämpfer Marvin Bakalorz ersetzt hat, darf durchaus als fußballerische Ansage gedeutet werden. Doll sieht nur einen Weg in Richtung Klassenerhalt: noch mehr Kampf.

So bleiben von Dolls Amtszeit bisher nur die launigen Durchhalte-Parolen. Auch vor der Partie gegen den direkten Konkurrenten aus Augsburg appelliert er an sein Team: "Jeder Spieler weiß, wie enorm wichtig die Partie ist." Hannover muss über den Kampf ins Spiel finden. Mehr bleibt einem Team kaum übrig, hinter dem nicht einmal der eigene Präsident steht.

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jean-baptiste-perrier 16.03.2019
1. Doll zur falschen Zeit am falschen Ort!
Das Engagement von Doll war von beiden Seiten ein Fehler. Doll gibt jetzt zwar Blut-Schweiß-und-Tränen-Reden von sich, ist aber eigentlich vom Charakter nicht der harte Hund, der einer Mannschaft ordentlich und permanent in den Hintern treten kann. Er ist eher ein ruhiger norddeutscher Typ der einen freundschaftlichen Tonfall zu den Spielern bevorzugt. Von daher ist er auch keiner der eine kaputte Mannschaft kurzfristig neu motivieren kann. Es sieht wirklich so aus, als ob Hannover mal wieder in die Zweite Liga gehen wird.
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