Hannover-Trainer Slomka Nicht nur nett
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Kaum einer verkauft den bezahlten Fußball so verbindlich wie Mirko Slomka. Wie ein smarter Außendienstmitarbeiter gab sich der Trainer von Hannover 96 große Mühe, den Verkauf der letzten Eintrittskarten für die Partie gegen Standard Lüttich am Donnerstag (0:0) anzukurbeln. "Diese Abende in der Europa League sind schöner Stress. Sie müssen für uns alle Festtage sein", sagt der Coach.
44.000 Zuschauer bildeten zum Start der Gruppenphase eine in Slomkas Augen angemessene Kulisse, auch wenn das Spiel nicht mithalten konnte. "Europa League und Champions League, das ist eine andere Welt. Ich hatte mir immer vorgenommen, in diese Liga zurückzukehren", gesteht Slomka, dessen Kerneigenschaften eine große Portion Ehrgeiz und Selbstbewusstsein sind.
Wer ergründen will, wie sich das Team innerhalb eines Jahres vom Fast-Absteiger zum Spitzenteam der Bundesliga wandeln konnte, landet zwangsläufig bei Slomka und dessen kuriosem Lebenslauf. Seinem Scheitern beim FC Schalke 04, mit dem er 2007 um ein Haar deutscher Meister geworden wäre und zehn Auftritte in der Champions League hatte, waren 21 Monate der Arbeitslosigkeit, aber auch der Umorientierung, gefolgt. "Im Fußball geht es ganz schnell. In beide Richtungen", sagt der 44-Jährige.
Hannover verpflichtet Slomka aus der Not heraus
Auf Schalke war ihm der Ruf nachgeeilt, dass die Mannschaft so gut von Vorgänger Ralf Rangnick zusammengestellt war, dass Slomka den Erfolg kaum verhindern konnte. In Hannover darf der studierte Mathematiklehrer für sich in Anspruch nehmen, bei niemandem gespickt zu haben.
"Unser Erfolg ist das Ergebnis erstklassiger Arbeit", findet Martin Kind. Der 96-Präsident hatte sich im Januar 2010 nur angesichts großer Not entschlossen, den schwer vermittelbaren Slomka zu engagieren. Heute bilden der Trainer und Clubchef mit Sportdirektor Jörg Schmadtke ein Erfolgsteam, das viele neidisch beäugen. "Was Hannover macht, ist beeindruckend. Das wirkt gekonnt und gewollt", sagt Michael Oenning, der erfolglose Trainer des Hamburger SV, dem seine Kritiker ein hohes Maß an Konzeptlosigkeit vorwerfen.
Seitdem sie Erfolg haben, lobt die Mehrheit der 96-Profis den lange Zeit misstrauisch beobachteten Slomka. Sie schwören vor allem auf seine abwechslungsreichen Übungseinheiten. "Wir sind alle topfit. Er setzt unsere Stärken genau richtig ein. Und er stellt uns optimal auf den nächsten Gegner ein", sagt Mittelfeldspieler Konstantin Rausch, der sich unter Slomka vom überforderten Außenverteidiger zum geschickten Torvorbereiter im Mittelfeld entwickelt hat.
Torhüter Fromlowitz erfuhr seine Degradierung aus der Presse
Auch Torhüter Ron-Robert Zieler, als dritter Schlussmann zu Hannover gewechselt und schnell zum Nationalspieler aufgestiegen, macht Karriere. Weil Slomka sich traut, dem Nachwuchs zu vertrauen. Und weil sich der kühl kalkulierende Trainer nicht scheut, etablierte Spieler vor den Kopf zu stoßen. Den früheren Nationalspieler Jan Schlaudraff, heute einer der Erfolgsgaranten, hatte Slomka so lange degradiert, denunziert und zu einem Vereinswechsel gedrängt, bis es besser wurde.
Florian Fromlowitz, Nachfolger des im November 2009 verstorbenen Robert Enke als Stammkeeper, wurde kurzerhand durch Zieler ersetzt. Nicht von Slomka, sondern durch Journalisten hatte Fromlowitz zuvor erfahren, dass ihm der Trainer nicht mehr vertraut. "Wenn sich Mirko Slomka etwas in den Kopf gesetzt hat, zieht er das auch knallhart durch", sagt 96-Sportdirektor Schmadtke, der mit dem egozentrischen Coach lange Zeit zerstritten war, sich jetzt mit ihm und seiner Art aber arrangiert hat.
Nach vorne stets freundlich zu lächeln und nach hinten auch mal zu treten, bleibt ein gefährliches Spiel. Vor allem, wenn man weiß, wie es sich anfühlt, unerwünscht zu sein. Slomkas Image war vor seinem Amtsantritt in Hannover zu schlecht für die großen Clubs, er selbst wähnte sich zu gut für kleine Adressen wie Arminia Bielefeld. Er hatte sich auf der Seite der Medien versucht, für einen Herrenausstatter das Model gegeben oder Vorträge über "Motivationsstrategien in Krisenzeiten" gehalten.
Jetzt zählt Slomka zur Kategorie der besonders modernen Trainer und trifft den richtigen Ton. Seinen Arbeitgeber in Hannover hat er mit einer im Laptop gespeicherten Präsentation überzeugt. Es kann passieren, dass die 96-Spieler ein iPad vor die Nase gehalten bekommen, wenn sie etwas nicht sofort verstehen. Lauffaule oder unfitte Spieler haben beim runderneuerten Hannover 96 schlechte Karten.
Dann fallen auch mal deftige Worte, wie auch nach der ersten Pflichtspiel-Niederlage der Saison gegen Stuttgart (0:3) am Wochenende. "Wir haben danach sofort unsere Blutwerte auseinandergepflückt", sagt Slomka, der wenig bis gar nichts dem Zufall überlässt. Die klare Ansprache gibt es für sein Team dann aber - und darauf legt der elegante Fußball-Verkäufer Slomka großen Wert - so gut wie immer hinter verschlossener Tür.
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