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17. April 2015, 01:02 Uhr

Streit zwischen Guardiola und Müller-Wohlfahrt

Gezofft, bis der Arzt geht

Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt hört von einem Tag auf den anderen als Mannschaftsarzt des FC Bayern München auf. Sein Verhältnis zu Trainer Pep Guardiola war seit Langem angespannt.

38 Jahre beim FC Bayern enden mit einer knappen Pressemitteilung: "Nach dem Champions-League-Spiel des FC Bayern München gegen den FC Porto wurde aus uns unerklärlichen Gründen die medizinische Abteilung für die Niederlage hauptverantwortlich gemacht", schrieb Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt in seiner Rücktrittserklärung.

Er war mit einer kurzen Unterbrechung seit 1977 Mannschaftsarzt des FC Bayern - mehr noch, er hat längst den Status einer Ikone des Klubs erlangt. Nun soll auf einmal Schluss sein: In der entscheidenden Saisonphase, vor dem Viertelfinalrückspiel gegen den FC Porto am kommenden Dienstag (20.45 Uhr, Liveticker bei SPIEGEL ONLINE), müssen sich die Münchner einen neuen Ärztestab suchen.

Denn neben Müller-Wohlfahrt haben auch sein Sohn Kilian sowie Peter Ueblacker und Lutz Hänsel ihren Rücktritt erklärt. Die Ärzte sahen "das für eine erfolgreiche medizinische Arbeit notwendige Vertrauensverhältnis nachhaltig beschädigt", teilten sie mit.

Das Verhältnis zwischen Trainer Pep Guardiola und Müller-Wohlfahrt war von Anfang an angespannt. Guardiola störte sich daran, dass der Arzt tagsüber nicht auf dem Trainingsgelände an der Säbener Straße zugegen war. Spieler mussten für Behandlungen und Untersuchungen immer seine Praxis in der Altstadt aufsuchen. Die liegt zwar nur fünf Kilometer entfernt - für den Perfektionisten Guardiola dennoch ein Unding.

Streit um Thiagos Behandlung

Den nächsten Streit gab es im Frühjahr 2014 als sich Thiago Alcántara am Knie verletzte - Guardiolas erklärter Lieblingsspieler. Der Trainer und sein Bruder Pere - gleichzeitig Thiagos Manager - schickten ihn ohne Rücksprache mit Müller-Wohlfahrt zu dem Mediziner Ramón Cugat nach Barcelona.

Das war ein Affront gegen den Mannschaftsarzt, der sich noch dazu als fatal für Thiagos Genesung erwies: Als sich der Mittelfeldspieler innerhalb weniger Monate zum dritten Mal am Innenband verletzte, musste Guardiola einräumen, dass die Therapie in Barcelona "ein großer Fehler" gewesen sein könnte.

"Wir haben bislang jeden Trainer überzeugt, wir werden auch Guardiola überzeugen", hatte Müller-Wohlfahrt später gesagt. Doch da hat er sich offenbar getäuscht.

Es gibt eine Szene aus dem DFB-Pokalviertelfinale gegen Bayer Leverkusen, die nach Müller-Wohlfahrts Rücktritt neue Beachtung gefunden hat. Nachdem sich Medhi Benatia in dem Spiel eine Muskelverletzung zugezogen hatte, drehte sich Guardiola um und klatschte hämisch in Richtung Bank - dort wo die medizinische Abteilung saß.

"Die Situation ist kritisch, sehr kritisch", hatte der Bayern-Trainer nach dem Spiel gesagt. Ausgerechnet in der vorentscheidenden Saisonphase fehlen ihm wichtige Spieler mit Verletzungen: Neben Benatia sind das Franck Ribéry (Knöchelprobleme), Arjen Robben (Bauchmuskelriss), Javi Martinez (Kreuzbandriss) und David Alaba (Innenbandriss).

Offenbar gab Guardiola Müller-Wohlfahrt und seinen Mitarbeitern die Schuld an der Verletztenmisere. Und damit wohl auch an der 1:3-Niederlage gegen den FC Porto, bei der die Mannschaft eines ihrer schwächsten Spiele unter Guardiola ablieferte.

Doch wenn, dann müssen intern harte Worte gegen den Mannschaftsarzt gefallen sein: Öffentlich äußerte Guardiola nach der Pleite in Porto kein böses Wort über Müller-Wohlfahrt.

syd/sid

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