Nationalmannschaft unter Bundestrainer Flick Fußball mit ruhiger Hand

Die Nationalelf startet kommende Woche ins WM-Jahr. Bundestrainer Hansi Flick setzt dabei auf wenige Experimente und viel Stabilität. Dass trotz der jüngsten Erfolge keine Aufbruchstimmung aufkommt, liegt nicht an ihm.
Serge Gnabry soll eine wichtige Stütze im Angriff der Nationalelf bei der WM sein

Serge Gnabry soll eine wichtige Stütze im Angriff der Nationalelf bei der WM sein

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ULMER / imago images/ULMER Pressebildagentur

Was man von dem Bundestrainer Hansi Flick nicht erwarten darf: dass seine Presserunden Entertainment-Veranstaltungen sind, dass er markige Sätze spricht, die im Gedächtnis bleiben, dass er die Öffentlichkeit durch seine Ansprache mitreißt.

Was man von ihm durchaus erwarten kann: ein beharrliches Optimieren seiner Mannschaft, ein minutiöses Umsetzen seines Plans. Eine Politik der ruhigen Hand, die hat mal ein früherer Bundeskanzler propagiert, der derzeit nicht unbedingt als zitier- und satisfaktionsfähig gilt. Aber Flick tut genau das, was Gerhard Schröder damals tat. Seit er Bundestrainer ist, herrscht die Politik der ruhigen Hand.

Das wird sich auch im WM-Jahr 2022 nicht ändern, das machte Flick in einer digitalen Medienrunde am Freitag mehr als deutlich. Der Kader, den er für die ersten Länderspiele des Jahres gegen Israel in Sinsheim und gegen die Niederlande in Amsterdam berufen hat, ist so etwas wie ein Spiegel der Flick’schen Art.

Ein »Mix aus Ausprobieren und Einspielen«

Ein bisschen Neuerung, ein bisschen Experiment, ohne das Bewährte aufs Spiel zu setzen. »Wir müssen eine gute Stabilität hinbekommen«, gibt Flick als Jahresziel aus, und entsprechend sieht das DFB-Aufgebot auch aus: stabil. Es ist ein »Mix aus Ausprobieren und Einspielen«, sagt der Bundestrainer.

So finden sich mit dem Neuling Anton Stach und dem Rückkehrer Julian Weigl auch Namen, die man im Vorfeld nicht zwingend erwartet hätte. Aber Flick wirft damit nicht irgendein Konzept um, die meisten Kandidaten seines 23er-Kaders für die Katar-WM stehen ohnehin schon fest.

Beim Mainzer Stach will Flick einfach »mal sehen, welches Potenzial er uns anbietet«, der Ex-Dortmunder Weigl, bei Champions-League-Viertelfinalist Benfica Lissabon unter Vertrag, »soll bei uns mal wieder eine Chance bekommen«. Das klingt noch sehr zurückgenommen, an WM-Plätze sollten die beiden noch nicht denken.

Hoffnung für Wirtz

Tatsächlich sind in dieser Nationalmannschaftswoche ein paar personelle Lücken zu füllen, auch davon hat der eine oder andere profitiert: Der Gladbacher Jonas Hofmann, der bei Flick bislang alle Spiele mitgemacht hat, fehlt nach einem Muskelfaserriss, für Niklas Süle gilt dasselbe.

Leon Goretzka, Robin Gosens und Marco Reus sind nach Verletzungen noch nicht so weit, dass Flick sie berufen würde. Zu dem Mantra des Bundestrainers gehört schließlich: »Alle Spieler müssen topfit sein.« Rekonvaleszenten haben im Team keinen Platz, wenn man tatsächlich Weltmeister werden will. Das ist Flicks Ansage.

Eine Ansage, für die er wohl selbst beim Supertalent Florian Wirtz keine Ausnahme machen würde. Der 18-Jährige hat sich am vergangenen Wochenende das Kreuzband gerissen, eine WM-Teilnahme sei damit aber nicht ausgeschlossen. Flick erinnerte an 2014, als er und sein Chef Joachim Löw Sami Khedira die Tür zur WM in Brasilien bis zuletzt offen ließen. Khedira kam nach einem Kreuzbandriss punktgenau zurück und gehörte zu denen, die Deutschland durchs Turnier trugen. »Und der Sami hatte sogar noch einen Monat weniger Zeit als der Florian heute.«

Den Bundespräsidenten mitgewählt

Vier Monate ist es her seit dem letzten Länderspiel, Flick hatte seitdem viel Zeit zum Nachdenken, er hat sich in zahlreichen Stadien blicken lassen, viele Gespräche geführt, zwischendurch hat er sogar noch den Bundespräsidenten als CDU-Emissär in der Bundesversammlung mitgewählt. Jetzt wird sich zeigen, wie gut er die Zeit genutzt hat. »Die Überprüfung findet im Spiel statt«, sagt Flick.

Flick bei der Wahl des Bundespräsidenten im Februar

Flick bei der Wahl des Bundespräsidenten im Februar

Foto: Pool / Getty Images

Sieben Spiele hat die Nationalmannschaft unter dem neuen Bundestrainer absolviert, sie hat alle gewonnen, sportlich wirkt die Elf gefestigter. Der Mehltau der späten Löw-Jahre ist erst einmal weggeblasen, es sind andere Probleme, mit denen Flick sich befassen muss. Die Pandemie ist immer noch da, aber noch viel dunkler dräut die Weltlage, die alles überdeckt und bis in den letzten Winkel der Gesellschaft ihren Schatten wirft.

Eine gelöste WM-Vorbereitung in Kriegszeiten? Unmöglich. »Es ist schon schwer, hier zu sitzen, es schmerzt, die Bilder aus der Ukraine zu sehen«, sagt Flick. Er sagt das, was der Fußball meistens sagt, wenn die Zeiten düster sind: »Wir hoffen, mit den Länderspielen ein bisschen Abwechslung, Spaß und Freude zu vermitteln.«

Sich aufs Sportliche konzentrieren

Die Konfrontation mit dem Thema Russland bringt eine weitere Hypothek für die jetzt schon so hoch umstrittene Katar-WM mit sich. Russland war der Gastgeber der vergangenen WM; viele sagen jetzt, man hätte das Turnier nie an das Land vergeben dürfen, die Fifa hat Russland von allen Wettbewerben ausgeschlossen – und schon geht es weiter mit dem nächsten Ausrichter, der von Menschenrechtsorganisationen angeprangert wird.

Der Bundestrainer hat immer versucht, sich davon möglichst freizumachen, sich auf das Sportliche zu konzentrieren. Dass er sich damit der Kritik aussetzt, ist allerdings auch klar. Am Freitag sprach er Katar nur am Rande an, als es um das mögliche WM-Quartier der Mannschaft ging.

Quartiersuche noch nicht beendet

DFB-Direktor Oliver Bierhoff und er sind in den vergangenen Monaten wiederholt in dem Emirat gewesen, um sich umzusehen, favorisiert soll ein Quartier etwas abseits von Doha sein, »aber es ist noch nichts vertraglich fixiert«, sagt Flick. Die Quartierfrage war für den DFB immer von zentraler Bedeutung, im Positiven wie 2014 im Campo Bahia, im Negativen wie vor vier Jahren in Watutinki. In Katar, wo fast alle Spielstätten auf engstem Raum versammelt sind, muss das hingegen nicht unbedingt so entscheidend sein wie bei anderen Turnieren. Bei dieser WM wird eben vieles anders sein.

Flick sagt, er habe den Eindruck, mit der Mannschaft »eine Aufbruchstimmung genutzt und verbreitet zu haben«. Der Bundestrainer tut zweifellos sein Bestes, er kann nichts dafür, aber es fällt schwer, in diesem Jahr überhaupt so etwas wie Aufbruchstimmung zu verspüren.

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