Nachruf auf Harald Nickel Der Held von San Siro

Der Fußballprofi Harald Nickel spielte in Belgien, in der Bundesliga und in der Schweiz. Ein Spiel von ihm für Borussia Mönchengladbach aber bleibt unvergessen - und ein spektakuläres Tor.

Harald Nickel und Jupp Heynckes jubeln 1979 in Mailand
imago images/ Sven Simon

Harald Nickel und Jupp Heynckes jubeln 1979 in Mailand

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Einen Fußballprofi auf ein einziges Tor zu reduzieren, ist nicht sehr fair. Umso mehr gilt das für einen Spieler, der in der Bundesliga fast 50 Treffer erzielte, der in Belgien Torschützenkönig war. Aber Harald Nickel wird man dennoch für ein bestimmtes Tor in Erinnerung behalten.

Am 7. November 1979 schlägt Harald Nickels große Stunde. Borussia Mönchengladbach ist zum Uefa-Cup-Rückspiel nach Mailand angereist, das Hinspiel daheim gegen Inter hat die Borussia, die als Titelverteidigerin diesen Wettbewerb bestreitet, nur 1:1 abgeschlossen.

Ein Ausscheiden gegen den italienischen Spitzenklub wäre mehr als ein normales Scheitern. Schließlich haben Borussia und Inter seit dem berühmten Büchsenwurf vom Bökelberg aus dem Jahr 1971 eine sehr spezielle Beziehung: Die Borussia machte beim 7:1 vielleicht das beste Europapokalspiel ihrer Vereinsgeschichte, das Ergebnis wurde anschließend annulliert, weil Inter-Spieler Roberto Boninsegna von einer Coladose getroffen worden war. Es sind die ersten Pflichtspiele zwischen beiden Vereinen seitdem. Der Stachel sitzt noch tief bei den Deutschen.

Die Chancen aufs Weiterkommen sind vor dem Rückspiel gering. Inter mit seinem Torjäger Alessandro Altobelli gilt als sehr heimstark. Für Gladbachs jungen neuen Chefcoach ist es die erste Trainerstation. Jupp Heynckes muss eine neue Mannschaft zusammenbauen. Der große Star des Teams, Alan Simonsen, hat sich im Sommer Richtung FC Barcelona verabschiedet, der Kapitän Berti Vogts ist in den Ruhestand gegangen. Heynckes bemüht sich, junge Spieler einzusetzen. Einer, der gerade 18 Jahre jung ist und von Heynckes besonders gefördert wird, spielt seine erste Saison: Lothar Matthäus.

Ohne Simonsen fehlte ein Torjäger

Ein paar alte Fahrensmänner wie der spätere Bundesligatrainer Winfried Schäfer, wie der lässige Christian Kulik, der auch beim 7:1 und dem Büchsenwurf acht Jahre zuvor schon dabei war, und der defensive Abräumer Hans Klinkhammer gehören noch zum Gerüst des Teams, aber ohne Simonsen fehlt der Mannschaft der Mann für die Tore. Die verbliebenen Stürmer Ewald Lienen und Kalle Del-Haye sind zwar schnell, aber fühlen sich auf dem Flügel wohler als im Strafraum.

Auch für Eintracht Braunschweig traf Nickel zuverlässig
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Auch für Eintracht Braunschweig traf Nickel zuverlässig

Der Verkauf des Dänen hat allerdings Geld in die Gladbacher Kasse gespült, der Verein mit seinem notorisch sparsamen Manager Helmut Grashoff traut sich daher erstmals, mehr als eine Million Mark für einen Spieler auszugeben. Harald Nickel wird von Eintracht Braunschweig geholt, wo er in seiner ersten Bundesligasaison gleich 16-mal getroffen hat. Zuvor hatte er sich jahrelang in der belgischen Liga herumgetrieben, bei Standard Lüttich wurde er zum besten Torschützen der Liga.

Nickel soll die Rolle Simonsens ausfüllen, er braucht ein bisschen, um sich in Mönchengladbach einzugewöhnen, spätestens an diesem 7. November ist der Eingewöhnungsprozess abgeschlossen.

Aus 35 Metern in den Torwinkel

Inter ist früh durch Altobelli in Führung gegangen, es sieht nicht gut aus für die Borussia, als Torwart Wolfgang Kneib in der 37. Minute den Ball mit einem langen Abschlag in die Mailänder Hälfte befördert. Dort nimmt Nickel den Ball aus der Luft auf, das Tor ist 35 Meter entfernt, Nickel läuft zwei kurze Schritte, dann hat er die Frechheit, aus dieser Distanz einfach mal aufs Tor zu schießen. Der Ball schlägt unter der Latte ein, Inter-Torwart Ivano Bordon schaut nur staunend hinterher. Borussia ist wieder im Spiel. Der Treffer wird später von den Zuschauern der Sportschau zum Tor des Jahres gewählt.

Harald Nickel im Gladbacher Erdgas-Trikot
Werner Otto/ imago images

Harald Nickel im Gladbacher Erdgas-Trikot

Am Ende des Spiels steht es 3:2 nach Verlängerung für den Titelverteidiger, das entscheidende Tor erzielt, na klar, Harald Nickel per Elfmeter.

Nickel war ein Strafstoßspezialist, er schoss die Elfmeter - auch das war damals ungewöhnlich, wenn nicht einmalig - aus dem Stand. Eiskalt.

Nur zwei Jahre hielt es Nickel in Mönchengladbach, dann zog es ihn weiter zum FC Basel, seine letzte Profistation. In 84 Pflichtspielen hat er 43 Tore für Gladbach geschossen, eine beeindruckende Quote, die ihm auch zu drei A-Länderspielen unter Bundestrainer Jupp Derwall verhalf. Mit bereits 29 Jahren beendete er seine Fußballlaufbahn. Einen Torjäger wie ihn hat Borussia Mönchengladbach danach nicht mehr häufig gehabt.

Im November jährt sich das Spiel von Mailand zum 40. Mal, dann wird man sich in Mönchengladbach wieder mit glänzenden Augen daran erinnern: Es war eine der letzten wirklich großen Europapokalnächte des Vereins. Harald Nickel wird das nicht mehr erleben, er ist mit erst 66 Jahren am Sonntag an Krebs gestorben.

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insgesamt 7 Beiträge
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Karlsson auf dem Dach 06.08.2019
1. Eine beeindruckende Quote
0,512 war die Gladbacher Torquote von Nickel, das hätte der Beitrag noch erwähnen können. Ansonsten eine schöne, stimmungsvolle Erinnerung an diesen markanten Torjäger und die Goldenen Jahre der Bundesliga im Uefa-Pokal.
mantrid 06.08.2019
2. Stehend schießend
Mir sind von allen Dingen seine Elfmeter in Erinnerung geblieben. Die Dinger hatten trotzdem mehr Wucht, als so mancher nur mit reichlich Anlauf hinbekommt und für den Torwart fast nie zu kriegen, denn man wusste nie, wo der hinschießt. Am Anlauf konnte man ja nichts erkennen.
Mastermason 06.08.2019
3. Bitte ergänzen
"Die Borussia machte beim 7:1 vielleicht das beste Europapokalspiel ihrer Vereinsgeschichte, das Ergebnis wurde anschließend annulliert, weil Inter-Spieler Roberto Boninsegna von einer Coladose getroffen worden war." Von einer LEEREN Coladose. Das ist wichtig, weil sonst ein falsches Verständnis der Situation entsteht. Boninsegna fiel nämlich nach Einschlagen des 10-gramm-Geschosses um, als ob ihn eine Abrissbirne getroffen hätte. Den Borussen wurde der Zugang zur Mailänder Kabine verwehrt, denn, das war klar, Boninsegna hat geschauspielert, ihm war nichts passiert. Mailand wurde von den Fohlen weggehauen und sah nun seine Chancen, durch die grobe Unsportlichkeit (die auch der Büchsenwurf war, keine Frage) sein Fell zu retten. Als lebenslanger Fan und Mitglied des BMG tut mir der Tod von Harald Nickel sehr leid.
zauberer2112 06.08.2019
4. @3
Es grenzt an ein Wunder, dass Signore Boninsegna mit dem Leben davon kam und seine Karriere nach diesem hinterhältigen Anschlag überhaupt noch fortsetzen konnte. Ich glaube, selbst der als Wunderheiler gepriesene Doc MW von Bayern hätte ihn nicht mehr hinbekommen. Er war sogar beim Rückspiel schon wieder dabei! Solche Spielchen hatte ein Harald Nickel nicht nötig. RIP. Waren das noch Zeiten, als die heutige CL noch UEFA-Cup hieß und es von Beginn an k.o.-Runden gab. Und die Meister spielten ihren eigenen Cup aus, wie die Pokalsieger. Aber dafür gab's wohl zu wenig Kohle, gerade für spanische Clubs. Alle anderen kamen mit dem System bis in die 90er prima zurecht - die Zuschauer übrigens auch!
FrankDunkel 06.08.2019
5.
Ich glaube mich zu erinnern, dass er bei Elfmetern zumindest einen Schritt Anlauf nahm. Aber egal, Nickel war ein toller Stürmer. Traurig, dass er so früh gestorben ist.
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