Harte Polizeieinsätze Fans gründen Fonds für Klagen gegen DFB

Polizeikessel, Ausreisesperren, Stadionverbote: Wer als Fußball-Fan zur falschen Zeit am falschen Ort ist, wird schnell kriminalisiert. Wie SPIEGEL ONLINE erfuhr, will sich eine bundesweite Faninitiative mit einem Spenden-Fonds für die Rechte der Anhänger einsetzen. Dem DFB droht eine Klagewelle.

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Endstation Stuttgarter Hauptbahnhof. Die Fans des SSV Reutlingen hätten am vergangenen Samstag gerne den 1:0-Auswärtssieg ihres Teams bei der zweiten Mannschaft des VfB Stuttgart miterlebt. Doch bis ins Stadion sind die rund 100 mitgereisten Anhänger gar nicht gekommen. Obwohl die SSV-Fans als friedlich gelten und sogar eine Fanfreundschaft zu den Stuttgartern besteht, wurde die Reisegruppe von einer Hundertschaft Polizei am Stuttgarter Hauptbahnhof in Empfang genommen. Sogar ein Kamerateam und die Pferdestaffel der Stuttgarter Polizei hatten sich anlässlich dieses Spiels der Regionalliga Süd am Bahnhof eingefunden.

Fans des FC St. Pauli: "Wie Schwerverbrecher behandelt"
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Fans des FC St. Pauli: "Wie Schwerverbrecher behandelt"

Sofort nach Verlassen des Zuges kesselten die Beamten die Gästefans ein und fingen an, die Schlachtenbummler auf pyrotechnisches Material zu durchsuchen. Zudem wurden die Personalien der SSV-Fans aufgenommen. Nach einer kurzen, aber heftigen Debatte entschlossen sich die Reutlinger zum einzigen Ausweg, um weiteren Maßnahmen der Polizei zu entgehen: Sie traten geschlossen den Rückweg an. Den Sieg ihrer Mannschaft erfuhren die Fans aus dem Videotext.

"Diese und ähnliche Szenen spielen sich Wochenende für Wochenende auf den Fußballplätzen in Deutschland ab", sagt Sandra Schwedler. Die 26-Jährige ist seit 13 Jahren Fan des derzeitigen Regionalligisten FC St. Pauli und hat in dieser Zeit über 200 Auswärtsfahrten mitgemacht. Dabei hat sie nicht nur sportliche Enttäuschungen erlebt. "Fußballfans werden zunehmend wie Schwerverbrecher behandelt. In den meisten Städten wird man wie Vieh vom Bahnhof in die Stadien getrieben. Wer sich auffällig benimmt, riskiert Stadionverbote und weitere Sanktionen wie Ausreisesperren", so Schwedler. Die Polizei verweist hingegen zumeist auf ein generell erhöhtes Sicherheitsrisiko bei Fußballspielen - und greift, aus ihrer Sicht, vorbeugend durch.

Zu hart, finden viele Fans. Gemeinsam mit weiteren Aktivisten aus dem gesamten Bundesgebiet hat Schwedler eine Initiative gegründet, die sich für die Rechte der Fußball-Anhänger einsetzen will. "Mit Hilfe des Fanrechtefonds soll die nötige finanzielle Basis geschaffen werden, um die nicht mehr hinnehmbare Behandlung unschuldiger und friedlicher Fußballfans juristisch überprüfen zu lassen", heißt es in der Presseerklärung, die SPIEGEL ONLINE exklusiv vorliegt. Dem Projekt stehen fünf Fans aus verschiedenen Vereinen vor, die den Kassenrat bilden. Laut Satzung entscheidet der Rat über die Verwendung der Spenden. Zwei Anwälte verwalten das Geld und überwachen die satzungsgemäße Nutzung.

"Es kann nicht sein, dass eine routinemäßige Personalienaufnahme an einem Spieltag schon zu einem Eintrag in die Polizeidatei 'Gewalttäter Sport' führt", begründet Schwedler ihr Engagement. Wer in dieser Datei ist, muss mit Ausreisesperren und Meldeauflagen rechnen. Die schlimmste Strafe für die Fans: Wenn die Polizei die Personalien aufnimmt, droht im Zusammenspiel mit Vereinen und Verbänden der Rausschmiss aus den Arenen der Republik: "Zur Erteilung eines Stadionverbots reicht die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens. Dass die meisten Verfahren im Fußballumfeld später eingestellt werden, findet bei der Vergabepraxis keinerlei Berücksichtigung. Unschuldig bis die Schuld bewiesen ist, gilt hierbei leider nicht", so Schwedler. DFB-Präsident Theo Zwanziger hält dagegen. "Wir treffen ja keine Entscheidungen außerhalb des rechtsstaatlichen Bereichs", so Zwanziger auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE.

Trotzdem nehmen die Fans das Heft jetzt selbst in die Hand. Dem DFB und den Behörden droht eine Klagewelle. Dabei hätte der Fußballverband sich und den Sicherheitsbehörden die möglichen Verfahren, in denen "Präzedenzfälle zu Gunsten der Fans" (Schwedler) geschaffen werden sollen, ersparen können. Bereits am 8. September 2005 kündigten der damalige Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) und Zwanziger in einer gemeinsamen Presseerklärung eine unabhängige Ombudsstelle an, deren Mitarbeiter sich um die Beschwerden der Fans kümmern sollten. "Diese Entscheidung ist ein sichtbares Signal der Intensivierung des Dialogs zwischen Fans, Sicherheitsverantwortlichen und dem DFB", hieß es damals in der Mitteilung. Die Fans warten bis heute vergeblich auf diese Einrichtung. "Ich muss gestehen, dass wir mit dieser Ankündigung zu leichtfertig umgegangen sind", so Zwanziger zu SPIEGEL ONLINE. "Wir haben die Ombudsstelle damals eher als Anlaufpunkt denn als Rechtsmittelinstanz verstanden", stellt Zwanziger klar.

Nach Gesprächen mit der DFL, in denen die "Sinnhaftigkeit in Frage gestellt wurde" (Zwanziger) habe der DFB wieder Abstand von der Idee genommen, eine unabhängige Beschwerdestelle zu schaffen. "Ich bin mit dem Begriff Ombudstelle damals zu weit gegangen, das Thema bleibt aber auf der Agenda", so Zwanziger. Vor der neuen Faninitiative ist dem DFB-Boss nicht bange: "Ich habe nichts gegen Dachverbände und Zusammenschlüsse der Fans. Im Gegenteil: Ich bin für einen vernünftigen Dialog, daher werde ich Diskussionen nicht ausweichen", kündigt der promovierte Jurist an. Die Mitglieder des Fanrechtefonds wollen ihn beim Wort nehmen.



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