Hasskultur im Fußball Amateure sollen Neonazis aus den Stadien vertreiben

Kein Wochenende ohne Pöbeleien, Angriffe, Hasstiraden: Der Amateurfußball ist zum Abenteuerspielplatz für rechtsradikale Gruppen und frustrierte Jugendliche geworden. Jetzt werden Vertreter einfacher Vereine zum Krisen-Kongress geladen - um die Unterwanderung zu stoppen.

Von Ronny Blaschke


Manchmal helfen Worte nicht weiter. Vor einem Monat spielte der Berliner Oberligaverein Türkiyemspor in Rathenow westlich der Hauptstadt. Nach dem Abpfiff eskalierte die Lage. Ein türkischer Spieler der Gästemannschaft geriet mit einem Zuschauer aneinander, der ihn beschimpft haben soll. "Fast wäre es zu einer Schlägerei gekommen", sagt Mehmet Matur. "Da habe ich mich zwischen die Streithähne gestellt. Es ging dann halbwegs ruhig über die Bühne."

Matur, 47, ist Integrationsbeauftragter des Berliner Fußball-Verbandes. Er versteht sich als Aufklärer, Schlichter und Dolmetscher im Kampf gegen Rassismus. Für gewöhnlich kämpft er mit seiner Stimme - aber manchmal hilft nur Körpereinsatz. "Das muss jedoch das allerletzte Mittel sein."

Seit Monaten diskutieren Politiker und Funktionäre über Gewalt und Fremdenfeindlichkeit im deutschen Fußball. Durch die Offensive des DFB und vieler Aktivisten sind wichtige Maßnahmen auf den Weg gebracht worden: hauptamtliche Sicherheits- und Fanbeauftragte im DFB, ein groß angelegter Arbeitkreis gegen Gewalt, ein neues Meldesystem für rassistische Vorfälle, ein bundesweiter Fankongress, generell eine Bewusstseinsschärfung gegen Homophobie. Doch in den Niederungen des Fußballs steht die Problembewältigung erst am Anfang.

Auf Tausenden Amateursportplätzen werden bei Freizeit- oder Jugendpartien jedes Wochenende nicht nur ethnische Konflikte zwischen zwei Toren ausgetragen. Beleidigungen und Gewalt gehören zum Alltag. "Dagegen müssen wir angehen", fordert Matur. "Und ganz wichtig dabei ist diese Fortbildung."

So viel Aufwand für die Fußball-Basis wie noch nie

Diese Fortbildung - damit meint Matur den einzigartigen bundesweiten Kongress, der heute in Halle an der Saale beginnt. Funktionäre, Clubvertreter und Schiedsrichter aus dem Amateurfußball kommen. Das Motto: "Vereine stark machen". Die interessierten Ehrenämtler sollen kostenlos geschult werden.

"Viele Vereine sind sensibilisiert worden, aber sie fühlen sich trotzdem überfordert", sagt Gerd Wagner vom Projekt "Am Ball bleiben", das der Deutschen Sportjugend angegliedert ist und vom DFB und dem Familienministerium gefördert wird. Mit Wagner haben die Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS), das Bündnis für Demokratie und Toleranz und die Stadt Halle den Kongress mitgeplant.

Einen vergleichbaren Aufwand hat es für die Basis des Fußballs noch nicht gegeben. "Diese Veranstaltung ist ein sehr wichtiger Schritt, um das Thema weiter öffentlich und transparent zu machen", sagt Helmut Spahn, der Sicherheitsbeauftragte des DFB.

Der offene Rassismus, der in den achtziger und frühen neunziger Jahren in vielen Arenen der deutschen Profiligen zu beobachten war, ist zurückgedrängt worden. Das Problem wurde allerdings nicht gelöst - sondern nur verlagert. An öffentliche Plätze, in Sonderzüge, auf Bahnhöfe – und in die tiefen Ebenen des Sports. Vor allem im Osten, wo viele einst erfolgreiche Traditionsclubs tief gestürzt sind, haben sich braune Enklaven gebildet.

Für Gegenwehr fehlen oft Zeit und Geld. Dieses fragile Gebilde machen sich rechtsextreme Kräfte zu Nutzen. Michael Kühnen, einst Anführer der deutschen Neonazi-Bewegung, hatte schon in den Achtzigern ein System aufgebaut, um Fanszenen zu unterwandern. Ihm gelang es, Flugblätter in den Stadien zu verteilen. Diese Methode nutzen die NPD und freie Kameradschaften noch immer, vor allem im Osten. Die Rechtsextremen besetzen die Regionen, die von den demokratischen Parteien vernachlässigt werden.

Sponsoren aus dem rechten Lager, Boxer als Ordner

Auf den Fußballplätzen ist das Rekrutieren oft noch einfacher als auf der Straße. Sozial frustrierte Jugendliche sind empfänglicher für den Ruck nach rechts. Ihrem Frust lassen sie in der Anonymität der Fußballmassen schnell freien Lauf. So kann es durchaus passieren, dass sich Kameradschaften oder NPD-Ortsgruppen als Hauptsponsoren für Vereine anbieten. "Den Fußball benutzen sie als Köder, um Mitglieder zu gewinnen", sagt Gerster. In Hildburghausen in Thüringen und Rathenow in Brandenburg haben NPD-Mitglieder Freizeitvereine mitgegründet. In Lübeck wird der Regionalligist VfB von einem NPD-nahen Fanclub unterstützt.

Wie sich Vereine gegen die Unterwanderung wehren können, ist eines der wichtigsten Themen am Wochenende in Halle. Denn die Neonazis treten inzwischen weniger martialisch auf, ohne Reichskriegsflaggen und Springerstiefel - dafür arbeiten sie mit Codierungen und Symbolen. Die 18 steht für "Adolf Hitler", die 88 für "Heil Hitler", nach der Position der Anfangsbuchstaben im Alphabet. Sie orientieren sich sogar an links-alternativen Marken: Schwarze Kapuzenpullover und Schirmmützen werden auch in der Rechtsaußen-Szene getragen, ein Bild von Che Guevara gilt als Symbol für den nationalen Befreiungskampf.

Auch die Ordner bei den Spielen sind oft Teil der Unterwanderungsstrategie. Aus Kostengründen müssen die Clubs auf private Sicherheitsdienste zurückgreifen. Ein Polizist, der nicht genannt werden möchte, hat beobachtet: "Gerade im Osten rekrutieren sich Ordner aus der Türsteher- und Rotlichtszene. Die provozieren eher, als dass sie schützen." Der BFC Dynamo aus Berlin suchte zum Beispiel einige Ordner in einem berüchtigten Boxclub.

"Wir müssen die Selbstregulierungsprozesse fördern", sagt Spahn vom DFB. "Die Probleme müssen in die Köpfe der Leute." Schließlich könne der DFB nicht zu jedem der 80.000 Spiele am Wochenende einen Kontrolleur schicken.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.