Leverkusens neuer Trainer Herrlich Völlers TV-Entdeckung

Leverkusens Sportchef Rudi Völler stillt mit dem neuen Trainer Heiko Herrlich seine Sehnsucht nach Ruhe und Harmonie. Die überraschende Ernennung sagt gleichzeitig viel über die Ära Roger Schmidt.

Heiko Herrlich
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Heiko Herrlich

Aus Leverkusen berichtet


Rudi Völler saß vor dem Fernseher, als die Idee reifte. Ein Trainer nach dem anderen hatte den Leverkusenern abgesagt, Völler suchte ein wenig Zerstreuung bei den Übertragungen der Relegation zur zweiten Bundesliga zwischen seinem Ex-Klub 1860 München und Jahn Regensburg.

Dort musste er einerseits erleben, wie seine Löwen untergingen. Andererseits war da dieser Heiko Herrlich, dessen Regensburger "beeindruckend attraktiv" Fußball spielten, wie Völler am Freitagmittag erzählte, als er Herrlich als neuen Trainer von Bayer Leverkusen vorstellte.

Es ist eine typische Völler-Lösung, ein Deal ohne Hilfe von Headhuntern, Beratern und Computern, eher die alte Schule, vom Fernseher weg entschieden. Und deswegen passt er so gut zu diesem Moment, in dem Bayer Leverkusen sich derzeit befindet. Am Rhein ist am Ende der zurückliegenden Saison eine immer stärkere Sehnsucht nach Ruhe und Harmonie entstanden, nach dem Bekannten und Vertrauten. "Wir leiden alle unter der Situation", hat Völler vor einiger Zeit erzählt, nun hat er mit Herrlich einen Trainer präsentiert, der aufgrund seiner vier Profijahre in Leverkusen zwischen 1989 und 1993 sagte: "Das hat ein bisschen was von nach Hause kommen."

Herrlich als Gegenmodell zu Roger Schmidt

Es war ein Tag, an dem noch einmal deutlich wurde, wie sehr es in diesem Frühjahr auch um das Wesen des Werksklubs geht. Mit Roger Schmidt hatten sie versucht, sich über eine sehr spezielle Spielweise zu profilieren, Bayer Leverkusen wollte durch eine besondere Idee wachsen. Zwei Jahre klappte das gut, das dritte wurde zu einem bitteren Erlebnis mit Abstiegsängsten bis zum vorletzten Spieltag. Was offenbar auch viel mit Schmidts Arbeitsweise zu tun hatte.

Konflikte im Team und im Unternehmen hatten das Alltagsklima belastet, kaum noch ein Spieler wirkte überzeugend. Und so lächelte Völler zufrieden, als Herrlich erklärte, seine große Stärke sei "das Beobachten". Schmidt war kein feinsinniger Moderator für die Mannschaft, das Umfeld und den Stab, das Gefüge brach mehr und mehr auseinander. Inzwischen gibt es kaum jemanden in Leverkusen, der der These, man hätte Schmidt früher entlassen müssen, widerspricht.

In einer Zeit, in der anderswo Fußballdenker wie Josep Guardiola von der ganzen Fußballnation bewundert wurden, hatte Völler eben seinen Schmidt. Den erfinderischen Mann, der mit seiner wilden Jagd nach dem Ball eine Art innovatives Gegenmodell zu den Bayern und den Dortmundern lieferte. Doch anders als beim BVB hat das Festhalten an so einem schwierigen Trainer nicht nur zu inneren Zerwürfnissen, sondern auch zu einem schweren sportlichen Misserfolg geführt.

"Wir wollten jemanden mit sehr direkter Ansprache"

Die Folgen sind fatal, wie sich an dieser Trainersuche zeigte. Bayer hat schmerzhaft zu spüren bekommen, wie sehr der Klub in dieser Saison geschrumpft ist und wie unattraktiv dieser Standort am Stadtrand von Köln ist, sobald das Team nicht im Europapokal spielt. Zunächst hatten Lucien Farvre und Peter Bosz abgesagt, so sei eben das Geschäft, sagte Völler, doch vor einem Jahr wären sie noch ein ebenbürtiger Konkurrent im Werben um solche Experten gewesen.

Michael Schade, Heiko Herrlich, Rudi Völler
Getty Images

Michael Schade, Heiko Herrlich, Rudi Völler

Mit der dritten Wahl Herrlich erlebt Leverkusen nun eine Art Rückbesinnung. Herrlich gilt als sehr umgänglicher Typ, als moderner Trainer, der Spieler überzeugen möchte, statt über sie zu bestimmen. "Wir wollten jemanden, der eine sehr direkte Ansprache hat", sagte Völler, der offensichtlich glaubt: Wenn die Spieler sich wieder richtig wohl fühlen, werden sie auch wieder gut spielen.

Wieder einmal trug der Sportdirektor einen zentralen Aspekt seines Fußballdenkens vor: "Bei aller Taktik und allen Matchplänen wird das Wichtigste sein, den einen oder anderen Spieler einzufangen", sagte er, allzu komplexe moderne Trainerarbeit war ihm schon immer ein wenig suspekt. Dazu passend mochte Herrlich keine Details zu seiner Vorstellung vom künftigen Stil seiner Mannschaft nennen. Schmidts Balleroberungsfußball gefalle ihm, sagte er. Es gehe darum "den Funken überspringen zu lassen".

Das ist ihm aber längst nicht überall gelungen. Nach seiner Zeit als Profi arbeitete Herrlich in der Jugend des BVB, mit Jugendteams des Deutschen Fußball-Bundes, in der zweiten Liga beim VfL Bochum und landete dann über die U17 des FC Bayern und die SpVgg Unterhaching bei Jahn Regensburg. Eigentlich ist das keine Trainerbiografie für einen Klub, der vor einem halben Jahr noch unter den letzten 16 Teams der Champions League stand.

In Regensburg ist es dem ehemaligen Nationalstürmer allerdings mit zwei Aufstiegen gelungen, eine sehr homogene Mannschaft zu formen.



insgesamt 8 Beiträge
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melnibone 09.06.2017
1. Der Heiko ...
könnte die Selbstherrliche Bayer-Landschaft ähnlich befrieden, wie es dem Stöger es mit der Diva 1.FC Köln gelungen ist. Ich finde mit der zweiten ... genaueren Wahl, zieht auch manchmal Vernunft in den deutschen Profisport ein.
HH-Hamburger-HH 09.06.2017
2. Glückwunsch
Heiko Herrlich und Leverkusen, das könnte gut passen. Ich wünsche Bayer alles gute beim Kampf um CL/EL- Plätze im kommenden Jahr
micnetic 09.06.2017
3. Korrektur
Herrlich war zwar Trainer des VfL Bochum, aber nicht in der Zweiten Liga, sondern er ist 09/10 mit dem VfL aus der ersten Liga abgestiegen. Wer sich mit den Ereignissen damals beschäftigt wird sich schwer eine harmonische Zusammenarbeit mit Völler vorstellen können.
Dumme Fragen 10.06.2017
4. Schade...
Für Regensburg ist das schon etwas traurig.
fccopper 10.06.2017
5. Das ist ja
herrlich für Heiko, der ja eigentlich ewig in Regensburg bleiben wollte ...
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