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Heimvorteil im Fußball Zu Hause ist es eben echt am schönsten

Fußballteams haben es im eigenen Stadion tatsächlich leichter, zeigt die große Datenanalyse. Woran liegt's? An der Zahl der Zuschauer, dem Schall, dem Schiedsrichter oder am Testosteronwert der Spieler? Alle Zahlen und Hintergründe zum Heimvorteil.

Der FC Bayern gegen Juventus Turin. Ein Spiel zum "mit der Zunge schnalzen", sagte Franz Beckenbauer. Mitte Dezember stand er im Studio des TV-Senders Sky, gerade war das Achtelfinale der Champions League ausgelost worden. Im Februar also trifft der deutsche auf den italienischen Meister, und es sei "ein Vorteil für die Bayern", sagte Beckenbauer, dass sie zuerst auswärts und dann zu Hause antreten könnten. Was er damit sagen wollte: Das Heimrecht der Bayern im zweiten, im entscheidenden Spiel, vergrößert ihre Chancen aufs Weiterkommen.

Jeder Fan erinnert sich an legendäre Spiele, an spektakuläre Siege, die am Ende vor allem dem Heimvorteil der siegreichen Mannschaft zugeschrieben wurden. So war das 1986, im Europapokal, als Bayer 05 Uerdingen zur Halbzeit 1:3 gegen Dynamo Dresden zurücklag und am Ende noch 7:3 gewann. So war das auch 1993 in der Champions League, als es zwischen Werder Bremen und Anderlecht zur Pause 0:3 stand, Bremen das Spiel aber noch drehte und 5:3 siegte. England wurde 1966 zu Hause Weltmeister. Deutschland schaffte das 1974, Argentinien 1978 und Frankreich 1998.

Zufall?

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Heimvorteil im Fußball: Home sweet home

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Am Stammtisch und auf der Stadiontribüne, in Expertenrunden im Fernsehen, bei Taktik-Besprechungen in der Spielerkabine oder in der Sportwissenschaft, egal, wo über Fußball geredet, gefachsimpelt und geforscht wird: Der Heimvorteil spielt fast immer eine Rolle. Er ist ein Phänomen, das zum Mannschaftssport gehört wie die Aufstellung und der Teamgeist und doch schwer zu fassen ist.

SPIEGEL ONLINE hat mit Fans, Schiedsrichtern und Wissenschaftlern gesprochen und Tausende Spielergebnisse aus den vergangenen Jahrzehnten analysiert. Das Ergebnis ist eindeutig. Es gibt ihn, den Heimvorteil. Er lässt sich in jedem Mannschaftssport statistisch belegen. Aber die Gründe sind umso komplexer. Sie haben nicht nur mit den Spielern selbst zu tun, sondern auch mit den Schiedsrichtern und den Fans, selbst die Bauweise der Stadien soll eine Rolle spielen. Am Ende ist der Heimvorteil aber wie so vieles im Fußball auch das: eine Glaubensfrage.

Die Heimvorteil-Tabelle

Rang

Verein

Heimvorteil*

1

Borussia M'gladbach

67,3%

2

SC Freiburg

64,0%

3

VfL Wolfsburg

62,5%

4

1. FC Köln

62,3%

5

Mainz 05

62,2%

6

1. FC Kaiserslautern

61,5%

7

Eintracht Frankfurt

61,2%

8

Hannover 96

61,1%

9

Hamburger SV

60,7%

10

1. FC Nürnberg

60,5%

11

FC Schalke 04

59,8%

12

SV Werder Bremen

59,5%

13

VfB Stuttgart

58,8%

14

Hertha BSC

58,6%

15

VfL Bochum

58,1%

16

Borussia Dortmund

57,5%

17

Bayern München

57,2%

18

1860 München

56,5%

19

Bayer Leverkusen

56,4%

*Wie viel Prozent der Gesamtpunkte holte ein Team zuhause (seit dem Jahr 2000)

Borussia Mönchengladbach ist Tabellenerster, der FC Bayern Drittletzter: Das ist das Ergebnis der Datenanalyse zum Heimvorteil unter den besten Fußballklubs in Deutschland. Für die Statistik wurden alle Heim- und Auswärtsergebnisse der 19 aufgeführten Mannschaften seit der Saison 2000/2001 untersucht; unabhängig davon, ob die Klubs durchgängig in der ersten oder zwischendurch auch in der zweiten Liga gespielt haben.

Die Analyse von SPIEGEL ONLINE ergab, dass Borussia Mönchengladbach 67,3 Prozent seiner Punkte daheim holt, so viel wie kein anderer Verein. Die Borussia galt schon immer als besonders heimstark, dem Klub gelangen vier der zehn höchsten Heimsiege in der Bundesliga-Geschichte. Andererseits zeigt die Statistik auch, dass Gladbach nur 32,7 Prozent seiner Punkte auswärts holt. Der Klub ist in fremden Stadien also ziemlich schwach. Wichtig an dieser Stelle ist aber auch: Die Heimvorteil-Tabelle sagt nichts über den Erfolg oder Misserfolg eines Klubs aus. Sie beschreibt nur, für welche Mannschaften der Heimvorteil eine große, für welche Teams er eine kleinere Rolle spielt.

Es gab Zeiten, in denen der 1. FC Kaiserslautern bei seinen Heimspielen auf dem Betzenberg als nahezu unbezwingbar galt. "Am besten schicken wir die Punkte gleich mit der Post dahin", sagte Paul Breitner in den Achtzigerjahren. In der Saison 1976/77 holte Kaiserslautern sagenhafte 82,8 Prozent seiner Punkte daheim, ein Rekord. Inzwischen hat der Betzenberg seinen Mythos verloren, heute gewinnt die Mannschaft nur noch 61,5 Prozent der Punkte im eigenen Stadion. Platz sechs in der Heimvorteil-Tabelle.

So haben wir den Heimvorteil berechnet

Der FC Bayern steht in der Rangliste zwar weit unten, auf Platz 17. Das bedeutet aber nicht, dass der Klub besonders heimschwach ist. Der FC Bayern kann auswärts fast genauso viele Punkte einfahren wie in der Allianz-Arena in München.

Für andere ist die Allianz-Arena ein Problem, für die Fans des TSV 1860 München zum Beispiel. 2005 zog der Klub in das neue Stadion im Norden Münchens ein. Doch für viele Anhänger des Zweitligisten ist die Arena bis heute nicht mit dem Image des Arbeitervereins vereinbar. Vor zehn Jahren kamen im Schnitt rund 41.000 Zuschauer zu den Spielen, inzwischen sind es nicht mal mehr halb so viele. Der geringe Heimvorteil von 1860 wird auch damit zusammenhängen.

Der Gladbacher Heimvorteil

Thomas Ludwig ist Vorsitzender des Fanprojekts, der Dachorganisation aller Anhänger von Borussia Mönchengladbach. Gladbachs Heimstärke, sagt Ludwig, habe mit dem Einfluss der Fans und den "baulichen Eigenschaften" im Borussiapark zu tun. Das Stadion wurde 2004 eröffnet, davor spielte die Mannschaft auf dem Bökelberg.

"Wir Fans konnten bei der Planung des neuen Stadions mitsprechen", sagt Ludwig, "wir haben versucht, die Atmosphäre aus dem Bökelberg in eine modere Arena zu überführen." Im Unterrang der Nordkurve des Borussia-Parks, dort, wo sich der Kern der Fanszene befindet, gibt es 14.000 Stehplätze. Die steile Tribüne ist nach hinten durch Betonwände und nach oben durch das Dach so abgeschlossen, dass der Schall von dort reflektiert wird. Der Schalldeckel über einer Kirchenkanzel funktioniert ähnlich. "Die Fangesänge und Anfeuerungsrufe dringen nicht nach draußen", sagt Ludwig, "sie werden hinten und oben zurückgeworfen und treffen dann sogar ein zweites Mal aufs Spielfeld."

Beim Abstand zwischen den Gladbacher Fans und dem Spielfeld habe man "einen Trick" angewendet, sagt Ludwig. Laut den Richtlinien muss in den Fußballstadien eine 2,50 Meter hohe Brüstung vor den ersten Tribünenrang gebaut werden. Im Borussiapark fängt diese Brüstung aber in einem Graben an, der zwischen Spielfeld und Tribüne eingesetzt wurde. "Die Fans in der ersten Reihe sind tiefer als in anderen Stadien", erklärt Ludwig, "mit ihren Köpfen sind sie fast auf der Höhe des Rasens, ähnlich wie in England. In Frankfurt zum Beispiel stehen die ersten Fans drei Meter über dem Spielfeld."

Gladbacher Borussia-Park: "Fast auf Höhe des Spielfeldes"

Gladbacher Borussia-Park: "Fast auf Höhe des Spielfeldes"

Foto: Dennis Grombkowski/ Bongarts/Getty Images

Tatsächlich gibt es Anzeichen, wonach sich die Distanz der Zuschauer zum Feld auf den Heimvorteil auswirkt. Autoren einer Studie, die 2014 im "Journal of Sport Behaviour" veröffentlicht wurde, haben Ergebnisse von Champions-League-Spielen ausgewertet. Sie untersuchten, ob die Partien in Stadien mit einer Leichtathletikbahn stattfanden oder nicht. Das Ergebnis: In Stadien mit Laufbahn gab es 56 Prozent Heimsiege, in reinen Fußballarenen lag die Quote bei 60 Prozent.

Die Gründe für den Heimvorteil

Der Heimvorteil im Sport lässt sich statistisch gut belegen, besonders viele Daten gibt es aus dem Fußball. Die Fifa ließ über 6000 internationale Spiele analysieren, 50 Prozent der Partien gewannen Heimmannschaften. Siege für die Auswärtsteams und Unentschieden gab es bei jeweils nur rund 25 Prozent der Spiele. Auch in der Fußballbundesliga geht in knapp der Hälfte aller Spiele die Heimmannschaft mit drei Punkten vom Platz. Selbst im Amateurbereich, in der Fußball-Kreisliga, haben Forscher den Heimvorteil bereits nachgewiesen.

Bei der Suche nach den Gründen tut sich die Wissenschaft allerdings schwerer. Laut Psychologen der britischen Universität Northumbria, die bei Fußballspielern vor dem Anpfiff Speicheltests machten, sollen Profis bei Heimspielen einen erhöhten Testosteronwert aufweisen, besonders Torhüter und Stürmer. Entscheidend, sagen die Forscher, sei das Revierverhalten der Sportler. Die Spieler würden im eigenen Stadion ihr Zuhause sehen, das es zu verteidigen gelte.

Einen anderen Erklärungsversuch für den Heimvorteil liefern Sportwissenschaftler der Universität in Sydney. Sie werteten über 1200 Partien der Champions League zwischen 2002 und 2012 aus, der Heimvorteil soll demnach mit der Größe des Publikums zusammenhängen: 3,3 Prozent mehr Heimsiege bei einer zehnprozentigen Zunahme der Zuschauerzahl. Mehr Zuschauer, mehr Erfolg?

Für Daniel Memmert, Leiter des Instituts für Kognitions- und Sportspielforschung an der Sporthochschule Köln, ist "der Schiedsrichter die entscheidende Variable" beim Heimvorteil. Memmert analysierte 1500 Spiele aus der Bundesliga und stellte fest, dass Auswärtsteams im Mittel 0,5 Gelbe Karten mehr bekommen als Heimmannschaften. Memmert bat daraufhin 20 Schiedsrichter, Videos von Zweikampfszenen zu bewerten: Gelbe Karte oder nicht? Die Schiedsrichter sahen die Spielszenen mit und ohne Gebrüll der Zuschauer im Hintergrund. Mit dem Lärm des Publikums stieg die Wahrscheinlichkeit, dass die Schiedsrichter auf eine Gelbe Karte entscheiden um rund zehn Prozent.

Schiedsrichter Dingert: "...nimmt in diesem Moment jeden Input auf."

Schiedsrichter Dingert: "...nimmt in diesem Moment jeden Input auf."

Foto: Jonas Güttler/ dpa

"Schiedsrichter müssen auf alles achten, um zu bewerten, ob das gerade ein Foul war oder nicht", sagt Memmert. "Wer trifft wen zuerst? Wohin läuft der Ball? Der Schiedsrichter nimmt in diesem Moment jeden Input auf, den er kriegen kann. Unterbewusst nimmt er auch die Geräuschkulisse im Stadion wahr und lässt sie in seine Entscheidung einfließen. Wenn die Fans laut aufschreien, könnte der Zweikampf brisant, das Foul entsprechend schwer gewesen sein."

Aus diesem Grund trainieren Bundesliga-Schiedsrichter nicht nur ihre Fitness, sie machen auch mentales Training und Konzentrationsschulung durch Übungen am PC. "Sie müssen trotz Ablenkungsmanövern Zweikämpfe bei der ersten Betrachtung richtig bewerten", sagt Lutz Michael Fröhlich, Leiter der DFB-Schiedsrichterabteilung. Er pfiff bis 2005 Bundesligaspiele, insgesamt 200 Partien. In einem Stadion wie in Dortmund, sagt Fröhlich, habe er fünf Spiele gebraucht, um zu lernen, die Geräuschkulisse auszublenden.

Das Tempo im Fußball hat zugenommen, Pausen in den Partien gibt es kaum noch. Trainer und Fans sind mehr ins Spielgeschehen involviert. "Sich von allen Einflüssen freizumachen, die Konzentration 90 Minuten lang hoch zu halten", sagt Fröhlich, "ist für die Schiedsrichter in den vergangenen zehn Jahren schwieriger geworden."

Seit den Siebzigerjahren geht der Heimvorteil im deutschen Profifußball leicht zurück. Das ergab die SPIEGEL-ONLINE-Datenanalyse seit Beginn der Bundesliga im Jahr 1963. Mitte der Siebzigerjahre wirkte sich der Heimvorteil am stärksten aus, damals gewannen die Mannschaften im Schnitt fast 75 Prozent ihrer Punkte im eigenen Stadion. In der Saison 2014/2015 wurden durchschnittlich nur noch 60 Prozent der Punkte daheim geholt. Tendenz: fallend.

Die Ergebnisse decken sich mit Studien, die von einem weltweiten Rückgang des Heimvorteils im Profifußball ausgehen. In der Kreisliga sind die Stadien und Kabinen bei jedem Verein unterschiedlich, es gibt Spielfelder mit Bodenwellen, andere haben Löcher im Strafraum. Die Heimmannschaften profitieren davon, weil sie mit den Eigenheiten und Macken ihrer Sportstätten vertraut sind. Im Profibereich finden die Partien in normierten Arenen statt, an die sich die Gästemannschaft schnell gewöhnt. Die Reisen zu den Auswärtsspielen sind nicht mehr so anstrengend wie früher, auch das ist eine Erklärung für den Rückgang des Heimvorteils.

Der moderne Fußball zeichnet sich durch seine Leistungsdichte aus, durch seine Professionalisierung bis ins Detail. Der Grund dafür sind Sponsorengelder und Vermarktungserlöse, die immer weiter steigen. Diese Faktoren bestimmen heute über Sieg und Niederlage, mehr als die Frage, wer das Heimrecht hat.

Der Heimvorteil geht weltweit zurück

Auch die Ausbildung der Schiedsrichter ist professioneller als früher. Die Referees nutzen inzwischen technische Hilfsmittel wie die Torlinientechnik, auch das hat offenbar Einfluss auf die Entwicklung des Heimvorteils: Als 1999 der moderne Videobeweis in der US-Footballliga NFL eingeführt wurde, ging der Heimvorteil im Anschluss um fast 30 Prozent zurück.

Für den Sportpsychologen Bernd Strauß von der Universität Münster wird der Einfluss des Heimvorteils überschätzt. "Er ist keine Pille, mit der man automatisch besser spielt", sagt er. Es komme immer darauf an, wie ein Fußballer damit umgeht, vor 40.000 eigenen Fans zu spielen. "Die einen vertrauen darauf, dass das gewohnte Umfeld im eigenen Stadion ihr Selbstbewusstsein steigert, dass die Fangesänge wie Rückenwind wirken. Für andere gilt das nicht, bei ihnen löst das Druck aus, es hemmt sie. Es gibt Mannschaften, die von ihren Fans zur Niederlage geklatscht werden." Mit anderen Worten: Der Heimvorteil hängt auch davon ab, ob die Spieler daran glauben oder nicht.

Bayern-Profis nach dem verlorenen Finale 2012: Rückenwind vs. Druck

Bayern-Profis nach dem verlorenen Finale 2012: Rückenwind vs. Druck

Foto: Peter Kneffel/ dpa

Im Finale der Champions League 2012 empfing der FC Bayern den FC Chelsea, von den Münchner Fans wurde das Spiel "Finale dahoam" genannt. Die Bayern spielten überlegen, am Ende der Verlängerung stand es trotzdem nur 1:1. Dann begann das Drama, die Bayern verloren die Nerven, Schweinsteiger und Olic verschossen ihre Elfmeter. Chelsea gewann.

Sportpsychologe Strauß sagt: "Die ersten Studien zum Heimnachteil sind bereits in Arbeit."

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