Mkhitaryans Europa-League-Finalverzicht Im Grenzland zwischen Sport und Politik

Henrikh Mkhitaryan ist Armenier, spielt beim FC Arsenal und reist aus Angst um Leib und Leben nicht zum Europa-League-Finale. Das wird in Aserbaidschan ausgetragen, beide Länder sind verfeindet. Aber droht ihm wirklich Gefahr?

Henrikh Mkhitaryan
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Henrikh Mkhitaryan


Am Mittwochabend treffen die beiden Londoner Großklubs FC Arsenal und FC Chelsea aufeinander (21 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), es ist eines der größten Fußballspiele der Saison: das Finale der Europa League. Nicht dabei sein wird Henrikh Mkhitaryan, Mittelfeldspieler von Arsenal, früher bei Borussia Dortmund in der Bundesliga aktiv. Der Grund: Mkhitaryan ist Armenier - und das Finale findet in Baku statt, der Hauptstadt Aserbaidschans.

Mkhitaryan hatte seine Entscheidung bekannt gegeben, kurz nachdem sein Team das Endspiel erreicht hatte. Zu den Gründen machte der 30-Jährige selbst keine ausführlichen Angaben. Arsenal verkündete bei Twitter, dass man nach reiflicher Überlegung gemeinsam zu dem Schluss gekommen sei, dass Mkhitaryan nicht mitreisen werde. "Es ist eine persönliche Entscheidung, ich respektiere das", wurde Trainer Unai Emery zitiert.

Hintergrund ist ein seit Langem schwelender Konflikt. Seit Jahrzehnten gibt es Spannungen zwischen Aserbaidschan und dem verfeindeten Nachbarn wegen der von Armenien besetzten Grenzregion Bergkarabach. In den Neunzigerjahren gab es einen Krieg, der verkündete Waffenstillstand hält an. Die "Minsk-Gruppe" der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) bemüht sich, die Konfliktparteien zu einem Friedensabkommen zu bewegen.

Die Reaktionen auf Mkhitaryans Entscheidung fielen in Medien und sozialen Netzwerken überwiegend wohlwollend aus. Der Spieler hatte schon zweimal zuvor auf Europapokalreisen nach Aserbaidschan verzichtet. Im Jahr 2015 blieb er zu Hause, als sein damaliger Verein Borussia Dortmund beim FK Gabala antreten musste.

"Sicherheitsbedenken", gab Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke damals als Grund an, weil Mkhitaryan sich nachweislich schon einmal in der Region Bergkarabach aufgehalten habe. Watzke räumte allerdings ein, dass die Lage möglicherweise anders bewertet worden wäre, wenn es sich nicht um ein Gruppenspiel, sondern um ein K.-o.-Spiel gehandelt hätte.

Warum ist Mkhitaryan trotzdem nicht gefahren?

Nun aber geht es nicht nur um ein K.-o.-Spiel, sondern um ein großes Finale. Sowohl die Regierung in Aserbaidschan als auch der europäische Fußballverband Uefa beteuern, es habe Sicherheitsgarantien für den Spieler gegeben. Warum ist Mkhitaryan trotzdem nicht gefahren?

Die Situation ist verworren, sowohl Aserbaidschan wie auch Armenien erheben Vorwürfe gegen den Feind. Nach einem Bericht des Portals "Eurasianet" wird Mkhitaryans Entscheidung von Armeniern in sozialen Netzwerken kontrovers diskutiert. Ein Sprecher des armenischen Boxverbands hat demnach bei Facebook geschrieben, dass die Kritik des Fußballers an Aserbaidschan "unverständlich" sei, jegliche Sicherheitsgarantien seien gegeben worden. Araks Marutyan, eine Dozentin an einem Sportinstitut, das Mkhitaryan besucht habe, äußerte leise Kritik am Superstar seiner Heimat. Andere, weniger bekannte armenische Sportler, hätten viel mehr Mut aufgebracht, als sie zu Wettkämpfen nach Aserbaidschan gereist seien. Tatsächlich hatten vor vier Jahren 25 Athleten aus Armenien etwa an den Europaspielen in Baku teilgenommen.

Die kleine Ausgabe der Olympischen Spiele gehörte zu den Sportveranstaltungen, mit denen Aserbaidschans Präsident Ilham Aliyev seinem Land gute Presse verschaffen will. Auch die Formel 1 gastiert jede Saison in Baku, der Metropole am Kaspischen Meer, drei Gruppenspiele und ein Viertelfinale der Fußball-EM werden dort 2020 ausgetragen.

"Hier geht es offenkundig nicht um Menschrechte"

Aserbaidschan ist ein Land, dem die Menschenrechtsorganisation "Human Rights Watch" systematische Folter bescheinigt, willkürliche Urteile. Anwälten, die Aktivisten verteidigen, wird die Zulassung entzogen. Es gibt einige mysteriöse Todesfälle, wie den des Journalisten Rasim Aliyev, in den ein Nationalspieler verwickelt war. Es gibt kaum noch freie Medien.

Frank Schwabe ist Sprecher für Menschenrechtsfragen der SPD-Bundestagsfraktion. Der Experte für die Kaukasus-Region sagte dem SPIEGEL: "Es ist ein Problem, dass solche Sportveranstaltungen zunehmend zur Imagepflege von Autokraten missbraucht werden. Dagegen aus Menschenrechtsgründen zu protestieren, ist geradezu notwendig." Den aktuellen Fall sieht er aber anders gelagert. "Herrn Mkhitaryan geht es hier offenkundig nicht um Menschrechte", sagt Schwabe. Dass der Fußballer das Finale für eine zwischenstaatliche Auseinandersetzung nutzt, hält er für problematisch. Er glaube, dass es bei einer solchen internationalen Aufmerksamkeit wie bei diesem Fußballspiel "null Gefährdung für Mkhitaryan in Baku gäbe".

Aserbaidschans Präsident Ilham Aliyev (r.) empfing 2018 Bundeskanzlerin Angela Merkel in Baku
Kay Nietfeld / DPA

Aserbaidschans Präsident Ilham Aliyev (r.) empfing 2018 Bundeskanzlerin Angela Merkel in Baku

Ein Fußballer im Zwiespalt, in den Klauen eines politischen Konflikts. "Alle Seiten haben ihr Bestes getan, um den Sport zu instrumentalisieren", sagte Rasul Jafarov im Gespräch mit dem SPIEGEL. Der Rechtsanwalt vertritt prominente Regimekritiker in Aserbaidschan. Zu diesen gehört auch Khadija Ismayilova.

Die investigative Journalistin war 2015 wegen angeblicher Steuerhinterziehung verurteilt worden. Erst im Mai 2016 wurde sie aus dem Gefängnis entlassen. Seither muss sie sich einmal im Monat bei einem Gericht melden. Ihre Konten sind eingefroren. Sie darf das Land nicht verlassen, konnte deshalb auch 2017 nicht persönlich den Alternativen Nobelpreis entgegennehmen, der ihr verliehen wurde. Sie erhielt ihn wegen ihres Muts, die Regierung ihres Heimatlands Aserbaidschan zu kritisieren, zu durchleuchten, Fälle von Korruption aufzudecken.

Es hätte genug Gründe gegeben, Baku zu meiden

Ismayilova sollte also eher aufseiten von Henrikh Mkhitaryan stehen, könnte man meinen. Doch im Fall Henrikh Mkhitaryan ergreift sie Partei für ihre Heimat. "Wir sind keine Tiere, wir beißen niemanden", sagte Ismayilova dem SPIEGEL "Ich bin wirklich sehr verärgert."

Niemals, sagt Ismayilova, habe ein armenischer Sportler Repressionen erfahren, der nach Aserbaidschan gereist sei. "Mkhitaryan wäre niemals etwas passiert. Die Regierung hat Sicherheitszusagen gegeben, und die hätte sie auch eingehalten."

Natürlich gibt es aus Sicht der Journalistin genügend Gründe für Veranstalter, Aserbaidschan zu meiden. "Die Uefa hätte zweimal nachdenken sollen, bevor sie wichtige Fußballspiele an uns vergibt." Ismayilova nennt explizit die weit verbreitete Korruption und die Einschränkung der Versammlungsfreiheit.

Für Mkhitaryan hat sie jedoch kein Verständnis, wirft ihm vor, unter dem Jubel der armenischen Medien und Billigung der dortigen Regierung den Feind vor den Augen der Welt diskreditieren zu wollen.



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patsche2712 27.05.2019
1. Mikitaryan...
...hier den schwarzen Peter zuzuschieben erscheint mir zu einfach. Vielmehr sollte man sich von Seiten der UEFA und der FIFA die Frage stellen, ob es auf Dauer gut ist, große Finalspiele oder gleich ganze Turniere in die Hand von Despoten zu geben. Geld stinkt mitunter doch....
jakob12345 27.05.2019
2. Persönliche Erfahrung
Ich war 2016 auf einer Jugendreise in Baku und habe dort mit meiner Reisegruppe Fußball gegen Aserbaidschaner gespielt. Davon wurden kurze Ausschnitte im Lokalfernsehen gezeigt. Ich habe ohne darüber nachzudenken ein BVB Trikot von Mkhitaryan angezogen und wurde gebeten es auf links zu drehen.. Mkhitaryans Sorgen finde ich nicht allzu abwegig.
hh-eimsbüttler 27.05.2019
3. Mikitaryan hat nur ein Leben
Seine Entscheidung ist nur zu verständlich. Für ein Spiel ein Risiko einzugehen wäre nun wirlich zu viel verlangt.
mrschabak 27.05.2019
4. Baku = Das neue Fussball Katar
Es ist für mich noch heute ein Rätsel, wie man ein solches Europa League Finale an ein Land vergeben kann, was noch nie auch nur ansatzweise mit den Mittelgewichten des Fussballs mitgemischt hat. Ähnlich fragwürdig wie die WM 2022 in Katar. Da ist die ganze Mkhitaryan Geschichte bzgl. Anreise nur ein Nebenschauplatz!
DorianH 28.05.2019
5.
"Aber droht ihm wirklich Gefahr? " Kritik ist hier wohl kaum angebracht, weder von einem hiesigen Redakteur noch von einer dort ansässigen Journalistin. Man stelle sich mal kurz vor, was wäre, wenn Mkhitaryan mitgegangen und dort dann etwas passiert wäre. Es ist sein Leben und seine Gesundheit, das u. U. auf dem Spiel steht, also hat er das Entscheidungsrecht. Und daß es andere Sportler aus Armenien gab, die unbeschadet zu Veranstaltungen reisen konnten, heißt nicht viel. Ein Fußballspieler seines Bekanntheitsgrads ist ein ganz anderes Kaliber.....
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