Herbstmeister Hoffenheim "Jetzt sind wir nicht mehr der Dorfverein"

Sie haben das scheinbar Unmögliche geschafft: Von null auf Platz eins vor den Bayern. Hoffenheim ist deutscher Herbstmeister - dank eines schwachen Unentschiedens gegen Schalke. Nun richten sich die Träume und Ansprüche in Richtung internationaler Wettbewerb.

Von , Mannheim


Vielleicht lag es daran, dass jeder wusste, wie es ausgehen musste. Damit eintritt, was in Hoffenheim keiner wollte. Nun sind sie es doch: Deutschlands Herbstmeister.

"Herbstmeister im Dezember?", sagte Trainer Ralf Rangnick vor ein paar Tagen fast belustigt, "das sagt doch alles."

Trotz der bislang hartnäckigen Weigerung, mit dem inoffiziellen Titel offiziell auch nur ein bisschen zu liebäugeln, darf man nach dem 1:1 gegen Schalke 04 trotzdem gratulieren. Viel mehr als dieser wertlose Titel aber ist die Heimbilanz des Aufsteigers, die bemerkenswert ausfällt - wie auch der Rest der ersten Vorrunde der Vereinsgeschichte in der Bundesliga.

Kein Spiel verloren, nur zwei Unentschieden: Das kann sich sehen lassen.

"Ich bin mehr als glücklich und stolz"

Ein Spiel auf dem sonstigen Niveau boten die Hoffenheimer zwar diesmal nicht. Als Gerald Asamoah (39.) und Selim Teber (72.) die Tore schossen, war vor 26.900 Zuschauern auch viel Krampf dabei. Aber es war der erste Rückstand für den Aufsteiger in einem Heimspiel überhaupt.

Das rang am Ende dem Hoffenheimer Mäzen Dietmar Hopp doch Lob ab: "Ich bin mehr als glücklich und stolz", sagte Hopp und leistete sich einen kleinen Seitenhieb auf den Verfolger Bayern München. "Ich bin heilfroh, dass wir diesen Punkt gemacht haben. Wir sind zwar punktgleich, aber wir stehen vor Bayern", sagte Hopp. "Wir sind nicht mehr der Dorfverein, wir sind der Verein der Metropolregion Rhein-Neckar."

Man werde in Zukunft der Gejagte ein, "aber das sind wir schon die ganze Zeit", sagte Trainer Rangnick. "Jetzt wird es darum gehen, das Niveau zu halten. So große Sprünge wie jetzt wird es wohl nicht immer geben." Wohin der Weg von 1899 am Ende führen soll, wollte er nicht sagen, sondern sprach lieber über die Partie gegen Schalke. "Wir haben uns über die Emotion ins Spiel zurückgebracht. Wir hätten gerne gewonnen, aber wir müssen mit einem Punkt zufrieden sein. Es lief heute nicht so richtig", sagte Rangnick, während seine Spieler minutenlang vor ihren Fans tanzten und ein Transparent zeigten, auf dem stand: "Danke Mannheim" - es war das letzte Spiel im Carl-Benz-Stadion.

Wer sonst könnte den Bayern gefährlich werden?

Manager Jan Schindelmeiser sieht den Neuling Hoffenheim auf dem Weg zur "Marke" weit gekommen. "Die Spielweise, gepaart mit dem Erfolg, hat dazu beigetragen, die Reputation des Vereins dramatisch zu verbessern, über die deutschen Grenzen hinaus." Er gehe nun davon aus, "dass wir uns in der oberen Tabellenhälfte halten können". Aber man werde die Mannschaft nun nicht mit einer zu hohen Erwartungshaltung belasten.

Wer aber außer den Hoffenheimern ist in der Lage, den FC Bayern München wirklich in Gefahr zu bringen? Hoffenheim kann anders als viele Konkurrenten ohne internationale Belastung manches Tief vielleicht leichter überwinden. Die Verpflichtung von Torwart Timo Hildebrand, der ab der Rückrunde in der 60 Millionen teuren neuen Rhein-Neckar-Arena spielen wird, zeigt, wie in Hoffenheim die Ansprüche und Wünsche gestiegen sind. Ohne es zuzugeben, sind die längst in Richtung internationale Bühne ausgerichtet.

Schalke fühlte sich "leicht benachteiligt"

Schalke versuchte, das Unentschieden als "versöhnlichen Abschluss" zu verkaufen. So formulierte es Asamoah - und fügte hinzu: "Obwohl wir hier leicht benachteiligt wurden. Wir waren nicht so clever bei den Roten Karten."

In der zweiten Hälfte war es zu tumultartigen Szenen gekommen, als der unsichere Schiedsrichter Peter Gagelmann Jermaine Jones, der schon Gelb-belastet war, die Gelb-Rote Karte zeigte. Gagelmann hatte es allerdings bei teilweise hitzig geführten Zweikämpfen nicht einfach; er erwischte wie die meisten Spieler keinen besonders guten Tag. In der 80. Minute musste außerdem Orlando Engelaar mit Gelb-Rot vom Platz. Auch die Assistenten Youri Mulder und Mike Büskens wurden auf die Tribüne verwiesen. Schöne und unterhaltsame Spiele sehen anders aus.

Schlampiges Spiel, viele Fehlpässe

In der ersten Hälfte hatte Hoffenheim oft einfach nur Glück. Schalke hielt mit und war über weite Strecken die Mannschaft mit mehr Präsenz auf dem Platz. Das begann in der zweiten Minute, als Asamoah am Ball vorbeitrat, vier Meter vor dem 1899-Tor. Ohne Eduardo, der wegen einer Grippeerkrankung fehlte, und Luiz Gustavo, der zunächst draußen saß, fehlte der Spielfluss, den der Aufsteiger sonst zeigt. Hoffenheim zeigte eine zu schlampige Partie, um Schalke in Bedrängnis zu bringen. Viele Fehlpässe hemmten das Spiel. Es fehlte an Mut, Risiko und Leichtigkeit, auch, weil Schalke - die abwehrstärkste Mannschaft der Liga - viele Zweikämpfe gewann.

Halil Altintop (8.) und Asamoah (11.) kamen zu weiteren guten Möglichkeiten. Und erst in der 18. Minute hatte Hoffenheim seine erste Chance. Manuel Neuer konnte den raffinierten Freistoß von Sejad Salihovic zur Ecke abwehren. Die zweite hatte Demba Ba 20 Minuten später. Die Führung erzielten die Schalker durch Asamoah in der 39. Minute, die ohne den verletzten Stürmer Kevin Kuranyi antreten mussten. Altintops feines Zuspiel erreichte den ehemaligen Nationalspieler, der zentral im Strafraum aus zehn Metern flach ins Eck abschloss.

Hoffenheim kam dann allerdings zurück - zeigte "Moral", wie Rangnick sagte. Das ist es, was an dieser jungen Mannschaft so fasziniert: Sie kann hat in diesem ersten halben Jahr in der Ersten Liga viel gelernt, und sie kann das Gelernte umsetzen.

"Wir haben nicht nur erfolgreichen, sondern auch guten Fußball gezeigt", sagte Schindelmeiser. "Jetzt müssen wir versuchen, diesen Status zu festigen - eines dürfen wir aber bitte nicht vergessen: Wir haben als Aufsteiger in der Vorrunde 35 Punkte geholt. Das allein verdient Respekt."

Nun, heißt es, soll es weitere Zukäufe geben.

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