Krise bei Hertha BSC Graue Maus statt hipper Großstadtklub

Hertha BSC hoffte nach Jahren der Biederkeit auf einen Neuanfang. Trainer Ante Covic musste indes bereits nach drei Spieltagen seinen Plan vom offensiven Fußball umwerfen. Berlins Coach sucht noch seine Linie.

Ante Covic' Start als Hertha-Cheftrainer verlief nicht nach Plan
Thomas Frey / DPA

Ante Covic' Start als Hertha-Cheftrainer verlief nicht nach Plan

Von Tobias Escher


Berlin im Sommer. Es herrscht Aufbruchsstimmung bei Hertha BSC. Der neue Trainer Ante Covic wird nicht müde zu betonen, dass Hertha unter ihm offensiven Fußball spielen soll. "Wir haben uns in den vergangenen Jahren im Umschaltspiel gut entwickelt. Jetzt geht es mir darum, dass wir im Spiel mit Ball noch mehr Gefahr ausstrahlen", sagte er gegenüber Goal.com.

Mainz am vergangenen Wochenende. Das Spiel zwischen dem FSV und Hertha BSC war kaum angepfiffen, da zogen sich die Berliner schon in die eigene Hälfte zurück. Berlins Fünferkette baute sich vor dem eigenen Strafraum auf. Mainz, vor dem Spiel ohne Punkt und damit Tabellenletzter, sammelte in der ersten Halbzeit fast 70 Prozent Ballbesitz. Offensives Ballbesitzspiel seitens der Hertha? Fehlanzeige.

Bei keinem Bundesligaklub klaffen Anspruch und Wirklichkeit so weit auseinander wie bei Hertha BSC. Nach dem verkorksten Saisonstart mit nur einem Punkt aus drei Spielen sah sich Covic genötigt, sein Team taktisch wie personell durcheinander zu würfeln. Eine klare Linie ist beim neuen Trainer nicht zu erkennen. Vor dem Spiel gegen Paderborn (Samstag, 15.30 Uhr, live im SPIEGEL-Ticker) muss Covic nicht nur punkten, sondern auch die Frage beantworten, für welchen Fußball er steht.

Der Traum vom hippen Hauptstadtklub

Im Frühjahr hatte Sportchef Michael Preetz einen Neuanfang ausgerufen. Der Vertrag von Trainer Pal Dardai wurde nicht verlängert. Dardai war als Mensch bei den Fans äußerst beliebt, als Trainer aber auch umstritten. Sein Spielstil passte nicht mehr zu einem Verein, der sich zu Höherem berufen fühlt. Herthas Verantwortliche träumen davon, nicht mehr als die "Alte Dame", sondern als hipper Hauptstadtklub wahrgenommen zu werden. Auf Plakatwänden und in den Sozialen Netzwerken wirbt der Klub mit selbstironischen Sprüchen. "Berliner Start-up seit 1892" lautet das Vereinsmotto. "We try. We fail. We win."

In Mainz kassierte Berlin das 1:2 in der 88. Minute
Christian Kaspar-Bartke / Getty Images

In Mainz kassierte Berlin das 1:2 in der 88. Minute

Dardais Fußball, der auf Querpässe, eine tiefe Abwehr und ab und an einen schnellen Konter setzt, konterkarierte dieses Image. Da traf es sich gut, dass Herthas U23-Trainer Covic einen anderen Spielstil pflegte.

Als Hertha im Sommer auch noch einen millionenschweren Deal mit Investor Lars Windhorst schloss, schnellten die Erwartungen weiter nach oben. 125 Millionen Euro zahlte dessen Firma für 37,5 Prozent der Anteile an der Hertha BSC GmbH & Co. KGaA, weitere Anteilskäufe sollen folgen. Plötzlich verfügte der stets klamme Verein über Geld. Das investierte Preetz prompt. Dodi Lukebakio wurde für kolportierte 20 Millionen Euro verpflichtet.

Ein Punkt aus vier Spielen, 3:10 Tore

Die Saison begann mit einem Achtungserfolg. Beim 2:2 gegen Bayern München überzeugte Covic als Taktiker. Er stellte während der Partie von einer 5-3-2- auf eine 4-3-3-Formation um, Hertha drehte einen 0:1-Rückstand zu einem Unentschieden. Solch eine taktische Variabilität war neu bei der Hertha.

Die positive Stimmung ist gekippt. Bei den 0:3-Niederlagen gegen Wolfsburg und Schalke ließ Hertha sich böse auskontern. Gegen Mainz tauschte Covic die halbe Elf aus, ließ bis zum 0:1-Rückstand ultradefensiven Fußball spielen. Das klang vor der Saison noch anders. "Nach acht Gegentoren ist doch klar, welchen Hebel wir zuerst ansetzen müssen", so Covic gegenüber dem Kicker. "Alles andere wäre naiv. Und naiv bin ich nicht."

Dass Covic auf die Niederlagenserie reagiert und seine Mannschaft defensiv stabilisieren will, muss nicht verkehrt sein, genauso wenig seine häufigen Wechsel der Formation. Derzeit lässt sich als neutraler Betrachter aber nicht erkennen, in welche Richtung Covic das Team eigentlich entwickeln will. Offensiv oder defensiv? Ballbesitz oder Konter?

Deutlich wird dieser fehlende strategische Fokus am Rekordeinkauf Lukebakio. Mal kam er auf dem rechten Flügel zum Einsatz, mal als zentraler Stürmer. Wenn Hertha - wie vom Trainer gefordert - auf Ballbesitz spielt, kann er seine große Stärke, seine Endgeschwindigkeit, nicht einbringen. Im Umschaltspiel fehlt wiederum ein Akteur, der Lukebakio mit Bällen füttert. Somit lungert er bisher meist im Nirgendwo des Feldes herum, ohne Bindung an das Spiel.

Covic steht bereits unter Druck

Der Trainer verweist zu Recht darauf, dass ein Umbruch Zeit brauche. Die Hertha ist jedoch nicht der einzige Klub, der im Sommer einen neuen Trainer verpflichtet hat. Auch bei Marco Rose in Mönchengladbach oder Julian Nagelsmann in Leipzig greifen noch lange nicht alle Räder ineinander. Spieler wie Fans bekommen aber einen Eindruck, in welche Richtung das Spiel sich entwickeln soll.

Covic wird in den kommenden Partien nicht nur die Frage beantworten müssen, wie der strategische Kern seines Teams aussehen soll. Er dürfte gegen die Aufsteiger aus Paderborn und Köln sowie gegen Düsseldorf Druck verspüren, punkten zu müssen - gegen Teams, die Hertha in der Tabelle weit hinter sich lassen möchte. Der Klub ist so schnell nicht bereit, die großen Ambitionen aufzugeben.

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NhulunbuyNT 21.09.2019
1. in der Tat...
...ist Hertha einer der langweiligsten Vereine hierzulande. Das liegt nicht nur daran, dass die ihr Stadion nie voll bekommen, was auch bei nem neuen reinen Fußballstadion nicht besser wär. Auch so ein windiger Windhorst wird daran nix ändern. Das Image ist grau. Gott sei Dank gibts da noch Union, egal ob erste oder zweite Liga.
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