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Foto: TOBIAS SCHWARZ/ AFP

125 Jahre Hertha BSC Fiffis Mief

Hertha BSC unternimmt in dieser Spielzeit einen neuen Versuch, sich als Top-Verein zu etablieren. Der Verein feiert in diesem Sommer den 125. Geburtstag, es ist die Geschichte vieler vergeblicher Anläufe.

Ein kleines Fernsehfilmchen am Ende dieser überaus üppigen Ausstellung zum Berliner Fußball: 17. April 1971, Hertha BSC empfängt in der Bundesliga Borussia Dortmund. Der Sprecher des Sender Freies Berlin sagt mit aller ihm zur Verfügung stehenden Trockenheit: "Die Berliner wissen, was sie ihrem Publikum schuldig sind. Mit einem 5:2-Erfolg entlassen sie ihr Publikum ins Berliner Wochenende." Schmissige Musik im Hintergrund.

Am Samstag (18.30 Uhr Sky, Liveticker SPIEGEL ONLINE) spielt Hertha BSC wieder gegen Dortmund, diesmal ist es ein Auswärtsspiel, und umgedreht haben sich auch die Machtverhältnisse. Der BVB ist ein internationales Spitzenteam, er ist der Tabellenführer, wenn man dem ersten Spieltag einer Saison so viel Ehre antun will, dieses Wort schon zu benutzen.

Aber auch die Hertha ist gut in die Saison gestartet, hat den VfB Stuttgart 2:0 geschlagen. Als Sechster der Vorsaison ist man im Europapokal dabei, und in dieser Spielzeit unternimmt der Verein einen neuen Versuch, sich im oberen Drittel der Tabelle dauerhaft zu etablieren, damit es nicht nur bei ein, zwei guten Jahren bleibt. In Berlin hat man aufgehört zu zählen, der wievielte Versuch das ist.

Die Beziehung ist kompliziert

Hertha feiert in diesem Sommer Geburtstag, der Klub wird 125 Jahre alt, es ist eigentlich kein wirklich runder Geburtstag, aber in Berlin wird jede Gelegenheit zu feiern gerne ergriffen. Es gab hier schließlich sogar mal einen Partybürgermeister. Und so hat die Stadt dem Verein eine große Ausstellung im Ephraim-Palais im Nikolaiviertel  im Herzen Berlins geschenkt. Da wird die Geschichte des Fußballs in der Stadt in all ihren Facetten aufgeblättert, und es sind viele Facetten: Fußball und Berlin, die Beziehung ist kompliziert. Eine Geschichte unerfüllter Sehnsüchte.

Tasmania, Tennis Borussia, Blau Weiß 90 - sie alle waren mal Erstligavereine, das vergisst man fast. Im Osten häuften erst der ASK Vorwärts, dann der BFC Dynamo Meisterschaft an Meisterschaft, jeder weiß, welchen Beigeschmack diese Titelgewinne hatten. ASK, der Armeesportklub, BFC, der Verein, der von der Stasi geliebt wurde.

Tasmania und Blau Weiß sind von der Berliner Landkarte lange verschwunden, TeBe versucht mit gewissem Erfolg, sich als sympathischer Underdog zu verkaufen, der ASK wurde irgendwann zu DDR-Zeiten nach Frankfurt/Oder relegiert, der BFC spielt heute in den Niederungen und ist im Osten der Stadt längst von seiner Antithese, dem 1. FC Union aus Köpenick, abgelöst worden. Nur Hertha war irgendwie immer da.

86 Jahre ohne Meisterschaft

Die letzte Deutsche Meisterschaft feierte der Verein 1931, Hanne Sobek war der damalige Denker und Lenker, in der Ausstellung kommt man an ihm nicht vorbei. 1931 bis 2017 - das sind 86 meisterschaftslose Jahre. Manchmal war Hertha in jenen Jahrzehnten nah dran, Ende der Siebzigerjahre zum Beispiel, eine Zeit, die im Ephraim-Palais ausführlich gewürdigt wird: mit einer großen Hertha-Mannschaft von Erich Beer über Michael Sziedat und Uwe Kliemann bis Hanne Weiner, von Ole Rasmussen über Wolfgang Sidka bis Karl-Heinz Granitza. Die Mannschaft wäre damals um ein Haar sogar ins Uefa-Cup-Finale eingezogen. Aber es war, wie so oft bei der Hertha, eben nur beinahe.

Der Kollege von "Zeit Online", Oliver Fritsch, hat Hertha mit einer "Damasttischdecke in einer Skatkneipe in Wilmersdorf" verglichen, den Westberliner Mief, der der Hertha so anhängt, sie wird ihn offenbar nicht los. Als säße immer noch Fiffi Kronsbein auf der Trainerbank, als sei die Hertha immer noch Teil der Kungelgesellschaft, wie einst unter dem legendären Präsidenten Wolfgang Holst, der mit verbotenen Handgeldern hantierte und in der Berliner Politik alle kannte.

Dabei bemüht sich der Klub doch so um einen Imagewechsel, kommt so international wie möglich daher, als wäre er kein Fußballverein, sondern ein digitales Garagenprojekt. "We try, we fail, we win", hat die Werbeagentur Jung von Matt der Hertha im Vorjahr als Motto aufgedrückt, CDU-Politiker Jens Spahn dürfte sich bereits ernsthafte Sorgen um den Verein machen. Sie haben sich zudem einen Social-Media-Account geschaffen, der sich nach Kräften bemüht, lustig zu sein, der allerdings in der Vorsaison gern mal übers Ziel hinaus geschossen ist. Zu laut, zu krachend. Aber Berliner Humor war schon oft mehr Dieter Hallervorden als Dieter Hildebrandt.

In Berlin ist Unordnung das halbe Leben

Die Ausstellung bietet auch einen schönen Überblick über die verschiedenen Fußballplätze, Stadien und Arenen der Stadt - von der legendären Plumpe, die die Hertha nach dem Bundesligaskandal 1971 verkaufen musste, um nicht pleitezugehen, bis zum heutigen Olympiastadion. Jetzt wollen sie ein neues Stadion bauen, direkt nebenan. So ist der Plan. Was daraus wird in einer Stadt, in der Pläne zumeist über den Haufen geworfen werden, in der Unordnung das halbe Leben ist, weiß noch keiner.

Berlin hat 28 Fankneipen für Anhänger des FC Bayern München - auch das erfährt man in der Ausstellung, und allein diese Zahl macht klar, wie schwer es die Hertha hat, eine ganze Stadt hinter sich zu bringen. Eine Stadt, die nicht nur in West und Ost zerrissen war, sondern proppenvoll ist mit Zugezogenen mit ihren eigenen Lieblingsvereinen. Es ist nicht leicht, den Berlinern Hertha zu ihrem Zuhause zu machen. Das geht wohl nur über den sportlichen Erfolg.

Das alles ist den Verantwortlichen um Manager Michael Preetz lange bekannt, in Panik verfällt deswegen niemand mehr. Es läuft derzeit ohnehin ganz gut für die Hertha, mit Pál Dárdai weiß Preetz einen alten Kumpel aus aktiven Zeiten um sich, der von Spielern wie Fans anerkannt ist. Dárdai hat 20 der 125 Hertha-Jahre aus nächster Nähe miterlebt, er ist Teil des Hertha-Kosmos, aber er weiß sehr genau, dass das allein für den Job eines Erstligatrainers nicht ausreicht. Der Ungar ist, seitdem er vor zwei Jahren das Amt des Cheftrainers übernommen hat, als Coach gewachsen, lange war keiner so unumstritten wie er. Es ist derzeit so ruhig im Verein, dass man fast unruhig wird.

125 Jahre Hertha, mit der Meisterschaft wird es auch in absehbarer Zeit nichts werden, aber der Verein hat im Moment ganz gute Chancen, auf Dauer ein solider, von Krächen und Abstiegssorgen befreiter Erstligist zu werden, mit Perspektiven nach oben. Eigentlich hat er alles, was er dazu braucht.

Zum Schluss der Ausstellung singt Frank Zander die Vereinshymne, den Klassiker: "Nur nach Hause gehen wir nicht", aber Hertha scheint auf dem Weg genau dorthin. Nach Hause. Es hat 125 Jahre gedauert.

Hauptstadtfußball. Eine Ausstellung im Ephraim-Palais des Berliner Stadtmuseums. Zu sehen noch bis zum 7. Januar 2018, Eintritt: 6 Euro

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