Klinsmanns riskante Bundesliga-Rückkehr Hertha, schneller, weiter

Jürgen Klinsmann und ein Trainerjob in der Bundesliga? Das schien nach seinem traumatischen Aus beim FC Bayern vor zehn Jahren kaum mehr möglich. Bei seiner neuen Mission in Berlin steht er unter enormem Zeitdruck.

OMER MESSINGER/EPA-EFE/REX

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Es gehört zu den guten Geschichten dieser an sich schon guten Geschichte um Jürgen Klinsmann als neuen Hertha-Trainer, dass er sein erstes Spiel als Chefcoach gegen seinen Kollegen Lucien Favre bestreiten wird. Also natürlich nur, falls Favre das Spiel noch als BVB-Coach erlebt. Als Klinsmann vor zehn Jahren letztmals als Bundesligatrainer nach Berlin kam, war Favre Trainer bei Hertha. Sein Team schlug im Februar 2009 Klinsmanns Bayern 2:1, und nach diesem Spiel war Favre mit Hertha BSC Tabellenführer. (Lesen Sie hier eine Reportage über Klinsmanns ersten Tag bei Hertha)

Wenn Klinsmann am Samstag zum Einstand gegen Borussia Dortmund gewinnt, könnte es sein, dass Favre danach gehen muss.

Wer Klinsmann in jenem Frühjahr 2009 erlebte, konnte sich eigentlich nicht vorstellen, dass dieser Mann noch einmal in die Bundesliga als Trainer zurückkehrt. Er wirkte nach nur einem halben Jahr in München ausgebrannt, ratlos, hilflos. Eine 1:5-Demütigung in Wolfsburg mit Grafites berühmtem Hackentor und eine nächste 0:4-Demütigung in Barcelona ein paar Tage später in der Champions League waren damals zu viel. Der Trainer musste kurze Zeit danach gehen. Und Bayern-Manager Uli Hoeneß rief ihm noch hämische Worte nach. Klinsmann, der Mister Sommermärchen 2006, war drei Jahre später ein gescheiterter Mann. Der deutsche Fußball interessierte sich ab sofort nicht mehr für ihn.

Hoeneß war er schon als Spieler suspekt

In München fand er keinen Draht zu den Stars im Team, dem mächtigen Hoeneß war er schon in seiner Zeit als Bayernspieler suspekt gewesen. Klinsmann und der FC Bayern sind sich immer fremd geblieben, eine Beziehung ohne Wärme, ohne gegenseitiges Verstehen, ein einziges Missverständnis.

Jürgen Klinsmann (l.) und Uli Hoeneß (r.): Das konnte nicht lange gutgehen
AP

Jürgen Klinsmann (l.) und Uli Hoeneß (r.): Das konnte nicht lange gutgehen

Klinsmann, der Eigenwillige, der Macher aus DFB-Zeiten, wirkte als Ligatrainer in München zaudernd, zermürbt, nichts war mehr übrig vom Ärmel aufkrempelnden Reformator. Dass ihm mit Louis van Gaal ein Trainer an der Säbener Straße folgte, der die Mannschaft vollständig umkrempelte und von dessen Erbe der FC Bayern noch heute profitiert, machte den Kontrast zum Vorgänger nur noch drastisch sichtbarer. Van Gaal tat das, was man von Klinsmann erwartet hatte. Bei den Bayern ist Jürgen Klinsmann nur eine Fußnote in der Vereinsgeschichte geblieben.

Er zog sich danach wieder in die USA zurück, übernahm mit wechselndem Erfolg für immerhin fünf Jahre den Job des dortigen Nationaltrainers, bei der WM 2014 kreuzten sich die Wege mit Joachim Löw und dessen Elf in der Gruppenphase. Deutschland siegte glanzlos 1:0, auch dort hat Klinsmann wenig Spuren hinterlassen. Von dem Spiel erinnert man sich vor allem an das Wetter, damals im verregneten Recife.

Als TV-Experte nicht ausgelastet

Nach der Trennung vom US-Verband 2016 schien es schon so, als habe sich der Trainer Klinsmann zum Privatier Klinsmann gewandelt. Der sein Leben im fernen Kalifornien führt und sich ab und zu noch im deutschen Fernsehen sehen lässt, um sich seine Expertise abfragen zu lassen. Als handzahmer TV-Experte bei RTL, der auch beim fadesten Kick der DFB-Elf noch etwas fand, seinen alten Spezi Joachim Löw und dessen Arbeit zu loben, schien er aber dann wohl doch nicht ausgelastet zu sein.

Zuletzt arbeitete Klinsmann (l.) als TV-Experte bei Spielen der Nationalmannschaft
Maja Hitij/Getty Images

Zuletzt arbeitete Klinsmann (l.) als TV-Experte bei Spielen der Nationalmannschaft

Als Vorstandschef des VfB Stuttgart hätten sie ihn vor Monaten bereits gerne gehabt, mit seiner VfB-Vergangenheit hätte er vermutlich perfekt ins Anforderungsprofil gepasst, aber Klinsmann winkte ab. Viele sahen das auch als Signal, dass er sich nicht mehr im deutschen Fußball engagieren wolle. Gewundert hätte es nicht, Klinsmann wirkt zwar immer noch jungenhaft wie einst, ist aber auch schon Mitte 50. Nicht zwingend das Alter, in dem man neue Herausforderungen anstrebt. Zumal er immer den Eindruck erweckte, er sei jemand, der loslassen kann. Der eher in Projekten als in langen Zeitabschnitten denkt.

Umso spannender und durchaus auch überraschender kommt jetzt sein Schritt, es mit der Hertha zu versuchen. Vom Aufsichtsrat zum Cheftrainer - allein das ist schon ein ungewöhnlicher Move, ein mutiger ist es obendrein. Wenn er es nicht schafft, die mit dem Windhorst-Geld gepamperten Berliner in die Spur zu bringen, ist sein Ruf als Coach hierzulade wahrscheinlich endgültig ramponiert. Hat er aber Erfolg, wäre das ein Comeback, das man schon nicht mehr für möglich gehalten hätte. "Was ich tue, tue ich richtig", hat er am Mittwoch vor der Presse gesagt. Jürgen Klinsmann ist zurück im Risiko, das erinnert fast an seinen Beginn als Teamchef der Nationalmannschaft 2004.

Damals hatte er allerdings zwei Jahre Zeit, ein Team aufzubauen, Strukturen zu verändern, Widerstände zu brechen. Diesmal bleiben ihm bestenfalls ein paar Monate. Die nicht nur über die Zukunft der Hertha mitentscheiden. Sondern vor allem über die des Trainers Jürgen Klinsmann.

insgesamt 21 Beiträge
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moonriver1000 28.11.2019
1. Windi und Klinsi - ein Traum Duo
Beide beherrschen die Show. PowerPoint Präsi Niveau. Viel Schaumstoff. Nachhaltigkeit geht anders. 40 Jahre Konstanz in München wären mal eben mit ein paar Marketingsprüchen beiseite gewischt. Spätestens im Frühjahr ist ein möglicher Hype in Berlin vorbei. Ich freue mich aber auf das Experiment.
der Bulle 28.11.2019
2. Das mit
Herrn Klinsmann kann funktionieren, wenn er seine Unzweifelhaft vorhandene Motivation auf die Spieler der Hertha überträgt. Das Problem bei Hertha ist aber auf Sicht betrachtet Herr Preetz. Hier wäre dringender Handlungsbedarf. Er hat in der langen Zeit seines Wirkens die Mannschaft lediglich verwaltet aber keinen Deut stabiler und besser gemacht. Letzte Missetat war es, einen überforderten Ante C. zum Trainer zu berufen, der keinerlei 1. Liga Erfahrung mit sich brachte. Möglicherweise wollte Preetz eine Lösung, die Ihm nicht gefährlich werden konnte. Nun ist es an der Zeit, dass Preetz dem Arbeitsmarkt zugeführt wird; auch wenn er der Schwiegersohn vom piefigen West Berliner Präsident ist!
karlo1952 28.11.2019
3. Klinsmann ist alles,
nur eines nicht, ein guter Trainer.
dietmr 28.11.2019
4. Er ist bei Hertha ...
... Aufsichtsrat und gibt jetzt für ein halbes Jahr den Cheftrainer. Länger aber nicht, egal, wie es läuft. Insofern ist es Unfug, nach einer "Zukunft" des Trainers Klinsmann zu fragen. Ob er sich als Trainer bewährt ist im Grunde piepegal, solange Hertha die Liga hält; und selbst wenn Hertha absteigen sollte, ist er danach halt Aufsichtsrat eines Zweitligisten.
sponer59 28.11.2019
5. Klinsmann
hat genau aus dem Grund, dass er schon lange nicht mehr in Deutschland ist, fußballerischen Sachverstand mitgebracht. Dieses Modell kann funktionieren, so wie schon 2006, als er auch eher der Kommunikator und Motivator war. Das kann funktionieren, muss aber nicht. Ich hoffe es. Unabhängig davon: die in dem Artikel und auch den Kommentaren mitschwingende unterschwellige Häme (über sein Engagement bei den Bayern und die Fernsehauftritte bei RTL etc.) fällt doch auf die Autor*innen zurück. Ich bewundere den Mut, es noch einmal im Hafischbecken Bundesliga zu versuchen. Und als Hertha Fan (ja die gibts;-)) freue ich mich über sein Engagement. Er hätte es wirklich nicht nötig, sondern könnte eine ruhige Kugel im Aufsichtsrat schieben.
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