Wiederaufsteiger Hertha Team Demut schafft das Comeback

Nach einem Jahr im Unterhaus ist Hertha BSC der sofortige Wiederaufstieg in die Bundesliga gelungen. Zu verdanken hat der Hauptstadtclub das vor allem seinem Trainer. Jos Luhukay hat in den Verein gebracht, was Berlin am nötigsten hat: Ruhe und Bescheidenheit.

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Ganz am Ende einer Saison, in der bei Hertha BSC alles falsch gelaufen war, was falsch laufen konnte, hatte Manager Michael Preetz dann doch noch etwas sehr Richtiges gemacht. Er verpflichtete am Ende dieser desaströsen Vorsaison, die mit dem Erstliga-Abstieg für den Hauptstadtclub endete, Jos Luhukay als Trainer. Damit legte er die Grundlage für den jetzigen Wiederaufstieg. Berlin ist zurück in der Bundesliga und hat das vor allem Luhukay zu verdanken.

Der 49-jährige Niederländer war genau der Mann, den der damals zutiefst verunsicherte Verein benötigte. Ein besonnener Typ, der als erstes das Allerwichtigste machte. Er brachte Ruhe in den Verein.

Erst mit dieser Ruhe im Hintergrund konnte das Projekt Aufstieg angegangen werden. Das Resultat: zuletzt 19 Spiele ohne Niederlage, überhaupt nur zwei Pleiten in der gesamten Saison. Die meisten geschossenen Tore, die wenigsten kassierten Treffer. Hertha war dieses Jahr der FC Bayern der Zweiten Liga.

Erst in die Mülltonne, dann zum Erfolg

Die Vergleiche mit dem Überteam der Bundesliga drängen sich auch sonst auf: Hertha hat den teuersten Kader aller Zweitligisten, die erfahrensten Profis, das größte Umfeld. Dennoch war der Aufstieg nicht zwangsläufig. Dass die Berliner so schnell wieder in die Spur zurückfinden würden, war zu Beginn der Spielzeit alles andere als selbstverständlich.

Am zweiten Spieltag verlor das Team beim kleinen FSV Frankfurt 3:1, und es war der einzige Augenblick, in dem Luhukay seine Ruhe verlor. Nach der Partie setzte er zu einer bemerkenswerten Wutrede an: "Einige glauben hier, dass sie groß seien, weil sie Hertha sind. Das werfen wir ab heute in die Mülltonne." Das brauchte Hertha offenbar, bevor der Erfolg zurückkam.

"Wir sind schneller wieder auf die Beine gekommen, als wir das selbst erwartet haben", sagte Preetz, nachdem das Team den Aufstieg durch ein mühsames 1:0 über den Tabellen-17. SV Sandhausen perfekt gemacht hatte. Preetz dürfte derjenige sein, der darüber am meisten erleichtert war. Hatten doch viele den hausgemachten Abstieg im Vorjahr gerade an seiner Person festgemacht.

Relegationsdesaster ist längst abgehakt

Mit den Panik-Verpflichtungen der Trainer Michael Skibbe und Otto Rehhagel hatte der Manager sich nacheinander zwei grandiose Fehlgriffe erlaubt - die letztlich nach einer ordentlichen Hinrunde zum Abstieg geführt hatten. Kulminierend in jenem jetzt schon zur Bundesliga-Geschichte zählenden Relegationsspiel bei Fortuna Düsseldorf, das unter widrigsten Umständen zu Ende ging.

Dass Hertha den damaligen Platzsturm der euphorisierten Fortuna-Fans als lebensbedrohliche Situation für die Hertha-Spieler interpretierte, um den Klassenerhalt am Grünen Tisch doch noch zu erzwingen, hat den Club zahlreiche Sympathien gekostet.

Bei Hertha hat man das abgehakt. Das war das Beste, was der Club tun konnte. Auf die kommenden Erstliga-Partien zwischen der Hertha und der Fortuna, sofern diese die Klasse erhält, darf man sich trotzdem jetzt schon als Risikospiele einstellen. Es sind Rechnungen offen geblieben.

Die Hauptstadt hat also ihren Erstligafußball zurück. Ob dies dann auch auf Dauer so bleibt, davon sind sie in Berlin allerdings selbst nicht so ganz überzeugt. Der Kader braucht trotz zahlreicher erfahrener Routiniers dringend zwei, drei Verstärkungen. Ob der in der Zweiten Liga aufgeblühte Brasilianer Ronny seine Torgefährlichkeit auch eine Etage höher bewahren kann, ist eine der offenen Fragen. Und viel Geld, um den Kader entsprechend personell und qualitativ aufzustocken, hat der traditionell verschuldete Verein nicht zur Verfügung.

Im Moment des Aufstiegs sind solche Zweifel naturgemäß eher gering ausgeprägt. Selbst der zurückhaltende Luhukay ließ sich nach dem Abpfiff zu einem "Nie mehr zweite Liga"-Gesang hinreißen. Und DFB-Präsident Wolfgang Niersbach stellte fest, es sei gut, dass Hertha zurück im Oberhaus sei: "Spiele im Olympiastadion sind immer etwas Besonderes." Und janz Berlin ist 'ne Wolke.

Das Ziel für die kommende Bundesliga-Saison hat Preetz, sehr Berlin-untypisch, geradezu demütig formuliert: "Das erste Jahr überleben." Da hat der bescheidene Luhukay offenbar ganze Arbeit im Verein geleistet.



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