Einstieg von Finanzinvestor Was mit den Windhorst-Millionen aus Hertha BSC werden kann

In der Bundesliga stagniert Hertha BSC. Durch den Einstieg von Lars Windhorst ist plötzlich viel Geld für neue Spieler da. Greifen die Berliner nun die Bundesligaelite an?
Profis von Hertha BSC: Wird aus Berlin jetzt ein großer Verein?

Profis von Hertha BSC: Wird aus Berlin jetzt ein großer Verein?

Foto: Felipe Trueba/Shutterstock

Davie Selke übertrieb. "Hertha BSC ist für mich ein großer Verein in der Bundesliga", sagte der Stürmer im Juni 2017 nach seinem Wechsel von RB Leipzig zu den Berlinern. Ein großer Verein war Hertha natürlich nicht. Der Hauptstadtklub hatte sich damals zwar erstmals seit acht Jahren wieder für den Europapokal qualifiziert, steckte aber fest im Kampf gegen die eigene Mittelmäßigkeit. Doch das könnte sich nun ändern.

Der Finanzinvestor Lars Windhorst steigt über seine Beteiligungsgesellschaft Tennor bei Hertha BSC ein. Eine entsprechende SPIEGEL-Recherche hatte der Klub am Donnerstag bestätigt . Das Investment umfasst zunächst 125 Millionen Euro. Der Klub sicherte Tennor zudem zu, in einem zweiten Schritt in der kommenden Saison weitere 12,4 Prozent der Anteile für rund 100 Millionen Euro kaufen zu können. Windhorst würden damit 49,9 Prozent der Hertha BSC GmbH & Co. KGaA gehören, der Profi-Tochter des Vereins. Seine gesamte Investition beliefe sich dann auf rund 220 Millionen Euro. (Die ganze Geschichte finden Sie hier .)

Ein Großteil des Geldes will Hertha nun in den Kauf neuer Spieler investieren. "Das erhöht unsere Chancen, mittelfristig in Reichweite internationaler Plätze zu kommen", sagte Hertha-Sportchef Michael Preetz dem SPIEGEL. Das Geld wolle der Klub aber nicht auf einen Schlag ausgeben, sondern "verteilt über die nächsten vier, fünf Jahre". Wird aus Hertha jetzt doch ein großer Verein in der Bundesliga?

Die Antwort muss lauten: vielleicht. Und wenn ja, dann nicht sofort.

Der von Präsident Werner Gegenbauer, Finanzchef Ingo Schiller und Sportchef Michael Preetz seit Jahren wirtschaftlich solide geführte Klub plant eher eine kontrollierte Offensive auf die Plätze drei bis sechs. Die Entwicklung seit dem Wiederaufstieg 2013 soll fortgeführt werden - nur eben beschleunigt. Die Stagnation der vergangenen beiden Spielzeiten, die auf Platz elf und zehn beendet wurden, soll überwunden werden.

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Umstrittener Finanzinvestor: Das Auf und Ab des Lars Windhorst

Nach zwei Abstiegen innerhalb von drei Jahren (2010 und 2012) hatte es Hertha geschafft, sich ans obere Ligadrittel heranzutasten. Dabei gab es Rückschläge wie 2015, als man am letzten Spieltag noch um den Klassenerhalt fürchten musste. Und es gab Ausschläge nach oben: 2015/2016 sowie 2017/2018 überwinterten die Berliner unter Trainer Pál Dárdai jeweils auf Platz drei und träumten von der Champions League.

Mittelmaß war nicht mehr gut genug

Dazu reichte es zwar nicht. Doch der Einzug ins Pokalhalbfinale 2016 und Platz sechs in der Liga 2017 inklusive Europa-League-Teilnahme waren nach Jahren der Tristesse ein Erfolg. Irgendwann vergaß man fast, dass Hertha bis vor Kurzem noch eine Fahrstuhlmannschaft gewesen war. Der Klub aus dem Westend hatte sich gemausert. Und weil man in Berlin gern größer denkt, waren Platz elf und zehn zuletzt nicht mehr gut genug. Trainer Dárdai, eigentlich ein Vereinsheiliger, musste in diesem Sommer gehen.

Hertha ist sportlich also immer noch ein mittelmäßiger Bundesligist. Aber das ist mit Blick auf die jüngste Abstiegshistorie eigentlich ein Fortschritt. Gelungen ist das auch dank des Einstiegs des ersten Finanzinvestors 2014, der internationalen Privat-Equity-Firma KKR, die insgesamt rund 60 Millionen Euro investierte.

Damit tilgte der Klub hauptsächlich die in den Großmannsjahren unter Manager Dieter Hoeneß aufgetürmten Verbindlichkeiten und kaufte TV- und Merchandising-Rechte zurück, die der Klub in seiner Not zuvor verpfändet hatte. "Ohne KKR würden wir heute nicht da stehen, wo wir sind", sagte Präsident Gegenbauer im Herbst 2018 dem Magazin "Capital".

Auf dem Transfermarkt verfolgte Manager Preetz die Strategie, auf (vornehmlich deutsche) Perspektivspieler zu setzen und diesen eine Handvoll erfahrener Profis an die Seite zu stellen. Aber er verkaufte auch teuer.

Herthas Salomon Kalou (l.), Vedad Ibisevic: 85 Bundesligatore

Herthas Salomon Kalou (l.), Vedad Ibisevic: 85 Bundesligatore

Foto: DPA

Im Sommer 2014 nahm Hertha für die Stürmer Pierre-Michel Lasogga und Adrián Ramos, die nach Hamburg beziehungsweise Dortmund wechselten, zusammen rund 18 Millionen Euro ein. Als Ersatz erwarb Preetz den ivorischen Angreifer Salomon Kalou für 1,8 Millionen Euro aus Lille. Dessen üppiges Gehalt konnte sich Hertha auch dank der KKR-Mittel leisten. Ein Jahr später kam der Veteran Vedad Ibisevic dazu. Kalou und Ibisevic haben seither zusammen 85 Bundesligatore erzielt.

Preetz hatte auch ein gutes Gespür für Spieler mit dem Potenzial zu einer enormen Wertsteigerung. 2015 kamen etwa Mitchell Weiser ablösefrei vom FC Bayern und Niklas Stark für drei Millionen aus Nürnberg. Stark gehört heute zum DFB-Kader von Bundestrainer Joachim Löw, Weiser wurde 2018 für zwölf Millionen Euro nach Leverkusen verkauft. Der teuerste Spieler der Vereinsgeschichte wurde Selke 2017: Für rund 8,5 Millionen Euro kam er aus Leipzig, was im Ligavergleich immer noch wenig ist. Heute wird der Marktwert des U21-Europameisters von 2017 auf 18 Millionen Euro geschätzt.

Preetz profitierte zudem von der guten Ausbildungsarbeit in Berlin. U21-Nationalspieler Arne Maier ist hochtalentiert, John Anthony Brooks, ebenfalls bei Hertha ausgebildet, verkaufte Preetz 2017 für 17 bis 20 Millionen Euro nach Wolfsburg. Das nächste gute Geschäft könnte bald Außenbahnspieler Valentino Lazaro werden. Für den Österreicher soll Inter Mailand 22 Millionen Euro bieten. Nie hat Hertha BSC mehr für einen Spieler kassiert.

Marko Grujic, den bisherigen Leihspieler vom FC Liverpool, möchte Hertha gern halten

Marko Grujic, den bisherigen Leihspieler vom FC Liverpool, möchte Hertha gern halten

Foto: Patrick Seeger / DPA

Und es könnte sein, dass zeitnah eine weitere Personalie vermeldet wird: Hertha würde gern den bisher vom FC Liverpool ausgeliehenen serbischen Mittelfeldspieler Marko Grujic halten. Das war bisher finanziell nicht darstellbar. Jetzt schon.

Angriff auf die zweite Reihe

Wenn man so will, ist in Berlin der Boden bereitet, um mit dem frischen Geld vom Investor den Angriff auf die zweite Reihe der Ligaelite zu wagen. Zwar wird man den wirtschaftlichen Abstand auf den FC Bayern und Borussia Dortmund nicht komplett aufholen können. Auch eine Art nationaler Vorzeigeklub aus der Hauptstadt, wie es sie in Paris, Madrid oder London gibt, wird so schnell aus Hertha nicht erwachsen. Aber mit Schalke, Mönchengladbach, womöglich auch Leverkusen und Hoffenheim ließe sich vielleicht irgendwann dauerhaft mithalten.

Das hängt zum einen davon ab, ob Hertha das zweite große Thema des Klubs für sich positiv abschließen kann: den Bau eines eigenen Fußballstadions bis 2025. Zum anderen müssen in Berlin weiter kluge Personalentscheidungen getroffen werden. Ob die Wahl des in der Bundesliga noch unerfahrenen Trainers Ante Covic als Dárdai-Nachfolger eine solche war, muss sich erst noch zeigen. Der bisherige U23-Chefcoach war eigentlich die kleine Lösung. Bei Hertha denkt man von nun an aber größer.