Hertha BSC nach dem Klinsmann-Rücktritt Der spannendste Abstiegskandidat Europas

Der Rücktritt von Jürgen Klinsmann stürzt den Fußball-Bundesligisten Hertha BSC in eine schwere Krise. Es droht ein Machtkampf, der den ambitionierten Berliner Klub zerreißen könnte.
Jürgen Klinsmann (l.) und Michael Preetz: In Orlando zerbrach etwas

Jürgen Klinsmann (l.) und Michael Preetz: In Orlando zerbrach etwas

Foto: Britta Pedersen / DPA

In Orlando liegt die Antwort. Die Antwort auf die Frage, warum Jürgen Klinsmann am Dienstag als Cheftrainer von Hertha BSC zurückgetreten ist. Warum aus einem Verein, der durch den Einstieg des Investors Lars Windhorst im Sommer 2019 eigentlich von einem Mittelklasse-Unternehmen zum Big City Club à la FC Chelsea umgeformt werden sollte, nun ein Klub geworden ist, der in seiner schwersten Krise seit dem Bundesligaabstieg 2012 steckt.

Das könnte dazu führen, dass am Ende dieser Spielzeit aus dem "spannendsten Fußball-Projekt Europas" (Klinsmann Anfang November) der erste Absteiger der deutschen Liga-Geschichte wird, der im Winter noch fast 80 Millionen Euro für neue Spieler investiert hat. Schon jetzt jedenfalls sind die Berliner der spannendste Abstiegskandidat Europas.

In Orlando, Florida, bereitete sich Hertha Anfang Januar auf die Rückrunde vor. Hier unterbreitete Klinsmann der Hertha-Geschäftsführung um Manager Michael Preetz einen Plan, der bei den Berliner Verantwortlichen auf Ablehnung stieß. Klinsmann, der Ende November in der Friedenauer Villa von Präsident Werner Gegenbauer noch von Windhorst (für den er seit Anfang November im Hertha-Aufsichtsrat saß) sowie Preetz überredet werden musste, den Job als Cheftrainer bis zum Ende der Saison zu übernehmen, wollte plötzlich Hertha-Trainer über den Sommer hinaus bleiben, am liebsten für zwei bis drei Jahre und, so berichten es Beteiligte, für ein üppiges Gehalt sowie mit mehr Kompetenzen als bisher. Die Entscheidung über eine Vertragsverlängerung sollte schnell fallen.

Wie eine Parodie eines Chaosklubs

Preetz und die Hertha-Geschäftsführung lehnten mit dem Hinweis ab, dass man darüber nicht vor März entscheiden werde. Erst dann könne man erkennen, ob Hertha unter Klinsmann sportlich die gewünschte Entwicklung nehme. So gingen Klinsmann und Preetz auseinander, aber in diesem Moment zerbrach etwas. Und das mündete nun, ein paar Wochen später und nach dem alarmierenden 1:3 gegen Mainz am Samstag, das Hertha wieder erhebliche Abstiegssorgen gebracht hat, im Rücktritt Klinsmanns.

Dass das Ganze ablief wie eine Parodie eines Chaosklubs, ist ein PR-Desaster für Klinsmann, den Investor Windhorst und Hertha. Bei einem Facebook-Liveauftritt am Montag hatte Klinsmann den Hertha-Fans noch gesagt: "Wir sind insgesamt auf dem richtigen Weg. (…) Wir haben noch einige Arbeit vor uns." Am Dienstagmorgen verkündete der 55-Jährige dann aber der Mannschaft und seinem Trainerteam seinen Entschluss, hinzuwerfen, und erst danach Preetz, bevor er seinen Schritt über einen Facebook-Eintrag der Öffentlichkeit mitteilte. Windhorst berichtete gegenüber der "Bild"-Zeitung, dass ihn Klinsmann schon am Montag über seinen Rücktritt informiert habe, nur, um dies dann etwas später wieder zu kassieren. Er habe auch erst am Dienstag davon erfahren, so Windhorst. Ein Wahnsinn.

Doch die viel größere Sprengkraft dieser enormen Posse liegt in Klinsmanns formulierten Gründen für den Rücktritt - und in seiner geplanten Zukunft. Es könnte daraus ein heftiger Machtkampf zwischen Klinsmann und Preetz entstehen, der den Klub mit seinen großen Ambitionen lähmt – oder vielleicht sogar zerreißt.

Auf Facebook attackierte der frühere Bundestrainer und US-Coach die Klubführung offen: "Als Cheftrainer benötige ich allerdings für diese Aufgabe, die noch nicht erledigt ist, auch das Vertrauen der handelnden Personen. Gerade im Abstiegskampf sind Einheit, Zusammenhalt und Konzentration auf das Wesentliche die wichtigsten Elemente. Sind die nicht garantiert, kann ich mein Potenzial als Trainer nicht ausschöpfen (…)." Klinsmann interpretierte die Ablehnung der vorzeitigen Vertragsverlängerung offenbar als Vertrauensbruch. Am Dienstagnachmittag legte Klinsmann in einem Interview mit der "Bild"-Zeitung nach. Dort sprach er von "verschiedenen Denkweisen und Kulturen", von seinem Wunsch, mehr Kompetenzen in Sachen Transfers zu bekommen, "nach dem englischen Modell". Die letzten Wochen, so Klinsmann in dem Interview, hätten "viel zu viel Energie gekostet, die in Nebensächlichkeiten verbraucht wurden". Es ist zudem zu hören, Klinsmann sei enttäuscht gewesen über fehlende Unterstützung vonseiten Herthas, als es Mitte Januar um Probleme mit seiner Trainerlizenz beim DFB ging.

Die entscheidende Frage: Was macht Windhorst?

In seinem Statement kündigte Klinsmann des Weiteren an, wieder auf seinen Posten als Aufsichtsratsmitglied zurückkehren zu wollen, der während seiner Trainertätigkeit geruht hatte. Klinsmann als sportlich-strategischer Berater von Windhorst besetzt seit November einen von vier Plätzen im neunköpfigen Gremium, die Windhorst nach dem Erwerb von 49,9 Prozent der Anteile an der Hertha BSC Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA) zustehen. Der Aufsichtsrat der KGaA kontrolliert die Arbeit der Hertha-Geschäftsführung – also auch die von Preetz. Er kann die Bestellung und Entlassung von Geschäftsführern nicht beschließen, das ist Sache des Präsidiums. Deswegen ist es auch müßig, dass Klinsmann in der "Bild"-Zeitung gelobt: "Ich feuere niemanden. Es geht um die Zukunft von Hertha BSC und Berlin." Aber Steine kann Klinsmann Preetz zukünftig sehr wohl in den Weg legen, wenn dieser dem Aufsichtsrat über seine Arbeit berichtet. Und er kann beim Investor gegen Preetz argumentieren.

Die entscheidende Frage für Hertha wird nun sein: Was macht Windhorst? Der 43-Jährige hat immer wieder betont, dass er vom Fußballgeschäft eigentlich keine Ahnung hat. Glaubt er nun seinem Gesandten Klinsmann, sollte dieser als Aufsichtsratsmitglied gegen Preetz und die Klubführung wettern? Oder hält sich der Investor eher an die Einschätzungen von Preetz, Präsident Werner Gegenbauer und Finanzgeschäftsführer Ingo Schiller, mit denen er den 224-Millionen-Deal im Sommer eingefädelt hat? Sollte sich Windhorst gegen Preetz stellen, hat er formal zwar nicht die Macht, ihn abzusetzen. Aber es ist kaum davon auszugehen, dass sich Hertha gegen den Willen des Geldgebers wenden wird. Windhorst hatte intern in Aussicht gestellt, noch mehr Millionen zu investieren.

Bei Hertha sind sie konsterniert und verärgert. Intern soll Klinsmann oft davon berichtet haben, wie ihn die Erfahrung als Cheftrainer beim FC Bayern 2008/2009, als er nach nur zehn Monaten entlassen wurde, geprägt hat. Von einem "Bayern-Trauma" habe Klinsmann gesprochen. "Aber wir bei Hertha haben ihm doch fast alles gegeben, was er wollte", sagt ein Hertha-Verantwortlicher dem SPIEGEL. Zum Beispiel drei neue Spieler in der Winterpause (und einen für den Sommer) für 76 Millionen Euro (Lucas Tousart, 25 Millionen Euro, Krzysztof Piatek, 22, Matheus Cunha, 18, Santiago Ascacíbar, 11). Auch durfte Klinsmann eigentlich verdienten Angreifern wie Salomon Kalou (den er im Winter aussortierte) und Vedad Ibisevic (den er kaum noch einsetzt) vor den Kopf stoßen, obwohl ein großes Problem seiner Mannschaft die fehlende Torgefahr war.

Einen Plan B gibt es nicht

Intern gab es durchaus Zweifel an Klinsmann. "Sportlich hat die Entwicklung nicht gestimmt", heißt es inoffiziell von Hertha. Klinsmann kommt in neun Bundesligaspielen auf zwölf Punkte (drei Siege, drei Remis, drei Niederlagen). Als er im November von seinem Vorgänger Ante Covic übernahm, war Hertha Tabellen-15. Nur zwei mehr erzielte Tore trennten den Klub damals vom Relegationsplatz. Elf Wochen später steht Hertha auf Rang 14 und hat sechs Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz. Klinsmann wertet das als Erfolg: "Wir waren in der relativ kurzen Zeit auf einem sehr guten Weg", schrieb er auf Facebook. 

Am Samstag (15.30 Uhr/Liveticker SPIEGEL.de/TV: Sky) in Paderborn soll der bisherige Co-Trainer Alexander Nouri Klinsmann ersetzen. Einen Plan B bei der Trainerfrage gibt es im Moment nicht. Auf die turbulenten Entwicklungen am Dienstag war Hertha nicht vorbereitet. Es könnte aber sein, dass die Turbulenzen noch lange weitergehen.

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