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Otto Rehhagel: Bremen, Bayern, Berlin

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Hertha-Trainer Rehhagel König Otto, der Vorletzte

Drei Pleiten, zehn Gegentore, vorletzter Tabellenplatz: Otto Rehhagel sollte Hertha BSC vor dem Abstieg bewahren - und führt die Berliner geradewegs in Richtung zweite Liga. Die Aussichten sind düster. Der Trainer fällt nur noch mit Lebensweisheiten auf.

Hamburg/Berlin - Otto Rehhagel wollte originell sein, aber amüsant dürften die Hertha-Fans ihren Trainer kaum finden. "Denk' ich an Bayern in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht", dichtete der Berliner Coach frei nach Heinrich Heine, als er jüngst die 0:6-Klatsche gegen die Münchner kommentierte.

Nach dem Sturz auf den vorletzten Tabellenplatz ist bei Herta BSC aber kaum noch jemand zu Scherzen aufgelegt. Heine, Schiller, vor allem Goethe: Rehhagel bemüht gerne die deutschen Geistesgrößen, um seine Botschaft zu übermitteln. Nur scheint diese nicht bei seinen Spielern anzukommen. Hertha steht fünf Wochen nach Rehhagels Verpflichtung vor dem Sturz in die zweite Liga, und "König Otto", wie er in seiner Zeit bei Werder Bremen genannt wurde, wirkt wie ein hilfloser Hofnarr.

Vier Spiele, drei Niederlagen, ein Sieg, 1:10 Tore: Das ist die Ausbeute von Hertha BSC unter Rehhagel mit der Demütigung durch die Bayern im eigenen Stadion als vorläufigen Tiefpunkt. Die Berliner stürzten in der Tabelle dadurch erstmals in dieser Saison auf einen direkten Abstiegsplatz. Und eine Besserung ist an diesem Wochenende nicht unbedingt zu erwarten: Berlin tritt am Samstag (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) bei dem in der Rückrunde im Aufschwung befindlichen FSV Mainz 05 an.

"Wir sind noch nicht abgestiegen", sagte Rehhagel nach der Pleite gegen die Bayern und ergänzte: "Rein rechnerisch ist noch alles möglich." Spätestens bei diesem Satz müssen sich die Berliner Verantwortlichen große Sorgen gemacht haben. Denn er wird immer dann bemüht, wenn die Lage bereits aussichtslos scheint.

Hertha erzielte in neun Rückrundenspielen nur zwei Tore

Betrachtet man die Statistik der Rückrunde, ist Herthas Lage tatsächlich prekär. Von den neun Bundesliga-Spielen seit der Winterpause verlor Berlin acht, siegte lediglich gegen Bremen, erzielte zwei Tore und kassierte 21. Das sind die Zahlen eines Absteigers. Zumal die direkten Konkurrenten Freiburg und Augsburg, die viele Experten schon sicher in der zweiten Liga gesehen hatten, derzeit im Aufwärtstrend sind.

Schon richten sich die kritischen Blicke auf Rehhagel. Doch nachdem Markus Babbel und Michael Skibbe gehen mussten, können sich die Berliner keinen neuen Wechsel erlauben. Das Kalkül von Manager Michael Preetz war: Um das sportliche Tagwerk kümmern sich die Trainer-Assistenten. Rehhagels Rolle ist die des Motivators, der die Mannschaft mitreißt. Eine Rechnung, die bislang nicht aufgegangen ist.

Rehhagel ist ein Relikt aus einer Bundesliga-Zeit, als noch mit Libero gespielt wurde. Unterhaching, Rostock und Bochum hießen die Bundesliga-Vereine, als er den 1. FC Kaiserslautern im September 2000 verließ. Das war vor mehr als elf Jahren, seitdem hat Rehhagel keinen Bundesligisten mehr betreut. Elf Jahre sind im modernen Fußball eine Ewigkeit. In puncto Technik und Taktik ist jeder Co-Trainer mittlerweile besser informiert als Rehhagel.

Bleibt die Motivationsebene, die Rehhagel ja beherrschen soll. "Er hat eine unglaubliche Ausstrahlung", schwärmte Hertha-Torwart Thomas Kraft nach dem ersten Training von Rehhagel, der in Berlin dieselben Lebensweisheiten wie schon vor Jahrzehnten zum Besten gibt. Da darf Goethe ebenso wenig fehlen wie Ehefrau Beate.

Und Preetz? Der kommentiert die Kritik am Coach mit dem Satz, man lasse sich nicht auseinanderdividieren. Was soll er auch tun? Bevor er den nächsten Trainer feuert, das weiß Preetz, müsste er selbst gehen. Der Manager ist Hauptverantwortlicher für die schwere Krise, hat in Berlin zu viele Fehler in kürzester Zeit gemacht.

Einer davon war, dass er mit Rehhagel einen Retter verpflichtet hat, der nie ein Retter war, der kaum Erfahrung im Abstiegskampf hat. Mit Bremen, Bayern und Lautern landete er stets in der oberen Tabellenhälfte, spielte häufig um die Meisterschaft und fast immer um die europäischen Plätze. Der letzte abstiegsbedrohte Verein vor Hertha, den Rehhagel übernahm, war Fortuna Düsseldorf - in der Saison 1979/1980.

In Berlin wähnten sie sich im vergangenen Jahr, nach dem direkten Wiederaufstieg, im Himmel. Und die gute Hinrunde dieser Saison mit Platz elf ließ schnell den Glauben reifen, nichts mit dem Abstieg zu tun zu haben. In der Hauptstadt leiden sie an derselben Krankheit wie in Hamburg und Köln: Sie halten ihren Club für größer, als er tatsächlich ist.

Was Hertha, den HSV und den 1. FC ebenfalls eint: Sie alle kämpfen derzeit gegen den Absturz in die Zweitklassigkeit, in Berlin ist die Lage allerdings am dramatischsten. Möglich, dass Rehhagel am Ende noch einmal Goethe zitieren muss. Im "Faust" heißt es: "Und wandelt mit bedächt'ger Schnelle, vom Himmel durch die Welt zur Hölle."

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