Präsidentenwahl bei Hertha BSC Ehemaliger Ultra gegen den »Kennedy von der Spree«

Hertha BSC will am Sonntag einen neuen Präsidenten wählen. Dass danach Ruhe im Klub einkehrt, ist zweifelhaft – die beiden aussichtsreichsten Bewerber könnten kaum unterschiedlicher sein.
Präsidentschaftskandidat Frank Steffel

Präsidentschaftskandidat Frank Steffel

Foto: imago sportfotodienst / Camera 4 / IMAGO

In diesen Tagen probt Berlin schon mal die Zukunft. Im Olympiastadion finden die Deutschen Meisterschaften der Leichtathletik statt, Laufen, Springen, Werfen. Bundesligafußball soll hier schließlich irgendwann kaum noch zu sehen sein.

Hertha BSC will das Olympiastadion so schnell wie möglich verlassen, der Standort für die neue Arena in der direkten Umgebung scheint gefunden. Nach jahrelangem Hin und Her könnten Senat und Klub Einigkeit über einen Neubau erzielen.

Scheint und könnte, das sind die Begriffe, die man in Berlin immer verwenden muss, wenn es um Bauvorhaben geht. Zu den Beratern des Stadionprojektes gehört übrigens der frühere Chef des BER, Engelbert Lütke Daldrup.

Ära Gegenbauer ist zu Ende

Aber erst einmal will Hertha an diesem Sonntag eine erste große Baulücke schließen. Der Klub wählt einen neuen Präsidenten. Weil bei Hertha so vieles mit Aufregung verbunden ist, ist auch diese Wahl schon im Vorfeld mit allerlei Emotionen gespickt. Und ob am Sonntag tatsächlich eine Baustelle fertiggestellt oder vielmehr eine neue wieder aufgemacht wird, ist vollkommen offen.

Nach 14 Jahren an der Spitze des Klubs hat Werner Gegenbauer im Vormonat seinen Rücktritt erklärt, zuletzt zermürbt von Kritik und Vorwürfen. Man kann in diesem Fall tatsächlich vom Ende einer Ära sprechen; als Gegenbauer 2008 sein Amt antrat, nahm Hertha gerade Anlauf, unter Lucien Favre ein Topklub zu werden. Stattdessen folgten zwei Abstiege, zwei Aufstiege, es war immer was los. Die Protagonisten wechselten, Gegenbauer blieb.

Werner Gegenbauer, Lars Windhorst und der ehemalige Geschäftsführer Michael Preetz (v.l.)

Werner Gegenbauer, Lars Windhorst und der ehemalige Geschäftsführer Michael Preetz (v.l.)

Foto: ANNEGRET HILSE/ REUTERS

Zuletzt jedoch hatten sich der Präsident und Investor Lars Windhorst unrettbar ineinander verkeilt, der Konflikt zwischen beiden hatte längst begonnen, den Klub zu lähmen. Abwahlanträge lagen für die Mitgliederversammlung schon in der Schublade. Der Multiunternehmer Gegenbauer, dem vorgeworfen wurde, er führe Hertha so, als sei der Klub auch eine seiner Firmen, kam dem zuvor.

Ein krachender Dualismus

Am Sonntag geht es um seine Nachfolge, und es ist jetzt sehr viel in den Berliner Medien vom »Showdown« zwischen den beiden aussichtsreichsten Bewerbern die Rede. Die Versuchung ist aber auch zu groß, um auf die plakativen Überschriften zu verzichten. »Ehemaliger Ultra« gegen den »Kennedy von der Spree«, das kann man sich als krachenden Dualismus kaum entgehen lassen.

Zum einen bewirbt sich der 41-jährige Kay Bernstein, Inhaber einer Kommunikations- und Eventagentur, einst Einpeitscher der Hertha-Ultragruppe Harlekins in der Ostkurve. Daraus macht er keinen Hehl, im Gegenteil: Das ist sein Pfund, damit kann er sich als der Interessenvertreter der Fans präsentieren.

Kay Bernstein in seiner Firma in Neukölln

Kay Bernstein in seiner Firma in Neukölln

Foto: IMAGO/Matthias Koch

Auf der anderen Seite steht Frank Steffel. 2001 hatte er sich erfolglos als CDU-Spitzenkandidat um das Amt des Regierenden Bürgermeisters beworben, aus jener Zeit stammt das Etikett vom Spree-Kennedy, das er bis heute nicht losgeworden ist, so wie Hertha das Etikett vom Big City Club" nicht mehr loswird.

Viele Jahre saß Steffel für den Bezirk Reinickendorf und für die CDU im Bundestag, noch ein paar Jahre länger stand er dem Handball-Bundesligisten Füchse Berlin vor. Mehr altes West-Berlin ist in Summe kaum denkbar.

Das Wohlwollen von Windhorst

Steffel wuchert mit seiner jahrelangen Erfahrung als Füchse-Klubboss, mit seinen über die Zeit aufgebauten Kontakten in die Politik, in die Wirtschaft. Es ist kein Geheimnis, dass er auch der Bewerber ist, der am ehesten das Wohlwollen von Investor Windhorst hat. Vielleicht ist dies alles aber auch genau sein Problem.

Steffel ist erst vor zwei Wochen auf Betreiben des neuen Aufsichtsratschefs Klaus Brüggemann auf das Kandidaten-Karussell aufgesprungen, zu einer Zeit, als die Bewerbung Bernsteins schon seit Monaten feststand. Brüggemann hatte eine Liste prominenter Vereinsmitglieder durchforstet und war dabei auf Steffels Namen gestoßen.

Der 56-jährige CDU-Politiker geriert sich als der Bewerber, der die Gräben der Vergangenheit im Klub zuschütten will, sozusagen als der Konsenskandidat aller Herthaner. Steffel hat Bernstein angeboten, in seinem Team zu arbeiten, wenn er dafür auf eine Kampfkandidatur verzichtet. Bernstein hat das abgelehnt, für ihn stehe Steffel nicht für den Neuanfang, den der Klub nötig habe.

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Wer mobilisiert am besten?

Der Ausgang der Wahl gilt als offen, es kommt wohl auch darauf an, wer seine Anhänger am Sonntag am besten mobilisieren kann. Steffel weiß das gute, alte Berlin-Establishment hinter sich, Hertha-Urgestein Pál Dárdai, der nach seinem Abgang als Trainer im Herbst öffentlich kaum aufgetreten war, hat sich letztens mit einem Video bei Twitter für Steffel starkgemacht. Gleichzeitig tut sich der Politiker noch schwer, das Herz der Hertha-Fans für sich zu gewinnen.

Was viel mit seiner Vergangenheit zu tun hat. Der Politiker ist eine in Berlin bestens bekannte, aber auch gern verspottete Figur. Die alten Geschichten kommen jetzt wieder auf, wie er sich einst hinter Edmund Stoiber versteckte, als bei einer CDU-Kundgebung auf dem Alexanderplatz aus dem Publikum Eier und Tomaten flogen.

Dass er als CDU-Bürgermeisterkandidat für Berlin München zur heimlichen Hauptstadt Deutschlands erklärte, im Bundestag abfällig über Ultras hergezogen ist und sich in der Jugend rassistisch geäußert hatte. Wie ihm der Doktortitel wegen offensichtlichen Plagiats aberkannt wurde, was ihn in Berlin zumindest auf Augenhöhe mit der Regierenden Bürgermeisterin bringt. Der SPIEGEL ernannte ihn 2001 zu »Berlins unerschütterlichem Loser«. All das sind keine Pluspunkte.

Bernstein hat in einem Interview mit dem ­»Kicker« im Vorfeld der Wahl beklagt, die »Egos und Eitelkeiten im Klub« seien immer noch zu groß. Aber Hertha ohne Egos und Eitelkeiten? Das wäre tatsächlich ein Neuanfang – mit wem auch immer.

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